Burkhardt Brinkmann

Frankfurt stickt voller Merkwürdigkeiten (Stand 1984)

Im Bahnhof Frankfurt kam er an
und war schon ein recht erfahrener Mann,
doch hatte er so was noch nicht geseh´n:
dass in der Straße des Kaisers – Junkies steh´n!
Und links und rechts in den Straßen der Flüsse
bot man dem Fremdling frivole Genüsse.
Megalopolis ließ seine Puppen dort tanzen –
zwischendrin gab´s auch ´ne Menge Wanzen!

Mit Riesenschritten rettete er sich
vor dene Anmachern ihre Sprüch´
und kam noch mit vollem Portemonnaie
ins Bankenviertel in der Näh.

Den Klauen des Eros war er zwar entronnen,
doch nun verlockten verzinsliche Wonnen.
Im Geiste schon glaubte er in jenen Türmen
mit Spekulationen zur Spitze zu stürmen –
bedachte aber dann die schrecklichen Qualen,
die ausgestanden ein Graf von Galen,
der einem Kunden zu sehr vertraute,
und Türme aus Krediten baute.

So lenkte lieber er seine Schritte
hin zu der Altstadt entkernter Mitte,
passierte einen künstlichen Wasserfall,
wo einstmals stand der City Wall.
Und statt einer Ganzkörper-Sondermassage
lauerte hier auf sein Geld eine Ladenpassage.
Dort hatten eine Neue Heimat gefunden
verschiedene ganz exklusive Kunden,
und an des Turmes luftiger Höh´
sah man das Zeichen: der BfG.

Ach, Fremdling, ändre deine Spur,
hier lieg ich, die Muse, von der reichen Kultur
die diese Stadt zu bieten hat,
halt ich hier einiges parat:
So sprachen des Theaters goldene Wolken,
doch haben auch sie nicht seine Börse gemolken.

An der Kaiserstraßen Ende
kam die langersehnte kulinarische Wende:
es gingen dort der Kanzler und sein ganzes Kabinett
in ein Lokal namens “Nudelbrett“,
und da auch der Tourist etwas Hunger hatte,
hockt´ er sich bei Juchheim´s auf die Reisstrohmatte.

Doch er konnt´ sich´s nicht leisten dort zu verweilen,
musst zum Goetheplatz, zu McDonalds, eilen
und füllte mit dessen Dickem Mäck
seines Magens gewaltiges Leck.

Dann kam ein Weg, der war aus Stein:
steinreich muss hier wirklich der Kunde sein.
Drum ließ er jene Läden aus
und begab sich stattdessen ins Goethehaus
um für die Bildung was zu tun
und vom Konsumzwang auszuruh´n.
Im Hof wurde grade ein Baum repariert,
für ein paartausend Mark mit Zement vollgeschmiert.
Wir Menschen lieben halt die Natur,
und gespart wird an der Sozialhilfe nur.

Die Alte Oper auch hat er erblickt,
hat gehört, wie man drinnen die Stühle verrückt
und sah die Chauffeure ohne Zahl
bringen Geld und Adel zum Opernball.

Die Börse ist der Weltstadt Magen,
da werden Milliarden umgeschlagen.
Und Hausse oder Baisse begleitet der Jammer
der Industrie- und Handelskammer,
wo man in jedem Jahr kann lesen,
dass das Geldverdienen wieder mal schwierig gewesen.

Gefiedelt wird im Untergrund,
geflötet und gemalt und möglichst bunt,
und für diese sympathische Masche
öffnet auch unser Reisender gern seine Tasche.

Die Zeil – ihr wisst es sicherlich –
ist eine kleine Welt für sich.
Am Anfang steht David, der Bronzeschelm,
mit einem schicken Astronautenhelm,
der den Stein geschleudert gegen den Riesen:
wie mancher Revoluzzer gegen Kaufhausmarkisen.

Hier gibt es auch Bäume, die hängen am Tropf!
Da kann man nur hoffen, dass der nicht verstopf!
Und rings um die Bäume bauten sie Bänke,
fast wie in einer Gartenschänke,
und Gäste stellten sich auch bald ein,
doch die waren manchen nicht hinreichend fein,
denn sie kamen mit abgewetzten Taschen
und brachten Landwein- statt Schampusflaschen.

