Wolfgang Lörzer

Im Freibad

Freibad, Samstag kurz nach vier.
Menschenmassen lagern hier.
Auf den Tüchern, Decken, Matten,
in der Sonne und im Schatten.
 
Auf den Wiesen, in den Becken,
ausgenützt sind alle Ecken.
Der Schatten lockt, ein Lüftchen weht.
Das folgende Gedicht entsteht.
 
Es beschreibt von hier und heute
kurz, prägnant ein paar der Leute,
die an diesem Sommertag
das Freibad nehmen in Beschlag.
 
                    *
 
Studienrätin Gerda Rahn
zieht im Wasser ihre Bahn.
Und denkt dabei ganz unbeschwert,
dass sie demnächst nach Finnland fährt.
 
Herr Werner spricht zu seiner Frau:
"Das Problem seh' ich genau."
Doch er denkt so für sich still:
"Ich weiß nicht, was sie wieder will."
 
Der Oberschüler Wolfgang Klein
reibt sich den Bauch mit Nussöl ein,
in Gedanken bei Sabine.
Sie zieht sich aus in der Kabine.
 
Ralf zeigt Kurt sein neues Handy:
"Kuck mal, supergeil und trendy!"
Kurt meint nur: "Ey, super Mann!"
Und denkt für sich: "Mensch, gibt der an!"
 
Frau Lüders paukt mit Sohn Karl-Heinz
auf einer Bank das Einmaleins.
Sie sagt: "Üben kann nicht schaden."
Er denkt: "Wann darf ich endlich baden?!"
 
Der Programmierer Rainer Klatt
überfliegt ein Börsenblatt.
"Steig' ich jetzt  bei Siemens ein?
Oder lass' ich's lieber sein?"
 
Herr Maurer schaut versonnen froh
der Nachbarin auf den Popo.
Und denkt für sich: "Nein, die Figur!
Oh, welch ein Wunder der Natur!"
 
Und in dem Treiben mittendrin,
ein ält'rer Herr, der ich wohl bin.
Ja, da mittendrin ich sitze,
höre, schaue, schreibe, schwitze.
 
Mache mir so manchen Reim
und gehe dann um sieben heim.
Ich frage mich beim Abendessen,
ob das Gedicht nicht sehr vermessen.
 
Denn erschrocken bin ich schon
über manch Indiskretion.
Ich frage mich erstaunt, seit wann
ich Gedanken lesen kann.

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