Arne Bister

Reiches Land

Ein Mädchen saß im Lumpenkleid
im Staub am Straßenrand
und lehnte, ihre Augen weit,
an einer Häuserwand.
 
Da kam des Wegs ein reicher Mann
und sah sie hocken dort
und sah die eig'ne Tochter an,
die jüngst der Tod trug fort.
 
Ihr Schicksal dauerte ihn sehr,
griff tief ins Portemonnaie,
ein Goldstück gab er ihr, viel mehr
an Reichtum sie nie säh.
 
Die blinde Bettlerin, voll Dank
ergriff sie seine Hand:
"Trag's Gold nur, lieber Mann, zur Bank,
zeig Dir mein reiches Land."
 
Sie zog ihn mit wohl vor die Stadt
in einen stillen Wald
zu Bäumen, wo es Frieden hat',
ein Moosbach plätschert' kalt.
 
Sie zeigte ihm ein Blumenfeld.
Es duftete nach Mohn.
Weitab von Hektik und von Geld
vergaß der Mann die Frohn.
 
Sie führte ihn an einen Strand
und briet ihm einen Fisch.
"Mein Herr, in meinem reichen Land,
da bitte ich zu Tisch!"
 
Noch lange gingen sie am Meer
so barfuß durch den Sand,
noch war dem Mann sein Herz so schwer,
als er ein Kettchen fand.
 
Das Kettchen, ganz aus Gold gewebt,
das war ihm wohlbekannt.
Der Tochter Schmuck, als sie gelebt,
nun Treibgut hier am Strand.
 
Die See, die Gnade nicht erlaubt,
in ihren wilden Wogen,
sein einz'ges Kind hat sie geraubt,
ins naße Grab gesogen.
 
Der Tränen Flut brach sich nun Bahn,
von keinem Damm gestaut.
Der Mann schrie an die See im Wahn,
die ihm sein Kind geklaut.
 
Da nahm das blinde Bettlerkind
noch einmal seine Hand
und sprach: "So wenig wie der Wind
hast Du im reichen Land."
 
"Kein Gold bringt Dir Dein Kind zurück,
das Schicksal kauft man nicht.
Mit Gold, da kaufst Du Dir kein Glück
und auch kein Augenlicht."
 
"Komm mit zu mir ins reiche Land,
laß fahren all Dein Gold.
Noch einmal reich' ich Dir die Hand,
sieh her, ich bin Dir hold."
 
Doch als der Mann den Blick erhob
da sah er bloß das Meer.
und eine Wolke, weiß, die schob
der Wind so vor sich her.
 
Er sah die Wolke weiterweh'n,
kein Kind mehr bei ihm stand.
Einst feiern sie ein Wiederseh'n
wohl dort im reichen Land.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.11.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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