Kommentare unserer Leserinnen und Leser zur Kurzgeschichte
„... über das, wenn jeder nur noch an sich denkt !“ von Egbert Schmitt


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Hallo Hans,
du beschreibst die täglichen Absurditäten unserer Wohlstandsburgen sehr genau.
Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Rücksichtslosigkeit selbst, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie inzwischen daherkommt.
Keiner fühlt sich verantwortlich, alle fühlen sich ausgenommen. Ein perfekter Nährboden für den Zustand, den wir jeden Tag sehen.
Erlebe Ähnliches, nur in einer anderen Ausführung. Du kennst meine Meinung dazu.
Eine Stadtverwaltung, die nur noch dann eingreift, wenn die Stimmung bereits vor dem Explodieren steht. Kleindelikte, die niemanden interessieren, solange kein Tumult entsteht.
20.000 gestohlene Fahrräder pro Jahr in Nürnberg ? Aktenlagerstoff. In Mannheim wird alle 10 Minuten eines entwendet, nicht mal ein Seitenblick.
Aber pünktlich um kurz vor Mitternacht taucht ein Trupp Kontrolleure auf, sobald die Bahnen fast leer sind. Dort, wo es ungefährlich ist und die russische Invasion hier garantiert keine Probleme macht. Ein absurdes Theater.
Der Alltag meiner Frau: seit Jahrzehnten kein öffentlicher Nahverkehr mehr.
Mein Alltag: regelmäßig aussteigen, weil sich der Geräuschpegel, das Gedränge und die allgemeine Rücksichtslosigkeit anfühlen, als wäre man nur störendes Beiwerk.
Werde angepöbelt, weil ich ein Fahrrad dabei habe, wo doch dafür extra Platz geschaffen wurde, meist von alten Frauen mit Gehfrei, denen man den Platz nicht anbietet, aber die mich als Einheimischen ausmacht und den Frust an mir auslässst ...
Weil dem ungewaschenen Handwerker in seiner dreckig-speckigen Kluft und bärtig-finsteren Sichtlage, sich nicht traut zu meckern, wenn dieser die Polster verschmutzt.
Das soll man dann „gewohnt“ nennen.
Genau das besagte Kapitel Handwerk: Eine neue Küche, die nach zwei Jahren Streit und einem Vergleich halbwegs benutzbar ist. Trupps, die mit halbem Wissen antraten und mit doppeltem Schaden wieder gingen.
Am Ende heißt es: „Sei froh, dass überhaupt jemand gekommen ist.“
Diese Haltung ist das eigentliche Problem.
Draußen zerdrückt der nächste Lieferfahrer ohne Notwendigkeit die frisch gemachte Drainage, weil das Navi offenbar nur die direkteste Route kennt, nicht die sinnvollste.
Hauptsache, das Paket ist abgeladen. Was danach kaputt ist, interessiert nicht.
Im Supermarkt: Verpackungen aufgerissen, Fehlwürfe in Automaten, Paketdienste, die mehr Benachrichtigungskarten als Pakete abgeben. Wer nicht klingelt, spart zwei Minuten und belastet alle anderen zehnmal so lange.
Da hat Phillip Weber einen prima Witz dazu:
... Ihr kennt doch noch - den Klingelstreich -von früher, wo die Kinder überall geklingelt hatten und dann wegrannten ...
Genau DIE schaffen heutzutage alle bei DHL.
Passt trefflich, oder ...
Reicht schon, um zu verstehen, wie wenig Rücksicht heutzutage noch Wert hat.
Wenn man all das zusammennimmt, entsteht kein großes Drama, aber ein ständiges Grundrauschen aus Gleichgültigkeit.
Genau das frisst eine Gesellschaft von innen an: nicht das Gewaltige, sondern das permanente „Ist halt so“.
Keiner sagt etwas, weil keiner mehr glaubt, dass es etwas bringt.
Darum schreibe ich bzw. wir beide darüber:
Nicht um Schuldige zu sammeln, sondern um deutlich zu machen, dass der Zerfall nicht mit einem Knall kommt, sondern mit tausend kleinen Nachlässigkeiten, die keiner mehr hinterfragt.
