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Egbert Schmitt (27.02.2026):
Liebe Nina,
ich musste schmunzeln: Du kämpfst mit dem Zoom, ich mit dem Sitz,
wir zwei sind offenbar Versuchskaninchen einer höheren
Betriebssystem-Instanz.
Vielleicht heißt sie schlicht Leben 3.7 – automatische
Schwankungsanpassung. Man glaubt, alles im Griff zu haben, und
zack 50 %. Dann wieder 100 %, ohne Zutun. Wenn das keine Metapher
ist.
Dass du bei 50 % weiterarbeitest, finde ich übrigens bewundernswert.
Die meisten von uns würden erst einmal das Gerät beschimpfen oder
den Router neu starten. Du schreibst einfach weiter.
Das ist schon eine Form von handwerklicher Souveränität, nur eben
im Geistigen.
Und was deinen Backofen-Rost betrifft:
Ich glaube dem Servicemann sofort, dass er einfach mehr Kraft hatte.
Kraft ist ja die letzte Bastion männlicher Selbstvergewisserung. Wenn
nichts mehr geht, wird gedrückt.
Dabei sind viele dieser Konstruktionen eher eine Frage der
Hebeltechnik als der Bizepsgröße. Aber ich verstehe dich, wenn man
ohnehin schon mit widerspenstiger Materie ringt, möchte man nicht
noch als Statistin im eigenen Küchendrama enden.
Deine Eltern und der weiße Toilettendeckel, sehr klug. Südsee-
Sonnenuntergang ist eine riskante Langzeitinvestition. Geschmack ist
flüchtiger als jede Soft-Close-Mechanik. Weiß ist das diplomatische
Schweigen unter den Farben.
Dein Vater mit den zwei linken Händen, das beruhigt mich ungemein.
Es widerlegt diese alte Mär vom geschlechtsgebundenen Schrauben-
Gen.
Vielleicht ist es wirklich weniger eine Frage von Mann oder Frau als
von Lust oder Unlust. Oder von früherer Ermutigung.
Wer einmal erlebt hat, dass etwas gelingt, greift wieder zum
Werkzeug. Wer einmal hört lass mal, ich mach das, tritt einen Schritt
zurück, manchmal für Jahrzehnte.
Dass du zwei Heizungskonsolen montiert und Marmorplatten drapiert
hast, erwähnst du so beiläufig, als sei das nichts.
Das ist mehr als viele kräftige Herren je zustande bringen. Gestaltung
ist ja auch eine Form von Reparatur: Man verwandelt Überzähliges in
Sinn.
Was den tropfenden Wasserhahn angeht, ich verstehe dein Zögern bei
dreistelligen Anfahrtskosten. Aber ein Tropfen kann auf Dauer teurer
sein als eine Dichtung.
Vielleicht ist das die kleine Mutprobe des Jahres: nicht aus Zwang,
sondern aus Neugier. Wenn es schiefgeht, darf es schiefgehen.
Dilettantische Würde, erinnerst du dich ?
Dein Traumprinz auf dem weißen Schimmel, nun ja. Ich würde ihm
zumindest vorher einen Dachdecker-Kurs empfehlen, falls er schon
durchs Märchen geritten kommt.
Moos in der Brieftasche ist poetisch, Moos auf dem Dach irgendwann
statisch relevant.
Aber ich mag deinen Humor dabei. Erst die Liebe, dann die Dachrinne,
eine klare Prioritätenliste.
Und was die Kraftfrage betrifft: Ja, Männer haben im Schnitt mehr
Muskelmasse. Aber Beharrlichkeit, Improvisation und ästhetisches
Empfinden sind keine Testosteron-Domänen.
Vielleicht ist die eigentliche Kraft die, sich nicht von einem
herunterfallenden Rost oder springenden Zoom entmutigen zu
lassen.
Dass du sagst: Wenn man Zeit hat, bringt es Spaß Dinge zu
reparieren, das trifft den Kern. Zeit ist das eigentliche Werkzeug, das
uns fehlt. Nicht Schraubenzieher.
Also: Ich verspreche, meinen Toilettendeckel nicht mit Gewalt,
sondern mit Jazz zu behandeln. Synkope statt Schraubstock.
Wenn er schief sitzt, dann als Mahnmal meiner Lernkurve.
Danke für dein Mitdenken, Mitlächeln und Mitzoomen.
Vielleicht sind 50 % manchmal die ehrlichere Einstellung.
Herzlich, vom Egbert
Egbert Schmitt (02.03.2026):
Hallo Uwe,
„Respekt wer’s selber macht“ hat bei mir sofort ein leises Kopfnicken
ausgelöst. Dies halb ehrfürchtige, halb erleichterte. Ehrfürchtig vor
der lückenlosen Kachelwand, erleichtert darüber, dass niemand von
uns verlangt, morgen einen Wankelmotor zu reanimieren.