In den Kaufhäusern war gerade Schlussverkauf,
da kamen die Umlandbewohner zuhauf,
und unser Besucher erwischte leider
nur noch Hosenträger im Kaufhaus Schneider.

Am Ende der Zeil gab´s gebrauchte Bücher
und für die Türken billige Tücher
und gegenüber im Bieberhaus
trieben Leseratten den Pleitegeier aus.
Der Zoo war zwar für Elefanten zu klein,
doch ein Grzimek passte da immerhin rein.

Von Frankfurts großem Kaiserdom
ist Bartholomäus der Schutzpatron,
dem man (aber nicht in dieser Stadt!)
die Haut vom Leibe gezogen hat.

Am Römerberg traf er Herrn Minimundus
mit seinem ganzen Fachwerkfundus.
Der Wanderer sprach: „Grüß´ Gottchen, Walter:
spielst Disneyland in deinem Alter?“

Ein Stifter, welcher reich und edel,
schenkte dieser Stadt ein Städel.
Der Fremde kam um anzuseh´n
Gemälde – die kann man versteh´n!
Da weis man noch, was alles ist,
Und nicht so´n Gekleckse von so´nem Tachist!

Und weil man auch sonst viel gesammelt hat,
beschloss ein hochwohllöblicher Rat,
dass die Villen am Main, die heruntergekommen,
itzo in städtische Obhut genommen.
So wird nun – einmalig in der Welt –
ein ganzes Ufer mit Museen vollgestellt.
Deren Menge zwar hat Weltniveau,
doch die Ankaufsetats nicht ebenso.

Die Pferdchen laufen in der Stadt,
richtige Pferde in Niederrad.
Der Name steht in Frankfurt für eine Institution,
da möchten wir Narren möchten gewiss nicht wohn´.
Nur ein Haus kam ihm dort spanisch vor,
wie ein mexikanisches Wüstenfort.

Mit der S-Bahn fuhr er weiter zur Startbahn West,
da gab leider Molotow ein Cocktailfest.
Zum Stadtteil Höchst danach, mit dem Schloss,
wo einst ein Erzbischof Landluft genoss.
Die Farbwerke hatten es hübsch restauriert:
damit man die Schwefelschwaden nicht spürt?

Stolz sein kann ein jeder Hesse
auf Frankfurts riesengroße Messe,
die diese früher freie Stadt
schon seit dem Mittelalter hat.
Und Rebstockbad und Eissporthallen,
hätten dem Besucher sicher auch gefallen.

Doch der ging statt dessen zur Universität:
da lernte man – früher – von früh bis spät.
Heute lernt man von spät bis früh,
wie man der Häuser Wände besprüh´.
Und auch sonst wird in Frankfurt viel saniert,
was mancher Mieter an der Brieftasche spürt.

Geld spritzt in die Wirtschaft die Bundesbank,
gegenüber im Park spritzen manche sich krank.
Und das große Haus aus gelbem Stein
musst´ von der IG oder den GIs das sein.

Doch lockte der Main ihn wieder zurück,
er überquerte ihn auf der Flößerbrück´.
Denkt: schräge Brücken schreckten,
Frankfurts Architekten.
Die hätten gern alles im rechten Winkel:
in Frankfurt ebenso, wie in Krähwinkel.

Wo früher Tiere man geschlacht´
wird nun der Ramsch zu Geld gemacht,
und manche Dinge, die verschwunden,
hat der Eigentümer dort wiedergefunden.

Gleich den feindlichen Brüdern am Mittelrhein
ragen hoch über Frankfurt zwei Brauerei´n.
Er ging wieder runter nach Sachsenhausen
und sah die Touristen: diese Banausen aßen mit lautem Gebabbel
den Handkäs´ mit Messer un´ Gabbel!
So manchen sah er am Tische sitzen,
der kam bei Äppelwoi richtig ins Schwitzen:
es wollt ihm nicht in den Kopf hinein,
wie kann nur das Stöffche so schmackhaft sein?
Doch hast du erst mal ´nen Bembel im Bauch
ertragen es deine Geschmacksknospen auch.

So einen wilden Exzess
gibt´s nicht im Apfelweinexpress,
mit dem der Besucher seine Tour beschließt,
hofft, dass jeder Frankfurt wie er genießt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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