Während jeder für sich versucht, irgendwie durchzukommen, geht verloren, was uns eigentlich tragen sollte.
Sonntagsgrüße vom Egbert
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Lieber Egbert, ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich das letzte Mal einen so ehrlichen und guten Zustandsbericht über unsere Gesellschaft gelesen habe. Eine Gesellschaft, wo jeder sich selbst der Nächste ist und keiner mehr den anderen versteht oder verstehen will. Und das nicht nur wegen der vielfältigen Sprachkultur - versteht sich. Das, womit sich der kleine Bürgen täglich, im Alltag, herumschlagen muss, das kommt nicht in die Schlagzeilen. Sehr offen sprichst du eines der Hautprobleme an, nämlich die Medienangst vor der schonungslosen Wahrheit. Es darf nicht sein, was nicht sein kann- oder so ähnlich. Ich denke an die Silvesternacht in Köln, als scheibchenweise die Ungeheuerlichkeiten ans Licht kamen. Aber erst, als der Wind der Straßengespräche in den Redaktionshäuser der öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht mehr einzufangen war und zum Sturm wurde. Die Rot-Grünen wollten auch die Migrationsdiskussionen damit eindämmen, indem man alle und jeden schnell einbürgert und mit deutschem Pass versorgt, der zumindest einen kennt, der einen kennt, der deutsch spricht. Schöner Nebeneffekt, in der Kriminalstatik sind fast keine ausländischen Bürger mehr zu finden. Frei nach Reinhard Mey "der Mörder ist immer der Deutsche". Aber jetzt bin ich zu weit abgewichen. Ich sehe jedenfalls auch, das unsere Demokratie Stück für Stück demontiert und in Gefahr ist. Das ziemlich einzige, was in diesem Zusammenhang Spaß macht, ist das Lesen deiner Werke.

LG Uwe

Egbert Schmitt (24.11.2025):
Hallo Uwe, Es passiert nicht oft, dass jemand nicht nur die Worte liest, sondern auch das Gefühl, das darunter liegt. Eine Mischung aus Sorge, Müdigkeit und dem verzweifelten Wunsch, dass unsere Gesellschaft noch einmal aufwacht, bevor sie endgültig in diesem lethargischen Dauerzustand hängen bleibt. Du hast vollkommen recht: Was den Alltag der Menschen tatsächlich belastet, sieht man selten in der Tagesschau. Dort spiegelt sich nicht, was morgens im Treppenhaus, auf der Straße, im Supermarkt, im Bus oder vor der eigenen Haustür passiert. Die kleinen, täglichen Frustrationen, die sich aufsummieren, bis man innerlich irgendwann einfach - genug - hat. Sie sind für die meisten Medien keine Nachricht wert. Aber für uns Bürger sind sie die Realität, 365 Tage im Jahr. Der ganz normale Irrsinn, der keiner sein müsste. Dass du die Silvesternacht in Köln erwähnst, passt erschreckend gut ins Bild. Erst als der Druck der realen Erfahrungen nicht mehr zu ignorieren war, als die Gesprächsfetzen aus den Straßen lauter wurden als die Kontrollversuche in den Redaktionsstuben ... Da musste man zugeben, was längst jeder wusste. Das ist ja das eigentlich Tragische. Nicht das Ereignis allein, sondern der Umgang damit. Dieses reflexartige Beschwichtigen, das Belehren der Bevölkerung, dass sie falsch fühle, falsch sehe, falsch interpretiere. Am Ende ist der Bürger nicht nur geschädigt, sondern auch noch der moralische Schulbub, der sich für seine Wahrnehmung rechtfertigen soll. Genau diese Entkoppelung zwischen Alltag und offizieller Darstellung ist es, die die Leute mürbe macht. Nicht Migranten vs. Deutsche. Nicht Links vs. Rechts. Sondern Realität vs. Darstellung der Realität. Und je größer die Lücke wird, desto stärker rutschen die Menschen in die Extreme, aus purer Orientierungslosigkeit. Du beschreibst auch die schnelle Vergabe