Lieber Ditar,
deine „zeitnarbe“ hat bei mir sofort eine eigentümliche, leicht verstörende Stimmung ausgelöst. Ich lese darin ein Ich, das irgendwie aus seiner eigenen Zeit gefallen ist, zunächst „zu früh“, dann aber zugleich zu spät, um sich selbst zu erkennen.
Besonders interessant finde ich den Übergang vom Spiegel zum Schluss:
„ich hebe es nicht auf
die zeit erkennt mich
vor mir“
Das hat für mich etwas sehr Existentielles. Als würde das eigene Gesicht, also die eigene Identität, dem Ich entgleiten, während die Zeit bereits weiß, wer oder was es ist.
Auch das Bild vom Rost, der durch die Zahnräder „blutet“, bleibt hängen. Zeit erscheint hier nicht als neutrales Vergehen, sondern als etwas Zersetzendes, das in ein funktionierendes Gefüge eindringt.
Gleichzeitig muss ich gestehen, dass ich nicht jede Verbindung eindeutig greifen kann! Gerade „ein uhrschlag zu früh“ und „das ich bleibt ungeboren“ öffnen für mich mehrere mögliche Lesarten.
Für mich ist es jedenfalls ein sehr konzentrierter, düsterer Text über Zeit, Identität und Selbstverlust. Und der Titel „zeitnarbe“ gefällt mir dafür ausgesprochen gut.
Liebe Grüße
Rolph
Rolph David31.08.2026
Mich fesselt deine ZEITNARBE, aber ich kann sie
nicht aufbrechen... Selbst das Lesen bei Rolph
brachte mich nicht weiter. Jetzt bist du wieder
dran, Ditar! Helfe uns bitte auf die Sprünge, damit
ein nächstes Mal gelinge...
Neugierige Grüße - Renate
Renate Tank31.08.2026
Ja Ditar, auch die Zeit lässt Narben hinter sich. Im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, das wäre die Devise.
Gern gelesen,
lG Bertl.
freude31.08.2026
Lieber Ditar,
mich spricht dieser unbarmherzige Text vor allem durch seine bildliche Radikalität an.
Während Rolph den psychologischen Selbstverlust betont, spüre ich in der „zeitnarbe“ vor allem eine beunruhigende Verbindung von Biologischem und Mechanischem.
Das Bild vom Rost, der durch die Zahnräder „blutet“, hat bei mir fast ein körperliches Unbehagen ausgelöst. Es wirkt auf mich, als wäre das Ich selbst dieses fehlerhafte Uhrwerk, das innerlich unaufhaltsam korrodiert.
Dass das Gesicht am Ende einfach liegengelassen wird („ich hebe es nicht auf“), lese ich gar nicht mal als reine Resignation. Für mich steckt darin ein fast schon trotziger, befreiender Verzicht auf die Maske der Identität. Wenn die Zeit mich ohnehin längst durchschaut hat, brauche ich die Fassade nach außen auch nicht mehr aufzuheben.
Liebe Grüße
Dietrich
Dietrich0731.08.2026
Hallo Ditar,
das Bild des Leidens, das symbolisch aus dem Spiegel gefallen ist, sollte man auch nicht aufheben, um nicht die Ängste in Bezug auf das Morgen. Wenn man das Gefühl hat, dass die Minute wie Rost durch die Zahnräder blutet, fällt gefühlt das Blut aus dem Spiegel heraus, was aber auch den Anstoß zu einem Neuanfang bedeuten kann. Reagiert man zu früh, kann dies Ungemach bedeuten, aber ebenso, wenn man "den Zug des Lebens" um eine Minute verpasst. Ein hoch emationales Gedicht, dss mir sehr zugesprochen hat! Starke Wortwahl!
LG. v. Michael
Michael Reissig01.09.2026