Daniela Lutz

Momente

 
Plötzlich wachte sie auf. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, versuchte sie sich aufzumuntern. Aber es war doch so real! Alles schien Wirklichkeit gewesen zu sein. Sie hatte es in ihrem Traum geschafft, ihr Problem ein für alle mal aus der Welt zu schaffen, auch wenn die Konsequenzen, die sie daraus zog, die schlimmsten waren.
Ein flüchtiger Blick auf die Uhr. Schon so spät? Sie musste sich langsam fertig machen, denn nachher wollte sie noch einmal wegfahren. Doch sie war sich nicht mehr sicher, ob sie das wirklich tun sollte. Ist es wirklich richtig, das zu machen? Es gab kein Zurück mehr.
Eine Stunde später saß sie schon in ihrem Auto und fuhr los. Ihr Ziel war gewiss. Es sind nur zwanzig Minuten, wenn es der Verkehr zulässt. In den zwanzig Minuten hatte sie noch einmal viel Zeit zum Nachdenken. Jetzt war sie auf dem Weg. Es gab also keine Möglichkeit mehr für eine Absage.
Sie war da. Sie war an ihrem Zielort angekommen. Sie stieg aus dem Auto, suchte ihre Unterlagen zusammen und ging. Sie ging auf das Haus zu.
Jetzt ist es sowieso zu spät, dachte sie sich. Schließlich war es damals auch ihr eigener Vorschlag gewesen, das zu machen. Damals vor über einem Monat. Da war noch einiges anders. Aber ihr Problem existierte zu diesem Zeitpunkt auch schon. Genaugenommen bestand ihr Problem schon seit etwa zwei Monaten, seit Weihnachten. Und wie sie sich eingestehen musste, wurde es seit Silvester nur noch schlimmer. Seit Neujahr weiß sie überhaupt nicht mehr, was sie noch tun soll. Die Wahrheit sagen, das war ihr klar. Aber wie? Und vor allem: Wie fiel die Reaktion darauf aus? Das ist die Ungewissheit, die sie belastete. Vielleicht war es jetzt auch schon zu spät, um die Wahrheit zu sagen, oder zumindest zu spät nicht alles zu verlieren. Es stand dabei eine Menge auf dem Spiel. Sie könnte bei der Sache einen sehr guten Freund verlieren. Und ist es das wirklich wert?
Sie klingelte an der Tür. Einen Moment später öffnete er ihr die Tür und bat sie herein. Gemeinsam gingen sie in die Küche und frühstückten zusammen. Sie verstanden sich gut. Sehr gut. In den letzten Monaten haben sie mehr und mehr zusammen unternommen, auch wenn das meiste auf schulischer Basis war. Beide studieren und haben sich dadurch kennengelernt. Nach dem Frühstück gehen sie auf sein Zimmer und lernen. Er dachte sich wieder einmal Aufgaben aus, die sie dann beide einzeln lösten. Er hatte sichtlich Spaß dabei. Sie alberten rum und ärgerten sich gegenseitig.
Die Zeit verging schnell. Draußen wurde es schon wieder langsam dunkel. Die Sterne kamen zum Vorschein und die Stadt erstrahlte im abendlichen Licht. Von seinem Fenster aus konnte man auf die gesamte Stadt niederschauen.
Auf einmal fiel ihr wieder der Traum von letzter Nacht ein. Genauso hatte es in diesem Traum auch angefangen. So darf es nicht enden, sagte sie sich. Nicht wie im Traum. Sie stand auf. Sie packte ihre Sachen und verabschiedete sich von ihm. Er fragte sie, was los sei, dass sie auf einmal so schnell weg will. Sie sagte ihm, sie hätte völlig vergessen, dass noch eine Freundin vorbeikommen wollte. Darum müsse sie schnell nach Hause fahren.
Sie wich seinen Blicken aus.
Sie eilte die Treppe hinunter, drehte sich noch ein letztes Mal zu ihm um und ging zur Tür hinaus.
Fahr vorsichtig, hörte sie ihn noch hinterher rufen. Doch sie antwortete nicht. Sie ging zu ihrem Wagen, stieg ein und fuhr nach Hause. Auf der Heimfahrt drehte sie die Musik auf, in der Hoffnung, die Gedanken an ihn loszuwerden.
Zu Hause angekommen flüchtete sie auf ihr Zimmer. Im nächsten Augenblick klingelte ihr Handy. Sie schaute aufs Display und sah, dass er versuchte sie anzurufen. Sie ging nicht ran. Sie ließ es einfach weiterklingeln. Irgendwann wird er es schon aufgeben, dachte sie sich.