von Pässen, die statistische Verschiebung, die buchhalterische Illusion eines Problems ... Das dadurch nur unsichtbarer, aber nicht geringer wird. Ich bin da ganz bei dir. Eine Demokratie wird nicht stabiler, wenn man ihre Zahlen kosmetisch glättet wie eine schlechte Buchführung vor der Bilanzprüfung. Man stabilisiert sie, indem man der Wahrheit standhält, auch wenn sie unbequem ist, schmerzt oder nicht in die politischen Wunschvorstellungen passt. Was mich freut und gleichzeitig traurig macht ist, dass du ebenfalls spürst, wie unsere Demokratie leise Stück für Stück demontiert wird. Nicht durch einen großen Knall, nicht durch einen Staatsstreich, sondern durch eine Art gesellschaftliche Abnutzungserkrankung. Durch die Summe tausender kleiner Schlampereien, Wegschauen, Verharmlosungen und politischer Phrasen, die miteinander ein Klima erzeugen, in dem Vertrauen schmilzt wie Eis im April. Vertrauen ist nun mal das Fundament jeder Demokratie, bröckelt es, wackelt alles. Habe meinen Text nicht geschrieben, weil ich resigniert habe. Eher im Gegenteil, weil ich will, dass wir uns nicht an diese schleichende Verschlechterung gewöhnen. Dass wir nicht zulassen, dass Gleichgültigkeit zur neuen Normalität wird. Dass wir nicht irgendwann dastehen wie Statisten in unserem eigenen Land und selbst nicht mehr wissen, wie wir in diese Zuschauerrolle geraten sind. Gruß vom Egbert, der durch dich - wieder mal - eine Anregung zu dem nächsten Freitagstext inspiriert wurde, so wie auch Hans Reiter dies tut und ihr beide mir Impulse anbietet. ES lautet vorgeschoben ... ... über das beunruhigende Brummen der Apokalypse ! Der Zerfall kommt nicht mit einem Knall, sondern mit tausend kleinen Nachlässigkeiten, die keiner mehr hinterfragt. Werde ich - unter Weihnachten - einstellen, weil am Freitag hier der Christkindlesmarkt eröffnet wird, und ich die scheinheilige Schlafwagenschaffner-Stadtväter und Politverantwortlichen karikieren möchte.

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Servus Egbert,
wie du das immer mehr um sich greifende Egomanentum beschreibst, wird kaum jemand widersprechen, es sei denn, er wohnt dort, wo benannte Autos parken. Abgeschottet in Garagenfestungen. Ich verweise noch auf die big cars jeden Morgen, Mittag und Nachmittag, also beinahe ganztägig, die, jedes Halteverbot ignorierend, sämtliche Zufahrten, Buchten, Fahrradwege etc. blockieren, damit ihre Sprösslinge, um Gotteswillen, nicht ein paar Schritte laufen müssen, bevor sie dem Schulstress ausgesetzt sind. Wohnst du beispielsweise in Grünwald (Münchner Gespicktenreservat, Fußballwohlhabende und andere mehr), dann erlebst du das Geschilderte nur, wenn du dein ummauertes „Notbehelfsanwesen“ verlässt. Vielleicht berichte ich gelegentlich darüber näher, wenn mein Hund es zulässt. Dort freilich gehen wir nicht, jedoch fußt mein Einblick auf anderen Ge- und Begebenheiten. Es sind ja immer die anderen, wie jedermann gerne zugestehen wird, Wir oder allgemein, der Mensch an sich, passt sich an (Darwin), und übernimmt, was nicht gern gesehen und geduldet wird. Bei steigender Zahl der Anpasser, erleben wir das Ausgeführte. Es wird zur Normalität, was eigentlich nicht gefällt. Nun tritt das Phänomen zutage, dass die Verursacher sich selbst nicht als solche erkennen oder ignorieren. Die andern sind‘s, schlimm, dieser wachsende Egoismus! Denken wir/sie und geben den Kids den nächsten grandiosen Tip mit auf den Weg. Und so lassen sie sich auch nichts gefallen, pöbeln Lehrer an, entwickeln Aversionen gegen alles und jeden. Freilich nicht die unsrigen!
