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Egbert Schmitt (06.09.2026):
Hallo Hans,
du triffst damit, glaube ich, noch einen viel tieferen Punkt meines
kleinen Lebens-TÜVs: die Nachwelt als eigentlich völlig
unzuverlässige Prüfbehörde.
Menschen möchten ja zu Lebzeiten möglichst schon wissen, welchen
Platz wir später einmal in der Geschichte bekommen.
Der eine sammelt Preise, der andere Orden, der nächste lässt sich
Denkmäler bauen, und mancher hält sich bereits selbst für eine
historische Persönlichkeit, obwohl die Tinte auf seinem Wikipedia-
Eintrag noch nicht einmal trocken ist.
Dann kommt die Nachwelt. Sie ist gnadenlos.
Sie prüft nicht nach unseren eigenen Kriterien, sondern nach ihren.
Und was wir heute für epochal halten, kann morgen schon unter -
ferner liefen - abgeheftet sein.
Was oder wem nützt die Plakette, wenn keiner mehr weiß, an
welchem Fahrzeug sie einmal klebte ?
Ist das sogar die groteskeste Pointe des menschlichen Strebens nach
Bedeutung !?
Unbedingt einen Nachweis dafür hinterlassen, dass wir bedeutend
waren - und übersehen dabei, dass auch der Nachweis irgendwann
bedeutungslos wird.
Der große Friedensstifter, der Despot, der gefeierte Künstler, der
geniale Denker und der ganz normale Hans oder Egbert aus der
Nachbarschaft: Irgendwann sitzen sie, bildlich gesprochen, alle im
selben Wartezimmer der Erinnerung.
Bleibt von einem Menschen am Ende überhaupt nicht das erhalten,
was er selbst für sein Vermächtnis hielt, sondern etwas viel Kleineres:
ein Satz, den jemand behalten hat ?
Eine Geste, ein Lachen, eine Hilfe zur richtigen Zeit oder einfach die
Erinnerung eines anderen Menschen daran, dass es gut war, dass er
da gewesen ist
Ist nicht genau das die einzige Nachwelt, die wirklich zählt.
Nicht die große historische Nachwelt, die in Lexika urteilt, sondern die
kleine menschliche Nachwelt, die sagt:
„Den habe ich gekannt. Mit dem konnte man lachen. Der hat mir
einmal geholfen. Der war manchmal ein ziemlicher Depp - aber ich
mochte ihn.“
Mehr dürfte von unserem Lebens-TÜV eigentlich gar nicht verlangt
werden.
Selbst wenn irgendwann niemand mehr weiß, dass wir überhaupt
existiert haben, macht das unser Leben ja nicht nachträglich wertlos.
Ein Sonnenuntergang wird schließlich auch nicht dadurch schlechter,
dass keiner mehr darüber spricht.
Wir müssen gar nicht in die Nachwelt eingehen.
Es reicht, wenn wir während unserer eigenen Zeit nicht völlig spurlos
aneinander vorbeigefahren sind, wenn am Ende doch noch jemand
nach der Plakette fragt:
„Dann hat man wenigstens keinen schlechten Eindruck von mir
gehabt“
Danke für diese Nachprüfung, hab' dich wohl.
Gruß Egbert
Egbert Schmitt (06.09.2026):
Liebe Nina,
danke dir, und ja, die „Verkehrstauglichkeit“ hat sich beim Schreiben
irgendwie verselbständigt …-)
Wobei ich inzwischen gar nicht mehr sicher bin, ob das eigentliche
Problem beim Lebens-TÜV wirklich die Verkehrstauglichkeit des
Menschen ist oder vielmehr der zunehmende Verkehr auf der
menschlichen Fahrbahn.
Manche fahren schließlich seit Jahrzehnten mit eingeschaltetem
Fernlicht durch die Gegend, andere kennen nur den Rückwärtsgang,
und wieder andere halten den Blinker für eine demokratische
Abstimmung.
Dann gibt es noch jene, bei denen der TÜV-Prüfer nach der Probefahrt
nur noch ins Klemmbrett schreibt:
„Verkehrstauglich – aber bitte nicht unbeaufsichtigt auf die
Menschheit loslassen.“ …-)
Liebe Grüße
Egbert
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