Manfred Bieschke-Behm

Der Spiegel

Es gibt Tage,

da halte ich den Blick in den Spiegel nicht aus.

Er ist so ehrlich

und deshalb manchmal mein Feind.

 

Vor meinem inneren Auge kann ich  besser bestehen,

da sehe ich mich so, wie ich mich sehen will:

Jung,

faltenlos

und unbeschwert.

 

Liegt der Spiegel in Scherben

sehe ich mich vieltausendmal

nicht anders

nur zerstückelt als kein Ganzes mehr.

 

Ist mir jetzt wohler?

Wo Scherben mir zeigen mein Antlitz?

Wo Sprünge ganz deutlich vor Augen mir führen

das mein Leben ein Scherbenhaufen ist?

                                                                                                  
NEIN

 
Ich mache mein Spiegelbild nicht zum Richter

sein Urteil nehme ich milde zur Kenntnis

denn ich weiß

das Optik  nicht das Leben allein nur ist

sondern auch das was der Spiegel nicht zeigt:

nämlich mein inneres Auge das mir hilft

Lebensfalten zu glätten.

 

Hilft es mir weiter, wenn ich ständig über mein Älterwerden hadere? Damit erreiche ich ganz bestimmt nicht, dass ich meine Jugend zurück erlange. Ist es nicht viel besser sein Alter anzunehmen und mit den Erfahrungen seines Lebens die Gegenwart und Zukunft zu gestalten? Jeder Lebensabschnitt hat Höhen und Tiefen. Auch die Jugend war nicht unbeschwert und deshalb ist es aus meiner Sicht falsch vergangene Zeiten zurückzuwünschen. Jede Zeit hat seine Zeit. Die heutige Zeit hält genauso viel Wunder für uns bereit wie die vergangenen. Wir müssen nur dazu beriet sein Wunder zu empfangen.Manfred Bieschke-Behm, Anmerkung zum Gedicht

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Poèmes de café: Gedichte – Fotos – Streifzüge von Bernhard W. Rahe



Der Café-Besuch eines Literaten, vielleicht bei einem Cappuccino oder Café crème und einer ordentlich recherchierten Zeitung, wird zu einem Highlight, sollten sich originelle Gedanken hinzugesellen. Die zweite Bestellung ist an den Ober herangetragen, die Blätter der Gazette nach und nach umgeschlagen. Der Erzähler sitzt mit nachdenklicher Miene am Tisch. Er wartet. Während Kaffeedüfte ihn umschmeicheln, kommen die ersten Gedanken. Textfragmente, Bilder und Überlegungen nehmen zögerlich ihren Platz ein. Diese Gefährten sind wenig gesprächig, aber nicht selten beflügelnd, also genau der passende Augenblick für ein Sinngedicht. Ein kleines kompaktes Textfragment, aus zwölf Zeilen nur. In diesem Moment bin ich derjenige, der dort am Tisch sitzt, Papier und Stift aus der Tasche hervorholt. Der mit Glück einen guten Fang aus dem Meer der Worte an Land zieht. Die Gedichte in diesem Buch sind in Cafés entstanden. Oftmals launige Erträge aus zahlreichen Streifzügen durch unsere vielschichtige Alltagswelt. Die korrespondierenden Fotos geben den Versen ein bildhaftes, erzählerisches Gegen- und Gleichgewicht.

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