Manuela Predan

Teuerste Weih´ Nacht (Ballade)

Anno domini vor Weih’ Nacht,
1500 oder so…
entbrennt ein Edler seiner Dame,
sein gebend Sinn steht lichterloh.

Und weil schon oft und weit gewandert,
bis nach Flandern, Prusen, York…
hat durch das Jahr er stets beteuert,
dass ein Present er ihr besorg’…

Ein Tag vor Christfest wird er flinkig,
betreibt das Ross recht wild im Gang,
trügt Eltern, König und all Hohem,
entwindet sich dem Pflichtempfang.

Die erste Hürde ist ein Graben,
den nimmt er, ohne Scheu auf Huf.
Durch Wälderhecken barsch hinstobend,
kein Wall hält ihn, den irgend schuf.

Der Brücken morsche Plankenhölzer
trotzt er willig - kühn im Sprung -
und hechtet, sattelfest genwärtig,
durch jede feuchte Niederung.

Von Berg zu Tal ist er begehrend,
erkennt von weitem Dorf und Wehr.
Zerrt an, das Leder straff regierend,
als gälte ihm das Zeug nichts mehr.

Vom Ross aus kräftens aufgezogen,
erklimmt er dreist das Zinnendach,
schlägt zwei Wächter längs ins Träumen,
entreißt sich jedem Halt und Wach.

Über pechgetünkte Balken rückt er,
hält grazil und balanciert,
schwingt an stechend Efeuranken,
am Mauersims er langspaziert.

Wolkengleich holt er sich Atem,
hüpft behendig, schwindelfrei,
handelt sich wie junge Täubchen
am kant’gen Fensterstein vorbei.

Endlich winkt der Dame Räume!
Lieb entflammt den Mann zur Nacht.
Eine Kerze, listig flackernd,
zeigt, sie hat an ihn gedacht.

Stürmisch sein ist hier nicht Zierde,
so verbringt er - harmlos, still –
klopfend, lauschend vor der Kammer,
erst zu prüfen, ob sie will…

D’rin die Dame, ganz versunken,
schläft, doch täuscht des Körpers Frau.
Längst hat sie durch Fensterfugen
schon beäugt die Heldenschau.

Schnell hat sie das Wachs belebet,
sich gebettet und scheint stumm.
Doch in wartend Angedenken
kommt sie fast vor Sehnsucht um.

Der draußen nun ist sich ganz einig,
kratzt am Fenster, bittend zart.
Einlass wird ihm flugs gewähret
durch der Dame willens Art.

Und schon reißt sie auf die Flügel,
hilft dem Gast recht rasch herein.
Möge doch ein jedes Herze
so voll Tat in Liebe sein!

Kaum der Worte sind sie mächtig,
selbst ein Flüstern kläng’ banal.
Münder beten mehr als Hände…
Die Glocke ruft zum Abendmahl.

„Weit gekommen, bin ich, Liebste –
Euch zu bringen, was Euch ehrt.
Und ich leg es Euch zu Füßen.
Bleiben - ist mir nicht beschert.“

Gern läßt er sich stetig küssen
von der Dame, die ihn drängt.
„Ich darf keine Dauer weilen,
mein Reiseplan ist zu beengt!“

Doch er schürzt die eig’nen Lippen,
gibt sich ganz der Koserei.
„Liebe, Liebste – ich muss eilen,
wollte hier nur kurz vorbei!“

Ihre starken Arme halten,
fassen ihn, wie trunken, jetzt.
„Treue, Teure, liebst Geliebte –
ach, der Kuss, es ist der letzt’!!“

All die Nöte seiner Glieder
spürt die Dame, zerrt ihn hin.
„Beste, Schönste, Hocherblühte!
Wisst doch, dass ich zeitnot bin!!“

Die freigewonn’ne Hand des Buhlen
zückt gebührlich dick Papier.
„Diese Gabe, meist Geliebte,
lass zum Feste ich Euch hier.“

Darauf kann die Dame lesen,
zitternd und aus Wehgemut:
„Dreihundert Ballen Seidenstoffe
sei Euer festlich Hab und Gut.

Dies Papier sei Euch zu nutze
für den Händler, der verkehrt.
Lasst Euch schneidern, schmücken, kleiden!
Mehr noch seid Ihr mir dies wert!“

Noch ein Kuss zum Danke flattert,
die scheue Frau haucht würdevoll:
„Solche Gabe nenn’ ich prächtig –
bleibt gesund und fahret wohl…“

So wie er hereingekommen,
stürzt der Spender in die Nacht,
flieht über Dächer, taumelnd Wächter
und hat sein Heim zum Ziel gemacht.

Zurück bleibt eine reiche Dame,
prunkgestaltet für zehn Jahr’!
Gold und Silber ließ er weben -
weil sie ihm so teuer war!

Der Kerze Schein ist fast erloschen,
übrig sind nur Stumpf und Docht.
Und die Dame weint im Bette,
weil ihr liebend Herze pocht:

„Liebster, hast soviel ertragen -
der Dich lieblos nennt, der lügt!
Indes hätt´ mir Dein selten Kusse -
ohne Wehr - vollends genügt.

Liebster, hast mich reich beschenket,
hab teure Zierde ohne Sorg’!
Indes ich durch das Jahr erhoffte Angedenk –
aus Flandern, Prusen oder York…“











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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2004. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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