Rolph David

Der Spiegel zum 3. Oktober. 36 Jahre Einheit???

Ihr sagt:
Wir sind die Abgehängten.
Wir sind die,
die man vergessen hat.
Wir sind die,
denen der Westen alles nahm,
die Wende, das Eigentum,
die Würde, die Zukunft.
Doch halt!

Wer hat euch 
denn das Land genommen,
in dem vierzig Jahre lang
kein freier Markt entscheiden durfte,
keine freie Wahl,
keine freie Presse,
keine freie Reise?

Wer hat eure Betriebe 
heruntergewirtschaftet,
die Renten klein gehalten,
das Eigentum verzehrt,
die Zukunft auf Pump bezahlt?

War es der Westen?
Oder war es ein Staat,
der euch sagte,
was ihr denken dürft,
was ihr lesen dürft,
wohin ihr fahren dürft
und was ihr besser nicht 
sagen solltet?

Ihr sagt:
„Wir haben 
die Mauer zu Fall gebracht.“
Ja, das habt ihr!
Ihr seid auf die Straße gegangen,
obwohl ihr wusstet,
was ein Staat 
mit seinen Bürgern machen kann.
Ihr habt gerufen:
„Wir sind das Volk!“
Das war groß,
das war mutig,
das war eure Stunde!

Aber Geschichte ist komplizierter
als ein Heldenbild,
denn zur Freiheit gehörte auch,
dass Moskau nicht mehr schoss!
Gorbatschow ließ euch gehen,
Schewardnadse ließ euch gehen!
Und plötzlich stand offen,
was vorher undenkbar war:
Deutschland durfte 
wieder Deutschland sein!

Und dann kam die Freiheit.
Nicht als Märchen,
sondern als Zumutung.
Marktwirtschaft heißt nicht:
Der Staat 
garantiert meinen Arbeitsplatz!
Demokratie heißt nicht:
Der Staat löst meine Probleme!
Freiheit heißt nicht:
Ich bekomme, was mir zusteht!

Freiheit heißt zuerst:
Ich bin verantwortlich!
Für meine Wahl,
für mein Handeln,
für mein Scheitern,
für meinen Erfolg!

Und ja:
Das kann verdammt 
ungerecht aussehen!
Mancher fällt zurück,
mancher verliert,
mancher gewinnt schneller.

Demokratie ist langsam,
Kompromisse sind unerquicklich,
Bürokratie macht wahnsinnig,
Politik enttäuscht!
Aber wisst ihr noch,
was ihr dafür bekommen habt?
Die Möglichkeit,
diese Politik abzuwählen!

Ihr sagt:
„Der Staat kümmert sich nicht um uns.“
Und gleichzeitig sagt ihr:
„Der Staat soll uns in Ruhe lassen.“
Er soll den Bus
bis ins letzte Dorf schicken,
aber sich nicht einmischen!
Er soll zahlen,
aber nichts verlangen!
Er soll schützen,
aber nicht bestimmen!
Er soll helfen,
aber uns nicht zumuten,
selbst etwas zu verändern!

Doch Demokratie ist kein Vater!
Sie ist kein neuer SED-Staat
mit anderem Parteibuch.
Sie ist auch kein Westdeutscher,
der euch erklärt,
wie ihr zu leben habt.
Sie ist ein Angebot:
Mach mit,
gründe einen Verein,
gründe ein Unternehmen,
gründe eine Bürgerinitiative,
tritt einer Partei bei!
Widersprich!
Organisiere dich!
Überzeuge deinen Nachbarn!
Und wenn es nicht klappt:
Versuche es wieder!

Das ist Demokratie!
Nicht bequem,
aber frei!

Und dann kommt die AfD.
„Wir zeigen es denen!“
Wem?
Den Wessis?
Den Regierenden?
Den Eliten?
Den Medien?
Europa?
Berlin?
Der Welt?


Vielleicht.

Aber was genau
habt ihr damit gewonnen?
Eine Partei aus dem Westen
soll euch den Osten zurückgeben?
Eine Partei,
die von der Empörung lebt,
soll euch die verlorenen Jahre erklären?
Eine Partei,
die mit völkischen Bildern spielt,
soll euch
die Demokratie zurückbringen?
Protest ist noch keine Politik
und Wut ist noch kein Programm!
Man kann unzufrieden sein,
natürlich!
Man darf laut sein,
man soll widersprechen,
aber irgendwann
muss die Frage kommen:
Was ist mein eigener Anteil?

Und noch etwas:
Erinnert euch an Moskau,
an die Sowjetunion,
an den vermeintlich großen Bruder,
an die Panzer,
an das Wissen,
dass Freiheit
im Osten Europas
immer davon abhing,
ob Moskau sie erlaubte!
Und fragt euch deshalb:
Was wäre gewesen,
wenn 1989 nicht Gorbatschow,
sondern ein Putin
im Kreml gesessen hätte?
Wenn jemand gesagt hätte:
„Diese DDR bleibt!“
Wenn Panzer gekommen wären,
wenn die Grenze geblieben wäre,
wenn heute noch
russische Soldaten
in Thüringen, Sachsen
und Brandenburg stünden.
Würdet ihr dann
nach der guten alten Zeit rufen?
Oder würdet ihr erkennen:
Die Freiheit kam nicht von selbst!

Ihr dürft wütend sein,
ihr dürft enttäuscht sein,
ihr dürft dem Westen vorwerfen,
dass er euch unterschätzt hat.
Ihr dürft über Treuhand,
Arbeitslosigkeit,
Biografien und Verluste sprechen,
denn darüber
muss gesprochen werden!
Aber bitte:
Redet endlich auch über euch selbst,
über die vierzig Jahre davor,
über die zerstörte Wirtschaft,
über das fehlende Eigentum,
über die fehlende Erfahrung
mit demokratischer Selbstorganisation,
über die Gewöhnung daran,
dass „der Staat“
irgendjemand anderes ist!
Denn wer immer nur fragt:
„Was habt ihr mit uns gemacht?“
wird niemals bei der entscheidenden Frage ankommen:
„Was machen wir jetzt daraus?“

36 Jahre sind heute vergangen.
Genug Zeit für Enttäuschung,
aber auch genug Zeit
für eine neue Generation.
Genug Zeit,
um nicht mehr nur Opfer
der Geschichte zu sein.
Genug Zeit,
um Bürger zu werden.
Nicht Ostbürger.
Nicht Westbürger.

Bürger!

Mit Rechten,
mit Pflichten,
mit Freiheit,
mit Verantwortung!

Der 3. Oktober
ist deshalb kein Tag,
an dem der Westen
dem Osten erklären muss,
wie dankbar er zu sein hat,
und auch kein Tag,
an dem der Osten
dem Westen erklären muss,
wie schlecht er ist!

Es ist der Tag,
an dem beide
in denselben Spiegel schauen sollten!
Der Westen mit seiner Arroganz,
der Osten mit seiner Verbitterung,
beide mit ihren Irrtümern!

Einer Wahrheit
sollte niemand mehr ausweichen:
Die Diktatur ist vorbei,
die Freiheit ist da!
Sie ist nicht perfekt,
sie ist nicht gerecht
in jedem Augenblick,
sie ist langsam,
widersprüchlich
und manchmal unerquicklich,
aber sie gehört euch!
Und deshalb:
Hört auf, sie nur zu bewerten,
beginnt endlich, sie zu gestalten!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2026. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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