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„Wenn Sulamith tanzt“ von Patrick Rabe

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Andreas Vierk (Andreasvierkgmx.de)

15.12.2020
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Lieber Patrick,

dein Sulamith-Lieth finde ich leicht, originell und wehmütig (deine lyrische Wehmut mag ich sehr!) Aber die Bibelübersetzung am Schluss deiner Erklärung gibt mir zu denken. Die ist doch von den Zeugen Jehovas oder? Ich denke nicht, dass die alten Juden ihren Gott je so genannt haben (Sie durften ja den Namen nicht aussprechen). Aber Jah erinnert mich doch sehr an Siebenstein. Übrigens wird eine der Gottheiten im Woodoo Jah genannt. Ich mag aber das Hohe Lied auch sehr. Er ist eine meiner Lieblingsstücke aus dem AT (das im Allgemeinen nicht so mein Ding ist). Das Hohe Lied ist auch unter den mittelalterlichen Mystikern sehr im Schwange gewesen. Sulamith wird dort mit der Seele gleichgesetzt und der Geliebte mit Gott. Für Paul Celan steht Sulamith für das Judentum, Margarethe für Deutschland bzw das deutsche Reich. Das ist aber ein Thema für lange Gesprächsabende.

Liebe Grüße von Andreas, dem Jahsager aus Nain alias Kain aus Nain

PS. Kann man in der Sintflut eigentlich ein Sindbad nehmen?

Patrick Rabe (16.12.2020):
Lieber Andreas, die Übersetzung ist nicht von den Zeugen Jehovas. Unter anderem, weil die in ihrer "Neuen Welt"- Übersetzung konsequent "Jehova" schreiben, was ja falsch ist, da es - verkürzt- eine Zusammennahme der Namen "Jahwe" und "Adonai" ist, um die Leerstellen im hebräischen Wort JHWH zu füllen. Die Übersetzung, die ich hier verwende, folgt der Elberfelder Bibel aus dem 19. Jahrhundert. Den Satz "Leidenschaft ist folternd wie die Hölle" habe ICH so übersetzt, und zwar gewiss nicht leichtfertig, sondern im Einklang mit dem ganzen Text, mit dem ich mich schon seit vielen Jahren intensiv beschäftige. Luther übersetzt es mit "Leidenschaft ist unwiderstehlich wie das Totenreich" was so mit Sicherheit falsch ist, weil mit "Totenreich" im Salomonischen Hohelied kein paradisischer oder himmlischer Zustand gemeint ist, in der Elberfelder Bibel steht dort "Sie ist hart wie der Scheol.", was ich treffender finde, auch dem Sinngehalt nach an der Stelle, wo dieser Satz steht. Nur kennt heute keiner mehr den Begriff "Scheol". Es ist eine Unterwelt, in der gemartert wird, ähnlich wie im griechischen Hades. Dieses Wort wird ja auch analog in der Offenbarung des Johannes verwendet. Es ist aber dennoch eine etwas andere Vorstellung. Im Scheol wird man weniger wegen seiner karmischen Vergehen gequält, sondern eher wegen seiner Vergehen an der Liebe. Und "hart wie der Scheol" wollte ich aus zwei Gründen umgehen. Erstens, um zu vermeiden, dass man da wieder "hart, wie ein steifer Schwanz" rausliest" und zweitens, weil es auch genau das bedeutet: So hart und grausam wie die Foltern im Scheol. Ich habe es dann doch mal mit "Hölle" übersetzt. Es ist einfach am Verständlichsten. Und natürlich ist das hier eine Hölle, in der die beiden Protagonisten gerne wollen. Gerade das salomonische Hohelied ist eine klassische orientalische Dichtung. Da ist die Sprache gerne mal etwas saftiger. Den Fehler, gerade diesen Text zu einengend - und in der Tat für viele Kirchgänger späterer Zeit marternd - einseitig heilstheoretisch zu deuten, haben schon viele gemacht. Mich hat bis in die letzten versuche hinein, noch in irgendeiner Kirche heimisch zu werden, diese grandiose Fehldeutung immens abgestoßen, das salomonische Hohelied sei eine darstellung der Hochzeit Christi mit der Gemeinde. Dieser Text ist fast über 300 jahre vor Christi Geburt entstanden. Hineininterpretieren kann man später immer alles. Was ja auch nicht schlimm wäre, wenn man daran keine die Menschen versklavenden Dogmen knüpfen würde. Die Zeugen Jehovas haben die elberfelder Übersetzung mal benutzt, als sie noch keine eigene Übersetzung hatten, das ist richtig. Aber die Elberfelder, die von einem Übersetzungsteam gemacht wurde, versuchte in erster Linie, etwas moderner, genauer und originär orientalischer zu übersetzen, als Luther. Viele christliche Kleinstgruppen rissen sie sich danach unter den Nagel und beanspruchten sie für sich. Das ändert aber nichts an ihrer Qualität. Die Namen "Jahwe" und "Jah" waren beide unter Juden (korrekt "Volk Israel") geläufig. "Jah" wurde eher dann gesagt, wenn es um Triumph in der Schlacht oder in der Liebe ging. (Daher kommt auch das jamaikanische "Jah Jah", dem Bob Dylan die an Bob Marley adressierte Hommage "I and I" widmete.) Deine Deutung von Sulamith als Seele ist korrekt, würde ich sagen. Wobei heilige Schriften ja immer mehrere Ebenen haben. Zum Glück. Sonst dürfte ja kein Dichter an sie angelehnte und von ihr inspirierte Gedichte schreiben. Schöfung geht immer weiter. Die Kreativität ist das eigentlich Menschliche. und damit auch Göttliche. Liebe Grüße von Patrick Rabe

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