Daniela Lutz

Winterabend

Es war ein dunkler, kalter, aber sternklarer Dezemberabend. Der Schnee knirschte unter seinen Schuhen. Er war alleine auf der Straße. Niemand war weit und breit zu sehen, auch kein Auto.
Er hatte alles so weit vergessen, was geschehen war. Er stapfte gedankenverloren und irgendwie innerlich leer durch die Straße. Die Hände hatte er in den Seitentaschen seines Mantels vor der Kälte vergraben. Seinen Kopf hatte er gesenkt und verfolgte seine Schritte im weißen Schnee.
Mit einem Mal stand sie vor ihm. Er hielt an und schaute auf. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen, als er sich plötzlich von ihr abwandte und ging. Er lies sie einfach stehen, ohne ein Wort zu ihr zu sagen. Er versuchte nicht an sie zu denken und sich nicht umzuschauen. Er beeilte sich. Er versuchte, so schnell wie möglich von dort wegzukommen. Er tat so, als ob es diesen einen Moment eben gar nicht gegeben hätte und er schon die ganze Zeit in diese eine Richtung lief. Entgegen seinem ursprünglich eingeschlagenen Weg.
Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, daß er sich einfach so, wortlos, von ihr abgewandt hatte. Nach dem sie die momentane Situation verstanden hatte, lief sie ihm hinterher. Sie rief nach ihm. Sie bat ihn, er solle doch bitte stehen bleiben und mit ihr reden. Aber er ging einfach weiter. Er tat so, als ob er nichts hören würde. Er war verletzt, tief in seinem Inneren. Er wollte jetzt nicht mit ihr reden. Sie noch nicht einmal sehen.
Sie hatte es geschafft ihn einzuholen. Sie hielt ihn an seinem Arm fest und stellte sich vor ihm hin. Sie war völlig außer Atem gekommen.
Sie schaute ihm ins Gesicht. Sie sah in seine tiefblauen Augen. Er wirkte verletzt und traurig. Trotz dessen, daß auch er sie ansah, hatte sie das ungute Gefühl, daß er durch sie hindurch schaute. Daß er sie gar nicht sehen wolle. Sie versuchte mit ihm zu reden. Sie fragte (ihn), was denn los sei. Was sie ihm getan hätte, daß er so einfach, ohne ein Wort zu sagen, von ihr ging. Sie verstand ihn nicht. Sie liebte ihn doch. Er war doch für sie der Einzige.
Es war still um die Beiden. Er antwortete ihr nicht. Er wollte einfach nur alleine sein.
Jetzt, als sie da standen, spürte er die Kälte des Winterabends gleich noch viel mehr. Er vergrub seine Hände noch tiefer in seine Manteltaschen.
Sie fragte ihn erneut. So schnell wollte sie dann doch nicht locker lassen. Sie wollte endlich den Grund erfahren, warum er so aus ihrem gemeinsamen Leben getreten war.
Wieder war es still. Wieder reagierte er nicht auf ihre Fragen. Er fühlte sich einsam, obwohl sie direkt vor ihm stand und für ihn da sein wollte.
In diesem Moment wußte er selbst noch nicht einmal mehr genau, warum er einfach gegangen war. Es war so viel passiert. Eins kam zum anderen. Er fühlte sich von ihr allein gelassen. Sie hatte anscheinend keine Zeit mehr für ihn. Sie sahen sich kaum noch. Auch an den Wochenenden hatte sie scheinbar keine Zeit mehr für ihn. Er fühlte sich von ihr vollkommen mit ihrem gemeinsamen Leben allein gelassen. Er merkte, wie sie sich in der letzten Zeit, in den letzten Wochen, immer mehr voneinander distanzierten.
Früher hatten sie sich einmal geliebt. Aber mittlerweile hatte er den Eindruck, daß von ihrer Seite ihm gegenüber keinerlei Gefühle mehr existierten. Diese Tatsache verletzte ihn sehr, denn für ihn war das keine Grundlage mehr für eine gemeinsame Beziehung. Er liebte sie noch immer. Aber auch er wollte, wie jeder andere Mensch auch, geliebt werden.
Somit hatte er sich, nach langem Überlegen, ob diese Beziehung noch einen Sinn macht, dazu entschieden, wieder seinen eigenen Weg zu gehen. Er wollte sich wieder ein neues, eigenes Leben aufbauen. Ohne sie.
Er hatte seine Sachen zusammengesucht und war erst einmal in ein Hotelzimmer gezogen. Als Übergangslösung, bis er eine eigene kleine Wohnung gefunden hat.

Nachdem er ihr jetzt erklärt hatte, warum er versucht hatte, aus ihrem Leben zu treten, ohne ihr ein Wort davon zu sagen, standen sie beide da. Im Schnee, in der Kälte, im Dunkeln. Einen Moment lang sagte sie nichts. Sie wußte nicht, was sie ihm daraufhin sagen sollte.
Er sah sie an. Er schaute tief in ihre braunen Augen und konnte sehen, wie ihr Tränen in den Augen standen. Er konnte sehen, was sie dachte. Es ging nicht alles spurlos an ihr vorbei. Er schien ihr immer noch viel Wert zu sein. Sie schien ihn doch immer noch zu lieben.
In diesem Augenblick wollte er sie einfach nur noch in seine Arme nehmen und festhalten. Alles um sich herum vergessen. Aber er tat es nicht. Er konnte nicht. Es wäre sicherlich ein Fehler gewesen, wenn er es gemacht hätte, dachte er sich.
Sie fing wieder an zu realisieren, was wirklich passiert ist, in den letzten Wochen, hier auf der Straße. Das, was er ihr eben gesagt hatte.
Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie rang nach Fassung. Sie wollte ihn nicht verlieren. Nie. Nie hätte sie auch nur im Traum gewollt, daß es so passiert. Das so etwas passieren könnte.
Sie mußte sich nun tatsächlich eingestehen, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte nicht nur einen Fehler gemacht. Sie hatte dadurch auch noch den Menschen verletzt und verloren, der ihr wirklich am meisten bedeutet und den sie über alles liebt.
Sie wollte sich bei ihm entschuldigen. Entschuldigen für das, was sie ihm angetan hatte. Dafür, daß sie ihn so verletzt hat. Sie versprach ihm sich zu bessern und wieder ein Leben mit ihm zu führen, statt ein Leben ohne ihn. Aber er wußte genau, daß es früher oder später wieder so weit kommen würde. Sie würde ihn wieder alleine mit dem gemeinsamen Leben lassen und sich unbemerkt ihr eigenes, neues Leben aufbauen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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