Karl-Heinz Fricke

Leierkastenspiel

Jeden Montagmorgen
sah man die beiden Alten
mit kummervollen Sorgen
auf die Stadt zuhalten.
 
Sie zogen einen Wagen,
auf dem eine Orgel stand,
um Lieder vorzutragen,
die Beiden waren stadtbekannt.
 
Am linken Arm des Mannes
war eine gelbe Binde
mit drei schwarzen Punkten drauf,
das Kennzeichen für Blinde.
 
Es begann die Orgelei,
Kinder standen staunend dabei,
alle hörten die Lieder gern,
wie "Püppchen, du bist mein Augenstern."
 
Während der Blinde die Orgel dreht,
die Alte in die Geschäfte geht.
Sie bekommt vom Bäcker das gestrige Brot,
um etwas zu lindern ihre Not.
Auf einen Teller Münzen fallen,
während weit die Lieder hallen.
 
An den weiteren Wochentagen
sie sich in die Dörfer wagen.
Die Ausbeute ist niemals groß,
für Dorfleut' gab es Arbeit bloß,
auf ihren Feldern hörten sie
der Straßenorgel Melodie.
 
Nach Haus zurückgezogen den Wagen,
wenn im Westen die Sonne steht.
Die Alte muss noch Stühle tragen,
sie neu zu flechten man versteht. *
 
Ein schweres Leben ist's fürwahr,
herumzuziehen viele Jahr'
für ein paar Münzen, ein Stückchen Brot,
ein Leben in Armut, ein Leben in Not.
 
Verstummt sind längst die Orgellieder,
auf ihren Gräbern blüht kein Flieder.
Die alte Orgel spielte so schön,
in einem Museum soll sie stehn.
 
          Karl-Heinz Fricke  05.07.2006 
 
* Anmerkung:  Der Blinde war ein Meister die Sitze der damals beliebten Rohrstühle neu zu flechten.

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