Lothar Krist

Ruhig Blut Afghanistan

 
 
Drogen, Terror, Taliban.
Trockenes Land Afghanistan.
Aus deinen Lenden blüht der Rote Mohn.
Dein Blütenmeer icht sich aus so wunderschön
und icht sich doch so böse
in den Rest der weiten Welt davon.
 
Auf einem nackten Felsen weit hoch droben
hockt ein schon alter Herr Gewehr.
Der Patronengurt glänzt kreuz und quer.
Die hohe Stirn von Falten tief durchzogen.
Darunter funkeln wild zwei Kohlen.
 
Die Lippen sieht man kaum.
Ein langer Bart umsilbert sie.
Doch sie beißen einen scharfen Dolch.
Von seinem Stahl eine heiße Sonne Blitze wirft.
In seiner hohlen Hand liegt zart ein gelber Apfel.
Wer eine seiner Blumen ihrer bloßen Schönheit wegen zupft,
ist tot.
Er weiß es bloß noch nicht.
 
Da hebt er seinen Blick.
Er wirkt, als würden seine Augen lauschen.
Er verschmilzt mit einem fernen Horizont.
Auf einmal ist der Felsen leer.
Ich hab’ es gar nicht mitbekommen.
Da höre ich es auch.
Ich werfe mich hinein ins hohe Gras.
Ich mache mich ganz klein und unsichtbar.
 
Aus dem goldorangen Sonnenball
kommt ein schwarzer Punkt heraus geflogen,
der ganz schnell größer wird.
Auf einmal brummt die Luft von lärmenden Rotoren.
Drei Apache-Helikopter
voller Waffen grausam in ihre Umgebung starrend,
gleiten über die Berge herein ins Tal.
Sie stören einen Frieden.
Der Große Bruder USA sieht wohl nach dem Rechten.
 
Gegenüber in der Felsenwand blinkt kurz ein Spiegel.
Da zerblitzt der düst’re Schatten hinter mir.
Ein lautes Zischen ist.
Eine Rakete glüht sich durch die Abendluft,
der erste Vogel wird zum Feuerball.
Er schwirrt und schwirrt so hilflos um sich selbst herum,
stürzt ab und ist nicht mehr.
 
Seine zwei Brüder feuern wild um sich.
Sie sehen und sie treffen Nichts.
Sie steigen ins graue Blau des Himmels hoch,
in ihre Sicherheit.
Ihr Bruder ist so fern von seinem Nest verloren,
an einem Ort, an dem er Nichts verloren hat.
Sie knattern noch ein wenig voller Hass und Wut,
sie jagen noch alle ihre Höllenfeuer in den roten Blütenboden
und sind dann wieder fort.
Nur noch Stille ist.
 
Ich hebe meine Augen aus dem hohen Gras heraus.
Herr Gewehr sitzt wieder auf seinem Felsen droben,
so, als ob Nichts gewesen wär’.
Doch er grinst verschmitzt ganz leise vor sich hin.
In seinen schwarzen Kohlen zucken die grellen Flammenzungen.
 
Er schält den Apfel nicht.
Er öffnet seinen Mund,
der beinahe zahnlos ist.
Er schiebt hinein ein großes Stück.
Aus einem Winkel tropft der Saft,
den er mit schneller Zunge leckt.
Mmmmhhhh! Das schmeckt!
„Ja, ja,“ sagen seine Kohlen:
„Es geht eben Nichts über einen saftig-süßen Apfel.“
 
Seit diesem Tag ich weiß,
was absolute Ruhe heißt,
was Gelassenheit bedeutet,
und was Angst,
und was eben so ein echter Afghane ist.
 
Epilog:
 
Es ist seit Jahrhunderten immer wieder gar so leicht,
dieses Afghanistan zu erobern.
Doch es ist auch genau so schwer,
aus diesem kargen Land wieder lebendig davon zu kommen.
 
Zwei so lange Tage noch,
dann werde ich in ein Flugzeug steigen.
Ab nach Hause! Weg von hier!
Endlich wieder schlafen in meinem weißen Himmelbett.
Ja, ja! Ich weiß:
Ein Weichling bin ich aus dem reichen Westen,
der sich ab und zu so gerne wichtig macht als Humanist
doch wieder nach Hause fliegen kann,
wenn alle seine Hosen voll geschissen
oder wenn ihm sonst halt danach ist.
 
Oh, ich liebe dich, mein schönes Österreich!
Bleib’ noch recht lange diese Insel der Seligen!
Also, bitte, bitte, bitte, bleib’ so, wie du bist!
Mama wartet schon auf mich mit meinem Lieblingsessen:
Schweinsbraten, die Schwarte knusprig braun,
dazu Semmelknödeln flaumig groß
und warmer Krautsalat mal Mmmmhhhhh!
Und Äpfel haben wir hier auch!
Also, was soll’s?
Meinen nächsten Urlaub verbring’ ich lieber hier bei uns zu Haus’.
Nun ja, Mallorca, Rhodos, Gran Canaria
stehen auch zur Wahl und sind Option.
Was brauch’ ich Felder voll von Rotem Mohn?
 
© Copyright by Lothar Krist (12.4.2007 von 02.00 – 03.35 Uhr im Smaragd, Linz.

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