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Egbert Schmitt (24.11.2025):
Hallo Uwe,
Es passiert nicht oft, dass jemand nicht nur die Worte liest, sondern
auch das Gefühl, das darunter liegt.
Eine Mischung aus Sorge, Müdigkeit und dem verzweifelten Wunsch,
dass unsere Gesellschaft noch einmal aufwacht, bevor sie endgültig
in diesem lethargischen Dauerzustand hängen bleibt.
Du hast vollkommen recht: Was den Alltag der Menschen tatsächlich
belastet, sieht man selten in der Tagesschau. Dort spiegelt sich nicht,
was morgens im Treppenhaus, auf der Straße, im Supermarkt, im Bus
oder vor der eigenen Haustür passiert.
Die kleinen, täglichen Frustrationen, die sich aufsummieren, bis man
innerlich irgendwann einfach - genug - hat. Sie sind für die meisten
Medien keine Nachricht wert.
Aber für uns Bürger sind sie die Realität, 365 Tage im Jahr. Der ganz
normale Irrsinn, der keiner sein müsste.
Dass du die Silvesternacht in Köln erwähnst, passt erschreckend gut
ins Bild. Erst als der Druck der realen Erfahrungen nicht mehr zu
ignorieren war, als die Gesprächsfetzen aus den Straßen lauter
wurden als die Kontrollversuche in den Redaktionsstuben ...
Da musste man zugeben, was längst jeder wusste. Das ist ja das
eigentlich Tragische.
Nicht das Ereignis allein, sondern der Umgang damit. Dieses
reflexartige Beschwichtigen, das Belehren der Bevölkerung, dass sie
falsch fühle, falsch sehe, falsch interpretiere.
Am Ende ist der Bürger nicht nur geschädigt, sondern auch noch der
moralische Schulbub, der sich für seine Wahrnehmung rechtfertigen
soll.
Genau diese Entkoppelung zwischen Alltag und offizieller Darstellung
ist es, die die Leute mürbe macht. Nicht Migranten vs. Deutsche.
Nicht Links vs. Rechts. Sondern Realität vs. Darstellung der Realität.
Und je größer die Lücke wird, desto stärker rutschen die Menschen in
die Extreme, aus purer Orientierungslosigkeit.
Du beschreibst auch die schnelle Vergabe von Pässen, die
statistische Verschiebung, die buchhalterische Illusion eines
Problems ...
Das dadurch nur unsichtbarer, aber nicht geringer wird. Ich bin da
ganz bei dir. Eine Demokratie wird nicht stabiler, wenn man ihre
Zahlen kosmetisch glättet wie eine schlechte Buchführung vor der
Bilanzprüfung.
Man stabilisiert sie, indem man der Wahrheit standhält, auch wenn sie
unbequem ist, schmerzt oder nicht in die politischen
Wunschvorstellungen passt.
Was mich freut und gleichzeitig traurig macht ist, dass du ebenfalls
spürst, wie unsere Demokratie leise Stück für Stück demontiert wird.
Nicht durch einen großen Knall, nicht durch einen Staatsstreich,
sondern durch eine Art gesellschaftliche Abnutzungserkrankung.
Durch die Summe tausender kleiner Schlampereien, Wegschauen,
Verharmlosungen und politischer Phrasen, die miteinander ein Klima
erzeugen, in dem Vertrauen schmilzt wie Eis im April.
Vertrauen ist nun mal das Fundament jeder Demokratie, bröckelt es,
wackelt alles.
Habe meinen Text nicht geschrieben, weil ich resigniert habe. Eher im
Gegenteil, weil ich will, dass wir uns nicht an diese schleichende
Verschlechterung gewöhnen.
Dass wir nicht zulassen, dass Gleichgültigkeit zur neuen Normalität
wird. Dass wir nicht irgendwann dastehen wie Statisten in unserem
eigenen Land und selbst nicht mehr wissen, wie wir in diese
Zuschauerrolle geraten sind.
Gruß vom Egbert, der durch dich - wieder mal - eine Anregung zu dem
nächsten Freitagstext inspiriert wurde, so wie auch Hans Reiter dies
tut und ihr beide mir Impulse anbietet.
ES lautet vorgeschoben ...
... über das beunruhigende Brummen der Apokalypse !
Der Zerfall kommt nicht mit einem Knall, sondern mit tausend kleinen
Nachlässigkeiten, die keiner mehr hinterfragt.
