Ditar Kalaja

im moment leben

(auf die bühne treten. mikrofonständer zurechtrücken. kurz über das eigene oberteil streifen, schmunzeln, blick ins publikum. eine mischung aus feiner ironie, melancholie und rhythmischem sprachwitz)

tiktak. tiktak. mein herz klopft im takt der uhr an der wand
ich stehe hier mit geschlossenen augen

die zukunft im kopf und die angst in der hand

ich renne. ich hetze. ich funktioniere

weil ich mich sonst im eigenen kopf verliere

ich verwalte mein gestern wie einen abgehefteten aktenordner

während meine zweifel leise fragen: „sag mal, wer von uns beiden ist hier eigentlich der mörder?“
 

(tempo anziehen: präzise, trocken, punktgenau)

ich hab to-do-listen auf to-do-listen auf post-its geklebt

überstunden gezählt und im hamsterrad gelebt

mein kalender ist voll, aber mein herzenston stumm

ich frage mich ständig: warum, ja warum?

warum schiebe ich das glück immer weiter nach vorn?

als hätte ich mein leben für eine spätere rentenversicherung erkiest und erkoren

ich dachte immer: erst wenn der abschluss steht

erst wenn die arbeit vergeht

erst wenn der countdown auf null runtergeht

dann fange ich an zu leben!

 

(einschub  bildstark, poetisch, alltägliches wird riesengroß)
 

ich wache morgens auf und greife direkt nach dem bildschirmglanz

tanze mit der angst vor dem zu-spät-kommen meinen stummen tanz

der teekessel pfeift ein lied von verpassten chancen

ich stehe in der küche und verliere die balance zwischen dem

was ich tun muss, und dem, was ich will

mein kopf ist ein bahnhof zur hauptverkehrszeit: laut, voll, nie still

wir behandeln das jetzt wie eine lästige zwischenstation im zug

dabei ist dieser eine wagon hier doch schon längst leben genug

 

(plötzlicher stop. pause. der ton wird intimer, verletzlicher)

doch wie oft bin ich am ziel angekommen

hab die trophäe in die hand genommen

nur um zu merken, dass die leere nicht weicht?

dass kein erfolg dieser welt für das innere reicht

wenn man den weg dahin gar nicht gespürt hat?

weil die ständige angst vor morgen mich geführt hat

 

(eindringlich, lehrreich, mit feiner rhetorischer schärfe)

denn im moment zu leben bedeutet eben nicht nur, dass man die zeit vergisst

im moment zu leben heißt, dass man begreift, wie unendlich kostbar dieser eine augenblick

wirklich ist

denn genau dieser moment – mit all seiner schönheit, seinem schmerz und seiner stummheit –

kommt in deinem ganzen leben nie wieder

wenn du ihn jetzt nicht hältst, zieht er wortlos an dir vorüber

und im moment zu leben bedeutet auch, dass man aufhört, zu sehr vom morgen zu träumen

denn wer immer nur nach dem nächsten horizont starrt, wird das blühen direkt vor seinen füßen versäumen

 

(bildgewaltig und rhythmisch steigend)

ich habe mich selbst im staub der zukunft verloren

bin in räumen gefangen, die noch gar nicht geboren

ich hab den kaffee geschluckt ohne die wärme zu spüren

hab die welt nur gesehen durch verschlossene türen

ich war geistig schon da, wo ich noch gar nicht stand

hab das sandkorn verpasst, während die sanduhr verrann

 

(punktierte alltagspoesie)

weil träumen zwar leicht ist, aber träume dich schlafen legen

weil das morgen nur eine illusion ist, aber das heute dein echtes leben

den moment zu halten bedeutet, den anker im jetzt zu werfen und die kontrollsucht loszulassen

es bedeutet, nicht nur zu funktionieren, sondern das eigene dasein mit beiden händen zu fassen

 

(rhythmischer kontrast: wortspielerei trifft auf große bildwelt)

denn was nützt mir das schönste bild von einer weit entfernten reise

wenn ich den weg dorthin nur stumm erlebe und auf stumm schalte auf meiner eigenen gleise?

was nützt der schönste sonnenuntergang auf einem späteren fotoblatt, wenn mein blick im hier und jetzt nur müdigkeit und hektik satt hat?

ich will nicht mehr warten auf einen tag, der irgendwann vielleicht erscheint

wenn heute die sonne durch das blätterdach strahlt und der himmel es gut mit mir meint

 

(befreiungsschlag: kraftvoll, bestimmt, mit aufrechter haltung)

doch schluss damit! stop! aus und vorbei!

ich reiß mich aus dieser gedankensklaverei!

ich ziehe den stecker, ich schalte mich ein

ich will nicht mehr morgen, ich will heute sein!

ich spüre die luft, die meine lungen jetzt füllt

wie das helle licht meine schatten verhüllt

kein flugzeug am himmel, das mich woandershin reißt

weil mein eigener herzschlag mir die richtung weist

 

(sanftes ausklingen, extrem nah am publikum)

ich stehe im wald, zwischen birken und wind

und merke auf einmal, wie frei wir doch sind

wenn wir aufhören zu rennen

wenn wir lernen, den eigenen moment zu erkennen

ich muss nicht erst fliegen, um den himmel zu sehen

ich muss nur kurz anhalten. tief durchatmen. stehen

(letzte zeilen: leise, lächelnd, punktgenau)

denn die vergangenheit ist nur ein altes papier

die zukunft ein phantom – doch mein leben ist hier

kein später, kein morgen, kein irgendwann

das jetzt ist der einzige ort, an dem ich leben kann

 

meine tinte ist frisch. mein blatt ist noch leer

ich halte den moment. und ich renne nicht mehr

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In meinen Gedichten, schreibe ich mir meine eigene Realität, meine Träume auch wenn sie oft surreal, meistens abstakt wirken. Schreiben bedingt auch meine Sprache, meine Denkmechanismen mein Gefühl für das Jetzt der Zeit.

Ich vernehme mich selbst, ich höre tief in mich rein, bin bei mir, hier und jetzt. Die Sprache ist dabei meine Helfershelferin und Komplizin, wenn es darum geht, mir die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Wenn ich mein erzähltes Ich beschreibe, beeinflusse, beschneide, möchte ich begreifen, wissen, welche Ursachen Einflüsse bestimmte Dinge und Menschen auf mein Inneres auf meine Handlung nehmen, wie sie sich integrieren bzw. verworfen werden um mich dennoch im Gleichgewicht halten können.

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