Leonhard Ried
Von kleinen und von großen Kindern!
Neben mir hat eine junge Frau Platz genommen,
welche mütterliche Formen hat und gut gepolstert ist.
Vor ihr steht ein großer Kinderwagen.
Soeben hat sie eine Folie aus Plexiglas
zur Seite geschoben,
die noch tropfnass vom Regen ist.
Zum Vorschein kommt ein
gar nicht so kleiner dunkelhäutiger Junge,
der munter um sich blickt.
Von Anfang an lässt er keinen Zweifel daran,
dass der Kinderwagen für ihn
so etwas wie ein Gefängnis ist.
Er macht immer wieder Anstalten,
aus dem Gefährt herauszusteigen.
Das sieht nicht so ganz ungefährlich aus.
Auch ist es gar nicht im Sinne der Mutter.
Schließlich fahren sie nur ein paar Stationen
mit der Straßenbahn.
Die Mutter gibt irgendwann nach.
Ihr bleibt schon gar nichts anderes übrig,
als den kleinen Wonneproppen herauszuholen
und auf den eigenen Schoß zu setzen.
Dieser Ort scheint ihm sehr zu behagen.
Er dehnt sich und streckt sich
und probiert alle möglichen Lagen aus.
Und gleichzeitig ergreift er das Wort,
ohne irgendein Wort zu sagen.
In einem fast ununterbrochenen Singsang
teilt er uns sehr viel mit.
Kein bedeutender Romancier könnte uns
mehr erzählen.
Er beginnt mit einem großen Trauergesang,
der uns einen Einblick gewährt
in die Schwere des Lebens.
Ahnt er schon im Voraus,
was auf ihn zukommen könnte?
Oder hat er schon so vieles erlebt?
Oder hat er ein sicheres Gespür für das,
was uns alle betrifft?
Der eine oder andere von uns würde jetzt vielleicht
in einer tiefen Depression versinken.
Nicht so der junge Mann!
Sein Gesang wandelt sich.
Er kennt auch die anderen,
die schönen Seiten des Lebens.
Niemand hindert ihn daran,
sich so in Szene zu setzen.
Plötzlich ergreift die Mutter die Initiative.
Sie legt ihn auf ihre linke Schulter.
Auch diese Position scheint ihm sehr gut zu gefallen.
Kräftig patscht er mit seinen kleinen Händchen
auf ihren Nacken.
Ist das sein Übermut
oder ist das nur eine Form der Zärtlichkeit?
Ich weiß das nicht,
denn ich bin nur ein Dichter.
Die Mutter aber hat alles im Griff
und gibt ihm klar zu verstehen,
was gut und richtig ist.
Es fällt mir nicht ganz leicht,
die beiden wieder zu verlassen.
Im Bäckereicafe sitzt neben mir ein älteres Kind,
das ungefähr 57 Jahre alt ist.
Den 80-jährigen Papa hat es mitgebracht.
Dieser Nachbar leidet an einem leichten Autismus.
Ich frage ihn, woran er das merkt.
Als ich ihm zuhöre, fällt mir auf,
dass ich das alles von mir selber kenne.
Vielleicht bin ich sogar viel kränker als er,
bloß noch nicht in den richtigen Händen.
Jetzt weiß ich,
worüber ich auf dem Heimweg nachdenken muss.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2026.
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