August Sonnenfisch

Die Rose

 
D i e  R o s e


Welche Blüten!
  Mit den Schwüngen deiner Blütenspiralen
bezauberst du
mich
und meine Gäste.
Mit
deinen
Farbsinfonien
beseligst du
die Liebenden,
tröstest du die Trauernden!
Rosenblüten!

 
Welche Düfte!
Rosendüfte in sommerlichen Lüften:

Wie wundersam nahe
du mir kommst
   im Elysium deiner Düfte!
Rosendüfte!

Welches Werden!
Aus einem Winzling du dich
kreierst: aus
einer Knospe eine Königin
du erschaffst!
Rosenwerden!

Welche Stacheln!
Verborgen im Blattwerk,
spitzest du deine
Stacheln
zum Halt und
zur Wehr
  auf gefestigtem Grund!
Rosenstacheln!

Welche Früchte!
Zur Zeit des Autumnus
beschenkst
du als ein Wildling
den Erdkreis mit
deinen glänzenden Butten in Rot,
Gelb und in Schwarz:
Butten, die von winzigen
Nüssen erfüllt.
Rosenbutten in den Farben
der Sonne
und der Nächte!


*
Auch ich stelle Stacheln:
die eigene Seele und
fremde Seelen
schützende Stacheln!

Auch ich wandle mich
und wachse,

wenn zu den Höhen
ich strebe
-
  schenkten die liebenden
Götter uns doch

ein Füllhorn von
Talenten!

Unsere blinde Flecken aber
sind geboren
aus der Furcht.
Durchfürchten wir sie!

Auch ich reihe mich ein
in eine unendliche
Kette von Geschlechtern -

  wozu der Kosmos
nach der Sintflut

uns ruft: 
Seid fruchtbar und füllt
euch die Erde!


Auch mich riefen die
Himmlischen bei
meinem Namen:

jeder Adam ist von
Apollon
geküsst,

jede Eva von Aphrodite gekost:
Kein Mensch
ohne Schönheit!


*
O Rose, du Kleinod

meines Gartens:
voller Farben und Düfte und Farben
in den Schwüngen
deiner Spiralen!

O Rose, du sommerliche
Tochter aus
dem Feuer der Sonne,
den Wassern
der Wolken
und den Krumen der Erde!

  O Rose, du sommerliche
Lust und Freude
meines Herzens:
Voller Wunder,
Sinfonien
und Stacheln!

*
Rose, o Rose:
ich finde
und erfinde dich in mir!






(c)  August Sonnenfisch, 20. Juni 2007 ff

* Viele Kulturrosensorten sind halbgefüllt
oder vollgefüllt blühend.
Das heißt aber, dass ein Teil oder alle ihre Staubblätter
in Blumenblätter umgewandelt sind.
Rosenfrüchte (Hagebutten) gibt es daher nur bei Rosen,
die noch Staubblätter aufweisen,
also bei den Wildrosen.

* Zitat 1: aus Goethes "Grenzen der Menschheit".
Zitat 2: aus 1. Mose 9, Vers 1.


---------------------------

Zu obigem Poem
siehe auch das Sonnenfisch-Gedicht "An die Rose".


 

OHNE WARUM

Die Ros' ist ohne Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie acht't nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.


(Angelus Silesius ("Schlesicher Bote" (1624-1677))
in "Cherubinischer Wandersmann"
(c) 1984 Philipp Reclam junior Stuttgart,
Buch 1, Nr. 289: "Ohne Warum")
August Sonnenfisch, Anmerkung zum Gedicht

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