Charles G. Dannecker

Das alte Boot

 

Wie viele Wellen hast du geteilt,

wie oft den Bug ins Meer gestemmt,

wenn Wind und Wasser sich verbündeten

und selbst der Himmel dunkel brannte.

Du kanntest Nächte ohne Sterne,

das Salz auf morschem Holz,

die Hände eines Fischers,

der dir vertraute

wie einem alten Freund.

Du trugst Hoffnung hinaus aufs Meer

und manchmal Schweigen zurück.

Netze, Fische, müde Männer,

Geschichten, die niemand aufschrieb.

Wie viele Stürme hast du überstanden,

wie oft geglaubt,

dies sei die letzte Welle?

Doch immer wieder kam der Morgen,

immer wieder Land.

Nun liegst du da.

Kein Tau hält dich,

kein Ruder wartet,

kein Motor schlägt mehr

gegen die Stille an.

Die Zeit hat ihre Zeit verloren.

Sie zählt nicht mehr in Fahrten,

nicht in Windstärken,

nicht in Heimkehr.

Das Meer liegt vor dir

und braucht dich nicht mehr.

Zu was taugst du jetzt noch?

Vielleicht dazu,

uns daran zu erinnern,

dass ein Leben nicht wertlos wird,

nur weil es seinen Zweck verliert.

Vielleicht bist du jetzt

kein Boot mehr.

Vielleicht bist du Erinnerung.

Ein Stück Vergangenheit am Ufer,

das noch immer aussieht,

als könne es jeden Augenblick

die nächste Welle nehmen.

©️10-2026 Charles G. Dannecker 

Bild zum Gedicht Das alte Boot

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