Anette Esposito

Ach Mutter...

 
 
Als heut ich spazierte am Morgen
erblickt‘ ich ein Veilchen am Rand.
Es war zwischen Dornen verborgen,
man sah kaum sein blaues Gewand.
 
Ganz scheu stand’s, als würd sich’s verstecken
und duckte sein Köpfchen geschwind,
als wollt‘ es sich schützend bedecken
vorm frischen und pfeifenden Wind.
 
Gedanken entfloh’n in die Ferne,
als Mutter zu Hause noch war.
Sie mochte die Blumen so gerne.
Die Veilchen am liebsten  sogar.
 
Ich blieb vor dem Blümchen kurz stehen.
Wie schön war’s und zierlich gebaut.
Doch als ich schon weiter wollt‘ gehen,
da hat’s zu mir rüber geschaut.
 
Es schien so, als wollt‘ es was sagen.
Ich schaute es neugierig an.
Noch eh‘ ich gedacht es zu fragen,
fing’s  zögernd zu reden gleich an.
 
Ich bückte nun rasch mich hinunter.
`s sprach leise, doch konnt‘ ich’s verstehn.
Der Morgenwind, eben noch munter,
hielt an jetzt sein kräftiges Weh’n.
 
„ Du Menschenkind, merk auf die Worte,
die zu dir die Mutter einst sprach.
Sie weilt nicht mehr hier an dem Orte,
liegt lang schon im Erdengemach.
 
Sie bat dich den Schöpfer zu lieben,
der dir und mir Leben geschenkt,
und so steht’s im Buche geschrieben:
Er ist’s, der den Weltenlauf lenkt.“
 
Im nächsten Moment stand es schweigend.
Ich fühlte nun seltsamen Schmerz.
Sein Köpfchen zur Erde sich neigend,
sprach’s weiter, bewegte mein Herz.
 
„ Sie hat dich stets sorgsam geleitet
mit  Liebe, viel Kraft, ohne Ruh.
Oft hast du ihr Kummer bereitet,
warst störrisch und böse dazu.
 
Ich kämpfte mit Scham, die mich quälte,
mit bohrendem Schmerz i n der Brust.
Wie sehr meine Mutter mir fehlte,
war längst meinem  Herzen bewusst.
 
„ Sie bat nie darum ihr zu danken“,
so fügte das Veilchen hinzu,
„und liebender Mutter Gedanken
erlangen im Tode erst Ruh‘.
 
Umgeben von Mühen und Sorgen,
erlitt sie manch schlaflose Nacht.
Doch lachte sie wieder am Morgen,
wenn sie dir das Frühstück gemacht.
 
Auch war sie des Öfteren müde
und manchmal vergrämt ihr Gesicht.
Wie brannte ihr Herz voller Güte.
Warum, sag mir, sahst du das nicht?“
 
Mich trafen die Worte wie Pfeile.
Das Veilchen stand stumm wieder da.
Ich war wie gebannt, eine Weile.
Mir waren die Tränen jetzt nah.
 
Ich sah, wie das Blümchen sich reckte
und Tropfen in funkelndem Nass.
Sie glänzten wie Tau, der bedeckte
früh morgens das hellgrüne Gras.
 
Jetzt spürt‘ ich den Wind wieder wehen.
Das Blümchen erzitterte sacht.
Ich konnt‘ es nun nicht mehr verstehen.
In mir war ein Drängen erwacht.
 
Schon lief ich mit eilenden Schritten
zum Grab meiner Mutter geschwind.
Ich wollt‘ um Verzeihung sie bitten,
dass nie ihr gedankt ich, als Kind.
 
Nun stand ich vor steinernem Rahmen,
Verzweiflung ergriff meine Hand,
und las unter Tränen den Namen,
der dort auf dem Marmorstein stand.
 
„ Ach Mutter, so hör doch mein Klagen!
Ich bitt dich, verzeih deinem Kind.“
Ich hatte so viel ihr zu sagen.
Die Worte verwehte der Wind.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.05.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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