Anette Esposito

Mobile Pflege

 

Ein früher Abend im August.

Ich hatte Dienst, doch keine Lust.

Zwar war die Runde nicht sehr lang,

doch vor dem Stadtverkehr mir bang.

Deshalb ich einfaltsreich beschloss:

Ich fahr am Besten früher los,

dann komm ich sicher rasch voran.

Mobile Pflege war der der Plan.

 

Für Blutdruck, Insulin, Tabletten,

Strümpfe auszieh’n, lagern, betten,

Rücken waschen und den Po,

Gesicht und Hände ebenso,

füttern, in den Rollstuhl setzen

- hier und da ein wenig schwätzen-,

für alles, was ein ältrer Mann

und Frau nicht mehr allein kann,

steh fachlich ich im Dienst bereit,

denn dafür zahlt man meine Zeit.

 

Doch wenn ihr glaubt, in ält’rer Welt

gäb’s nicht mehr viel, was dort gefällt,

dann habt ihr euch, genau wie ich,

geirrt und das ganz sicherlich.

 

So kam ich gut bei einem Mann,

natürlich auch viel früher, an.

Er, über achtzig Jahre jung

mit reichlich Charme und wenig Schwung.

Nun hört er lange Zeit schon schwer,

die Augen wollen auch nicht mehr,

sich selber spritzen kann er schlecht.

Dass man ihm hilft, ist ihm sehr recht.

Auch brauch er täglich Insulin

und darum fuhr ich zu ihm hin.

 

Was dann geschah, ist nun kein Witz.

Den Haustürschlüssel im Besitz,

drückt kurz ich auf die Klingel drauf

und schloss damit die Türe auf.

Im Hausflur hört ich ein paar Töne.

Sehr komisch fand ich das Gestöhne.

Sofort kam mir es in den Sinn:

Wie gut, dass ich was früher bin.

Ihm ist bestimmt etwas passiert,

dass starke Schmerzen er verspürt.

Vielleicht liegt er am Boden gar.

Mir schien das gar nicht sonderbar.

 

Ich riss die Tür auf mit viel Krach

und stand sogleich im Wohngemach.

Doch bei dem Anblick, den er bot,

kam ich in peinlich, große Not.

Er hatte mich noch nicht gehört

und fühlte sich ganz ungestört.

Doch wie ich war hineingestürmt,

bin ich vor dem Gescheh’n getürmt.

Fast lautlos fiel die Tür ins Schloss.

Ich stand erstarrt und fassunglos.

Nur kurz sah ich es im Profil,

wie er sich pflegte, recht mobil.

Vorm Bildschirm, dicht, der „junge“ Mann,

sah kreativ sich Pornos an.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.12.2006. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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