Günter Weschke

Die Lerche, 2


Ein Federbällchen, zart und klein,
kaum größer als des Windes Schein,
und doch erfüllt mit Mut und Kraft,
wie nur die Schöpfung Wunder schafft.
 
Sie hebt sich aus dem Ackerland,
vom Tau benetzt, vom Licht umspannt,
steigt hoch ins blaue Himmelzelt,
ihr Lied fliegt um die ganze Welt.
 
Sie kennt kein Zögern, keine Rast,
kein Gold der Welt, das sie umfasst.
Nur ihre Flügel, leicht und frei,
tragen sie in des Morgens Mai.
 
Dort oben, wo der Himmel schweigt,
wo sich das Blau ins Endlos neigt,
ergießt sie jubelnd, klar und rein,
ihr Herz in jeden Sonnenschein.
 
Sie singt nicht für den Ruhm der Welt,
nicht, weil ihr Beifall je gefällt.
Sie singt, weil Singen ihre Freude ist,
kein Mensch ihr Liebeslied vergisst..
 
Weit unter ihr das gold'ne Korn,
im Sommerwind liegt es ganz vorn,
danach die Mohnblumen, wie rote Glut,
die Felder atmen stillen Mut.
 
Kein König trägt so stolzen Glanz,
kein Sänger je den reinsten Kranz,
wie diese kleine Lerche oben dort,
mit ihrem  reinstem Sing-Akkord.
 
Sie lehrt den Menschen still und sacht:
Nicht Größe ist es, die uns macht.
Ein kleines Herz, erfüllt von Licht,
wiegt oft mehr als ein Weltgericht.
 
O Lerche, kleiner Himmelsgast,
du trägst, was kaum ein Mensch umfasst:
Dass wahre Freude Flügel zeigt,
und jeder Tag sich tief verneigt.
 


Und wenn einst meine Schritte ruhn,
die Hände haben nichts zu tun,
dann wünsche ich mir still und sacht,
du singst auch über meiner Nacht.
 
Dann weiß ich: Über Feld und Zeit,
über Kummer und Vergänglichkeit,
steigt deine Stimme himmelwärts
und senkt sich tief hinein ins Herz.

 

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