Vielleicht liegt genau darin der kleine Irrtum unserer Zeit: Wir glauben,
alles müsse auf Anhieb aussehen wie aus dem Katalog. Dabei sind
vierzig Jahre Pause ja kein Makel, sondern gelebtes Leben. Die Hände
vergessen weniger, als wir denken, sie brauchen nur wieder einen
Anlass.
Die Medienwelt spielt uns Perfektion vor. Das macht uns vorsichtig.
Fast schüchtern. Trotz alledem steckt in mir noch der Achtjährige mit
dem Hammer, der nicht weiß, ob der Nagel schiefgeht und es
trotzdem versucht.
Sollten wir uns wirklich wieder etwas zumuten ? Nichts Heroisches.
Kein Oldtimer, keine Kathedrale aus Fliesen. Vielleicht nur eine
tropfende Dichtung oder ein schiefer Deckel. Und wenn es am Ende
nicht aussieht wie im Werbeprospekt, umso besser. Dann gehört es
uns.
Danke dir für deine wertschätzenden Worte. Sie sind wie ein gut
gesetzter Nagel: halten mehr, als man denkt.
LG
Egbert
Egbert Schmitt (27.02.2026):
Hans, die Stunde hat nicht geschlagen.
Ich fürchte eher, sie hat geschnarrt, wie ein nicht ganz sauber
montierter Spülkastenschwimmer bei Nacht.
Ich brauche für solch' ausformulierte Texte immer einen dreiviertel
Tag, zum restliche werktechnische Aufgabenspektrum eines DATEV-
Rentners, der eine weitaus jüngere Frau in Arbeit und Vollkornbrot
(Das Bäuerliche) hat und sie mit die Schuld zuweist, weil Sie noch
ewig arbeiten soll.
Die These vom kollektiven männlichen Schuldbekenntnis ist
charmant, sie riecht nach Stammtisch-Nostalgie im Sonntagshemd.
Was wir verklären, ist nicht das Können, sondern die
Selbstverständlichkeit des Scheiterns.
Heute googelt man vor dem ersten Hammerschlag. Früher schlug
man daneben und nannte es Erfahrungswert.
Wir sind immer schuld, ist keine anthropologische Konstante.
Es ist eine bequeme Erzählung, wenn man keine Lust hat, über
Rollenmuster nachzudenken, die wir selbst jahrzehntelang kultiviert
haben.
Wer hat denn gepredigt, dass Technik Männersache sei ?
Wer hat sich definieren wollen über Ich mach das schonb ? Wer
wundert sich jetzt, dass er gerufen wird, wenn etwas zu machen ist?
Das ist kein Schicksal, es ist Arbeitsteilung mit Traditionsbonus.
Ich sehe eher eine Verschiebung der Mutproben, denn früher konntest
du dir beim Hobeln in den Finger schneiden.
Heute ruinierst du dir mit einem falschen Klick die Cloud. Bluten tut
beides, nur anders.
Es war oder wäre noch nie so leicht, sich Wissen anzueignen.
Dass viele es nicht tun, liegt nicht am System, sondern am fehlenden
Willen, sich blamabel an Neues heranzutasten.
Das Problem ist nicht, dass niemand mehr Nägel einschlagen kann,
sondern dass keiner mehr dabei schlecht aussehen will.
Sehe eher eine Generation, die auf Vorschriften wartet, statt
Verantwortung zu üben. Nicht nur im Finanzamt. Auch im
Wohnzimmer. Vielleicht sind wir Männer manchmal die offiziellen
Endgegner jeder Montageanleitung.
Wenn also künftig um 2:37 Uhr eine Nachricht eintrifft, dann ist das
kein Tribunal. Das ist eine Erinnerung, denn wer Kompetenz
beansprucht oder zugewiesen bekommt, bekommt auch Aufgaben.
Deine Bemerkung zu Gymnasium ohne Rechnen und Lesen überlasse
ich seit gestern Alfred Dorfer (GLEICH) mit dessen kabarettistischen
Freiheit, als mein Highlight
Ich bleibe beim tropfenden Hahn.
Der tropft nicht aus Bildungsnot, sondern aus einer verschlissenen
Dichtung und gelegentlicher Aufschieberitis.
Am Ende bleibt doch:
Wir sind keine aussterbende Spezies, wir sind lediglich Männer
zwischen Dübel und Digitalisierung,z wischen „Hättst halt g’macht“
und „Ich hab dir eh a Video geschickt“.
Falls wieder etwas schief sitzt, sei es Toilettendeckel oder
Weltanschauung, ziehen wir die Schrauben eben einen halben
Millimeter nach.
Nicht wirklich, sondern nur bewusster.
Gruß vom du dou dey Handwech, Masdder.
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