Richard von Lenzano

Ein ganz normaler Tag

 
 
 
Sonnenschein -
ein neuer Tag beginnt,
Menschen wachen auf
um ihrer Arbeit nachzugehen.
Irgendwo werden Kinder gezeugt,
während in der Dritten Welt
Tausende von Kindern verhungern.
In den zivilisierten Ländern
sitzen Familien am Frühstückstisch,
in Afrika, Südamerika und Asien
kämpfen die Menschen um ihr tägliches Brot -
ein ganz normaler Tag.
 
Die Sonne scheint
in ihr glänzt der ganze
Reichtum und Wohlstand, in dem wir leben.
Auch woanders scheint die Sonne,
sie beleuchtet dort nur die Armut.
Bei uns herrscht Frieden -
vor unserer Haustür brennt es lichterloh.
Wir sind nicht in der Lage,
diesen Flächenbrand zu löschen,
wir halten uns zurück -
ein ganz normaler Tag.
 
Regnet es hier freuen wir uns,
weil Wasser Leben bedeutet.
Wenn es in der Dritten Welt regnet,
versinken Menschen ins
Verderben und in den Tod,
zu Tausenden
verrecken sie elendig
in den Fluten.
 
Wir machen Politik,
Politik für uns und die Anderen.
Nur, wer sind die Anderen? 
Hat diese Politik nicht nur
eine Alibifunktion?
Wen kümmert dies schon -
ein ganz normaler Tag.
 
Staaten führen Kriege,
zurzeit mehr denn je nach innen als nach außen.
Minoritäten werden gewaltsam unterdrückt
umgesiedelt, zwangsdeportiert –
wenn sie nicht wollen, werden sie auf bestialische
Weise gefoltert und umgebracht.
 
Frauen werden gedemütigt, misshandelt und  vergewaltigt.
Sie werden gezwungen, die Kinder ihrer Bezwinger
zu gebären, die in ungewisser Zukunft
ungeliebt aufwachsen müssen -
ein ganz normaler Tag.
 
Despoten und Diktatoren
annektieren fremde Länder,
um ihren Machthunger zu befriedigen.
Ethnische Minderheiten werden
unterdrückt und abgeschafft.
Gegen die Grundrechte der Vereinten Nationen
wird in jeder Minute -zigfach verstoßen.
Jede zweite Nation ist davon betroffen
es gehört zu unserer Normalität -
ein ganz normaler Tag.
 
Sonnenaufgang,
ein neuer Morgen zieht herauf,
die Natur beginnt zu leben.
Alle Tiere halten in
Frieden und Eintracht-
der Mensch hat sich
gegenseitig vernichtet.
 
Er existiert nur noch in
vergrabenen Annalen.
 
Ein ganz normaler Tag?
 
 
 
 
Richard von Lenzano
        © 07/1993

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Richard von Lenzano).
Der Beitrag wurde von Richard von Lenzano auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.06.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Nietzsches Vermächtnis von Dr. Manfred Korth



Der Novellenband „Nietzsches Vermächtnis“ vom mehrfachen Literaturpreisträger Dr. Manfred Korth enthält elf Geschichten, die an verschiedenen Orten wie Wien, Paris, Nürnberg oder am Bolsenasee spielen. Trotz sehr unterschiedlicher Protagonisten gilt für alle Novellen, dass psychologische Momente eine große Rolle spielen. Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Individualität und Gesellschaft wird auf verschiedenen Ebenen durchleuchtet. Auch der Begriff „unzeitgemäß“ ist bewusst an Nietzsche angelehnt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Kritisches" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Richard von Lenzano

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Anklage von Richard von Lenzano (Nachdenkliches)
Das Schlagersternchen von Bernd Rosarius (Kritisches)
Der Wurm von Ursela Seitz (Allgemein)