Werde ich - unter Weihnachten - einstellen, weil am Freitag hier der
Christkindlesmarkt eröffnet wird, und ich die scheinheilige
Schlafwagenschaffner-Stadtväter und Politverantwortlichen
karikieren möchte.
Egbert Schmitt (23.11.2025):
Hallo Hans,
du beschreibst die täglichen Absurditäten unserer Wohlstandsburgen
sehr genau.
Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Rücksichtslosigkeit
selbst, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie inzwischen
daherkommt.
Keiner fühlt sich verantwortlich, alle fühlen sich ausgenommen. Ein
perfekter Nährboden für den Zustand, den wir jeden Tag sehen.
Erlebe Ähnliches, nur in einer anderen Ausführung. Du kennst meine
Meinung dazu.
Eine Stadtverwaltung, die nur noch dann eingreift, wenn die Stimmung
bereits vor dem Explodieren steht. Kleindelikte, die niemanden
interessieren, solange kein Tumult entsteht.
20.000 gestohlene Fahrräder pro Jahr in Nürnberg ? Aktenlagerstoff.
In Mannheim wird alle 10 Minuten eines entwendet, nicht mal ein
Seitenblick.
Aber pünktlich um kurz vor Mitternacht taucht ein Trupp Kontrolleure
auf, sobald die Bahnen fast leer sind. Dort, wo es ungefährlich ist und
die russische Invasion hier garantiert keine Probleme macht. Ein
absurdes Theater.
Der Alltag meiner Frau: seit Jahrzehnten kein öffentlicher Nahverkehr
mehr.
Mein Alltag: regelmäßig aussteigen, weil sich der Geräuschpegel, das
Gedränge und die allgemeine Rücksichtslosigkeit anfühlen, als wäre
man nur störendes Beiwerk.
Werde angepöbelt, weil ich ein Fahrrad dabei habe, wo doch dafür
extra Platz geschaffen wurde, meist von alten Frauen mit Gehfrei,
denen man den Platz nicht anbietet, aber die mich als Einheimischen
ausmacht und den Frust an mir auslässst ...
Weil dem ungewaschenen Handwerker in seiner dreckig-speckigen
Kluft und bärtig-finsteren Sichtlage, sich nicht traut zu meckern, wenn
dieser die Polster verschmutzt.
Das soll man dann „gewohnt“ nennen.
Genau das besagte Kapitel Handwerk: Eine neue Küche, die nach zwei
Jahren Streit und einem Vergleich halbwegs benutzbar ist. Trupps, die
mit halbem Wissen antraten und mit doppeltem Schaden wieder
gingen.
Am Ende heißt es: „Sei froh, dass überhaupt jemand gekommen ist.“
Diese Haltung ist das eigentliche Problem.
Draußen zerdrückt der nächste Lieferfahrer ohne Notwendigkeit die
frisch gemachte Drainage, weil das Navi offenbar nur die direkteste
Route kennt, nicht die sinnvollste.
Hauptsache, das Paket ist abgeladen. Was danach kaputt ist,
interessiert nicht.
Im Supermarkt: Verpackungen aufgerissen, Fehlwürfe in Automaten,
Paketdienste, die mehr Benachrichtigungskarten als Pakete abgeben.
Wer nicht klingelt, spart zwei Minuten und belastet alle anderen
zehnmal so lange.
Da hat Phillip Weber einen prima Witz dazu:
... Ihr kennt doch noch - den Klingelstreich -von früher, wo die Kinder
überall geklingelt hatten und dann wegrannten ...
Genau DIE schaffen heutzutage alle bei DHL.
Passt trefflich, oder ...
Reicht schon, um zu verstehen, wie wenig Rücksicht heutzutage noch
Wert hat.
Wenn man all das zusammennimmt, entsteht kein großes Drama,
aber ein ständiges Grundrauschen aus Gleichgültigkeit.
Genau das frisst eine Gesellschaft von innen an: nicht das Gewaltige,
sondern das permanente „Ist halt so“.
Keiner sagt etwas, weil keiner mehr glaubt, dass es etwas bringt.
Darum schreibe ich bzw. wir beide darüber:
Nicht um Schuldige zu sammeln, sondern um deutlich zu machen,
dass der Zerfall nicht mit einem Knall kommt, sondern mit tausend
kleinen Nachlässigkeiten, die keiner mehr hinterfragt.
Während jeder für sich versucht, irgendwie durchzukommen, geht
verloren, was uns eigentlich tragen sollte.
Sonntagsgrüße vom Egbert
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