Ciao
Hans


Egbert Schmitt (23.11.2025):
Hallo Hans, du beschreibst die täglichen Absurditäten unserer Wohlstandsburgen sehr genau. Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Rücksichtslosigkeit selbst, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie inzwischen daherkommt. Keiner fühlt sich verantwortlich, alle fühlen sich ausgenommen. Ein perfekter Nährboden für den Zustand, den wir jeden Tag sehen. Erlebe Ähnliches, nur in einer anderen Ausführung. Du kennst meine Meinung dazu. Eine Stadtverwaltung, die nur noch dann eingreift, wenn die Stimmung bereits vor dem Explodieren steht. Kleindelikte, die niemanden interessieren, solange kein Tumult entsteht. 20.000 gestohlene Fahrräder pro Jahr in Nürnberg ? Aktenlagerstoff. In Mannheim wird alle 10 Minuten eines entwendet, nicht mal ein Seitenblick. Aber pünktlich um kurz vor Mitternacht taucht ein Trupp Kontrolleure auf, sobald die Bahnen fast leer sind. Dort, wo es ungefährlich ist und die russische Invasion hier garantiert keine Probleme macht. Ein absurdes Theater. Der Alltag meiner Frau: seit Jahrzehnten kein öffentlicher Nahverkehr mehr. Mein Alltag: regelmäßig aussteigen, weil sich der Geräuschpegel, das Gedränge und die allgemeine Rücksichtslosigkeit anfühlen, als wäre man nur störendes Beiwerk. Werde angepöbelt, weil ich ein Fahrrad dabei habe, wo doch dafür extra Platz geschaffen wurde, meist von alten Frauen mit Gehfrei, denen man den Platz nicht anbietet, aber die mich als Einheimischen ausmacht und den Frust an mir auslässst ... Weil dem ungewaschenen Handwerker in seiner dreckig-speckigen Kluft und bärtig-finsteren Sichtlage, sich nicht traut zu meckern, wenn dieser die Polster verschmutzt. Das soll man dann „gewohnt“ nennen. Genau das besagte Kapitel Handwerk: Eine neue Küche, die nach zwei Jahren Streit und einem Vergleich halbwegs benutzbar ist. Trupps, die mit halbem Wissen antraten und mit doppeltem Schaden wieder gingen. Am Ende heißt es: „Sei froh, dass überhaupt jemand gekommen ist.“ Diese Haltung ist das eigentliche Problem. Draußen zerdrückt der nächste Lieferfahrer ohne Notwendigkeit die frisch gemachte Drainage, weil das Navi offenbar nur die direkteste Route kennt, nicht die sinnvollste. Hauptsache, das Paket ist abgeladen. Was danach kaputt ist, interessiert nicht. Im Supermarkt: Verpackungen aufgerissen, Fehlwürfe in Automaten, Paketdienste, die mehr Benachrichtigungskarten als Pakete abgeben. Wer nicht klingelt, spart zwei Minuten und belastet alle anderen zehnmal so lange. Da hat Phillip Weber einen prima Witz dazu: ... Ihr kennt doch noch - den Klingelstreich -von früher, wo die Kinder überall geklingelt hatten und dann wegrannten ... Genau DIE schaffen heutzutage alle bei DHL. Passt trefflich, oder ... Reicht schon, um zu verstehen, wie wenig Rücksicht heutzutage noch Wert hat. Wenn man all das zusammennimmt, entsteht kein großes Drama, aber ein ständiges Grundrauschen aus Gleichgültigkeit. Genau das frisst eine Gesellschaft von innen an: nicht das Gewaltige, sondern das permanente „Ist halt so“. Keiner sagt etwas, weil keiner mehr glaubt, dass es etwas bringt. Darum schreibe ich bzw. wir beide darüber: Nicht um Schuldige zu sammeln, sondern um deutlich zu machen, dass der Zerfall nicht mit einem Knall kommt, sondern mit tausend kleinen Nachlässigkeiten, die keiner mehr hinterfragt. Während jeder für sich versucht, irgendwie durchzukommen, geht verloren, was uns eigentlich tragen sollte. Sonntagsgrüße vom Egbert

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