Lothar Krist

Bloß geträumtes Liebesspiel.

Abend hat mich so leer
in die Nacht gewiegt.
Da lag ich nun an mich selbst verloren
in meinem Bette
und träumte verrucht Schönes von Annette,
denn endlich hat Schlaf
Nicht-Schlafen-Können besiegt.
Wie wir so Haut an Haut aneinander krallten,
verglühten schwarze Gedanken in hell-weißer Wüste.
Zahn um Zahn geschlagen
in mir entgegengereckte steile Brüste,
hörten wir das Schreien nicht,
als Geschlechter aneinander prallten.
 
Ich greife Terzen, Quinten und Oktaven,
so leis` erklingt Septim auf Deiner Haut.
Träumt` davon, mit Dir zu schlafen,
da rasselt morgens dann der Wecker laut.
So trunken hin gedolcht durch süßen Atem
starb feuchte Nacht vor mir davon.
Von erster Sonne hingemordet der Liebe Taten,
verklang mein Traum,
vergessen so der reine Ton.
 
Eingesperrt in düstres Dunkel letzter Nächte,
lagst Du so warm, so weich an meiner Seite.
Gewagt sprang ich
in so jungen Körpers abgrundtiefe Schächte,
strich ganz zart mit dem Bogen über eine Seite,
dann wieder irrten klirrend-schrille Töne in die Weiten.
Ach, wie war doch Dein Leib so schön,
an den so ganz verloren war mein Lustgestöhn.
Dann, aus dem Traume wachte ich auf
in Einsamkeiten.
 
Du warst so schön, heute bin ich fast alt,
dabei war meine Jugend noch nicht kalt.
Sieh Dir doch diese Männerhände an,
mehr als vier Jahrzehnte Leben, Wissen,
Begierden kleben dran.
Wollte bloß den toten Tumor
Deiner rechten Schulter küssen,
nie mehr nach Liebe fragen, suchen,
hoffen müssen.
Im Traum liegt Leben, Wissen und Begierde
Dir zu Füßen,
doch möchte ich nicht mehr
allein dort Dich küssen müssen.
 
Nachgedanken:
 
Du gingst einfach fort, ließt mich allein
in einer Welt voll Undank, Kälte, Pein.
Sie haben Dich mir Stück für Stück,
von meiner Seite weg geschnitten.
Zuerst den Arm. Die Schulter dann
war aus Metall. Zuletzt auch die.
Du warst noch gar nicht alt.
 
Es ist noch gar nicht lange her,
da war ich das erste mal an Deinem Grab.
Niemand weiß davon,
nur Du und ich,
konnte es einfach nicht.
Vorher wusste ich nicht, wie er aussah,
Dein Stein: So graues weiß.
Und wenn man genau hinsieht:
eine ganz kleine, weiße Rose
ganz oben im rechten Eck.
Du warst doch noch nicht alt.
Ich weine, das erste mal.
Mir ist soooo kalt.
 
© Copyright by Lothar Krist (2.2.1998, an Annette-Sylvia, meine Sivvy, zu ihrem zwanzigsten Todestag. Ihre Mutter hat mich nie gemocht und sie hat auch nie verstanden, weshalb ich damals nicht beim Begräbnis war. Ich bin ja zur selben Zeit in die reißende Traun gesprungen – das Kraftwerk gab es damals noch nicht. Ich wollte einfach nicht mehr. Leider war das Wasser saukalt und es hat so sehr nach Fisch gestunken – ich habe mich unter Wasser erbrochen, und dann war ich ja im Sommer davor noch ein letztes Mal Stadtmeister über 100 Meter Freistil geworden. Ich habe es irgendwie ans Ufer geschafft. Ihre Mutter hat bis heute davon nicht die geringste Ahnung. Gestern, am 1.2.1998, war ich das erste Mal an Sivvys Grab. Ich bin wohl das feigste Arschloch dieser Welt. Aber ich habe es nie ganz bis dorthin geschafft, bin immer vorher umgekehrt, in ein Lokal gegangen und habe mich besoffen. Seit damals war ich dann kein verträumter Gutmensch mehr. Ohne Sivvy war selbst unsere vom großen Rest der Welt so sehr abgehobene westliche Gutmenschenwelt für mich ein grauenvoller Ort. Ich habe mich an den Realismus verloren, an eine Philosophie, die einen auch in der Scheiße überleben lässt.)
  

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