Gerwin Degmair

Tempowahn

Tempowahn

 

Es geht nichts mehr, wir stehn im Stau,

vor uns der Mega-Asphalt -GAU,

und hinter uns, ganz „motocross“,

ist schon  die wahre Hölle los.

Man ahnt, man sieht, man hört den Fluch

im aufgezwungnen Bremsversuch,

man spürt die Ohnmacht hinterm Steuer

und löscht entnervt das Motorfeuer.

Jetzt zwangspaust man im „Irgendwo“,

fernab von Kunst, Kultur und Klo,

doch hilft zum Glück des Waldes Rauschen

bei „Stoffwechsel“ und Pampers tauschen.

 

Davorn, der Kerl im „Schrottverbund“,

ganz deutlich mit Bewußtseinsschwund,

zerlegte grad im Tempowahn

laut krachend seinen Vordermann.

Sein Wahn zerbrach in „tausend Trümmer“

bis hin zum letzten Auspuffkrümmer,

mal kreuz mal quer, in alle Richtung,

ein Bild der völligen Vernichtung.

 

Da kriecht aus seinem Fahrzeugwrack

fast unversehrt der Dämelack,

noch ganz im Schock mit starrem Blick

verflucht er laut sein Missgeschick:

„jetzt komm - verdammt und zugenäht -

ich auch noch zur Geburt zu spät!

Man träumt schon fest von Klinikum,

von Kreisssaal und Narkotikum

von Baby-Boom und Dinner-Room

und ist statt im Elysium

nur noch wie im Delirium!

 

Noch beim Verhör hat er vernommen,

er habe Zwillinge bekommen!

Verwirrt wollt’ er dies nicht begreifen,

denn „Zwillinge“ warn für ihn Reifen

an Achsen schwerer LKW

und nicht Objekt für’s EKG!

 

Er ist ein „bullen Auto-Freak“

und Autofahrn ist für ihn „Krieg“,

denn Auspuffsound und Motorklang

sind Anstiftung zum „Waffengang“,

kein Auto ist für ihn zu groß,

dass es nicht taugte als  Geschoß,

als Waffe gegen jedermann,

besonders auf der Autobahn!

Hier wird ihm fremdes Blech zur Qual

beim rüden Tritt auf’s Gaspedal,

doch diesmal traf es ihn fatal

ganz höchstpersönlich und „total“.

 

Wir andern, die wir bange sehn,

wie hinter uns die Schlangen stehn,

die wir zur Freiheit sind geboren,

wir haben sie im Stau verloren!

Wir hörn die Polizeisirenen

in tempoheiligen Arenen,

zum Himmel  strecken wir die Hände:

„Herr, spricht nicht dieses Chaos Bände!?

Macht durchgeknallte Rasermeute

hier gnadenlos nur fette Beute,

flehn wir zu Dir mit bebend Munde,

hilf uns aus dieser Schreckensstunde!“

 

Der Herr half uns zwar direkt nicht,

doch indirekt mit dieser Sicht:

Wer rücksichtslos nur rasen will,

für den ist schon „der Weg das Ziel“,

denn Ziele gibt’s auf ihm zu Hauf,

nimmt er den Crash einfach in Kauf,

in wilder PS-Leidenschaft!

Wie oft steht sie für „Manneskraft“,

für Hirn, Verstand, Gefühl und Herz!

Er braucht dies nicht, es reicht der Sterz,

auf dem er sitzt -  und wenn  er denkt,

dass hier der liebe Gott mitlenkt,

und er dabei die  Augen schließt,

weil man so schneller vorwärts schießt,

dann drehn die Räder per Getriebe

gewiß nicht Richtung Nächstenliebe…

Im Gegenteil, hier scheint das Fass

schon manchmal voll von Nächstenhass!

Dank heißgetunter Motorklassen

führt er zum Drama auf den Straßen

samt mißverstandnem Heldentum

vor unschuldigem Publikum.

 

In Staubwirbel und Chaos-Knall

samt abgrund-tiefem, jähem Fall

sind die vermeintlich Allergrößten

die plötzlich völlig Aufgelösten,

denn während sie aufs Tempo schielten,

und dieses für das Größte hielten,

verblassten Glück und Eitelkeit

zu Trostlosig- und Bitterkeit:

denn was als Größtes sie vollbrachten,

war nur aus Blech, in das sie krachten.


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