Rolph David
Nur sechsundzwanzig!
Am Anfang
war kein Wort.
Nur Zeichen!
Sechsundzwanzig
unscheinbare Gestalten,
nebeneinander
wie Sterne –
ohne zu wissen,
dass man aus ihnen
Universen bauen kann.
A, B, C …
und plötzlich: Liebe.
Vier verschiedene Zeichen nur
und doch kann dieses Wort
ein ganzes Leben enthalten.
Man setze ein kleines un-
vor ein beliebiges Wort:
möglich > unmöglich,
glücklich > unglücklich.
Nur zwei Zeichen –
und schon kippt die Welt!
Setze ein nicht
hinter
Ich liebe dich
und aus Nähe
wird eine Mauer.
Doch dann:
Ich liebe dich noch.
Vier kleine Buchstaben
und plötzlich
ist nicht alles verloren.
Wir haben nur sechsundzwanzig!
Und doch werden daraus
26², 26³, 26⁴, 26⁵ …
Millionen von Möglichkeiten
und immer noch
sind es nur Buchstaben
bis wir ihnen
Bedeutung geben!
Dann genügt
ein einziges Wort:
Ja!
Und
eine Tür geht auf!
Nein!
und sie fällt zu!
Vielleicht.
Und die Zukunft
bleibt offen.
Wie seltsam:
Wir verändern nur ein paar Zeichen
und verändern damit
die Welt,
die zwischen Menschen entsteht.
Die Buchstaben wissen nichts davon.
Das T weiß nicht,
dass es in Tod
und Licht,
in Traum
und Zeit,
in Trost
und Trennung
stehen kann.
Dasselbe Zeichen –
und doch jedes Mal
eine andere Welt.
Denn die Buchstaben
sind nur Linien,
Bögen,
Striche,
Laute.
Wir geben ihnen ihre Bedeutung.
Wir legen Erinnerung hinein,
Angst,
Trauer,
Wissen,
Hoffnung.
Und Liebe.
Vor allem Liebe.
Vielleicht ist Sprache
das wunderbarste Werkzeug,
das wir besitzen.
Wir halten sie nicht
in unseren Händen
und doch
können ein paar Zeichen
auf weißem Papier
einen Menschen
zum Weinen bringen,
einen anderen
zum Lachen,
einen dritten
zum Aufbrechen
und einen vierten
davon überzeugen,
dass er nicht allein ist.
Sechsundzwanzig.
Nur sechsundzwanzig!
Und daraus können wir
Vergangenheit bewahren,
Zukunft erfinden,
das Unsichtbare
sichtbar machen,
einem Gedanken
einen Körper geben,
einem Gefühl
einen Namen,
und einem Menschen
eine Stimme schenken.
Vielleicht stehen deshalb
am Anfang aller Bücher
keine großen Geheimnisse.
Vielleicht stehen dort nur:
A B C …
Sechsundzwanzig kleine Türen!
Und jedes Kind,
das lesen lernt,
bekommt einen Schlüssel.
Es dreht ihn.
Eine Tür geht auf.
Dann noch eine.
Und noch eine.
Bis es begreift:
Die Welt ist nicht nur das,
was ist.
Sie ist auch das,
was wir mit Worten
denken,
beschreiben,
erfinden
und einander schenken.
Und vielleicht,
wenn alle Zahlen längst
zu groß geworden sind
und kein Rechner mehr
alle Möglichkeiten zählen kann,
bleibt am Ende
nur dieses eine Wunder:
Dass aus
sechsundzwanzig
kleinen Zeichen
eine Stimme entstehen kann,
die durch die Zeit reicht
und einem Menschen,
den sie niemals
kennenlernen wird,
noch nach Jahrhunderten
zuflüstert:
Du bist nicht allein!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2026.
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