Das Klingeln verstummte. Es war wieder ruhig im Zimmer.
Ist es wirklich das Richtige, was ich hier mache, fragt sie sich. Warum habe ich es ihm nicht gesagt?
Völlig in ihren Gedanken vertieft, saß sie an ihrem Schreibtisch. Plötzlich klingelte ihr Handy. Wieder war er es, der versuchte sie zu erreichen. Und wieder ließ sie es einfach weiter klingeln.
Sie reagierte nicht.
Wieder Stille.
Nach einiger Zeit ging sie dann ins Bett. Mit den Gedanken an ihr immer noch nicht gelöstes Problem schlief sie dann ein.
Am nächsten Morgen holte sie ein lautes Weckerklingeln aus dem Schlaf. Sie stand auf, ging zum Schreibtisch und sah auf ihrem Handy, dass sie eine Nachricht bekommen hatte. Sie öffnete sie. Die Nachricht war von ihm.
Was war denn gestern abend mit dir los? Wir müssen uns treffen. Schlag bitte eine Zeit vor!
Was soll ich jetzt machen, fragte sie sich.
Sie schrieb ihm zurück und sagte ihm eine Zeit, wann sie bei ihm sei.
Der Vormittag und der Nachmittag vergingen schnell. Für ihre Begriffe zu schnell. Sie wusste noch immer nicht, wie sie ihm abends gegenübertreten sollte.
Sie fuhr los.
Es regnete und es war winterlich kalt.
Nach einer halben Stunde war sie angekommen. Sie ging zur Tür und klingelte. Jemand kam die Treppe herunter. Er machte ihr die Tür auf und bat sie herein. Sie gingen auf sein Zimmer.
Was war gestern abend mit dir los? Du warst so schnell verschwunden.
Sie wusste, dass sie es ihm jetzt sagen musste. Dass sie nicht mehr zurück konnte.
Wieder wich sie seinen Blicken aus.
Es fiel ihr wahrlich nicht leicht mit ihm genau in diesem Moment darüber zu reden. Sie hatte lange Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Wochen. Monate. Und jetzt war es soweit.
Sie versuchte einen Anfang zu finden. Irgendeinen Anfang. Sie nahm das damalige Gespräch als Grundlage. Sie hatten schon im Dezember darüber gesprochen, aber zu der Zeit war sie sich ihrer Gefühle noch nicht sicher.
Es ist mir wichtig dich als Freund zu behalten, egal was passiert. Ich weiß nicht, wie du die Sache hinterher sehen wirst. Ich würde mir einfach nur wünschen, dass wir unsere bis hierhin aufgebaute Freundschaft nicht aufgeben. Solltest du allerdings anderer Meinung sein, so muss ich diese Entscheidung von dir akzeptieren. Lass es mich dir jetzt einfach nur sagen. Sag du bitte nichts weiter dazu. Du hast mich vor Silvester gefragt, ob da nicht mehr wäre. Ich sagte dir nein. Ich muss zugeben, dass sich meine Meinung in den letzten zwei Monaten geändert hat. Ich bin gern in deiner Nähe. Du bedeutest mir mittlerweile sehr viel. Ich wollte es mir lange selbst nicht eingestehen. Aber es ging einfach nicht mehr. Ich konnte mich einfach auf nichts mehr wirklich konzentrieren. Es tut mir leid, dass ich es dir so sagen muss. Ich habe lange Zeit darüber nachgedacht, ob ich es dir sage und vor allem wie. Ich wollte es dir schon viel früher sagen, aber ich konnte nicht. Es tut mir wirklich Leid.
Er will ihr antworten.
Nein! Sag jetzt bitte nichts. Ich habe dir alles gesagt, was ich dir zu sagen habe. Für mich reicht das.
Sie stand auf und wollte gehen. Er versuchte sie aufzuhalten, doch sie war schon auf der Treppe. Sie zog sich ihre Jacke an und ging zur Tür hinaus.
Er blieb alleine stehen.
Sie drehte sich noch einmal zu ihm um. Es tut mir Leid.
Sie hatte Tränen in den Augen.
Wieder versuchte er mit ihr zu reden, aber sie drehte sich um, stieg in ihr Auto und fuhr los.
Sie fuhr in Richtung Autobahn. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause.
Der Regen hatte mittlerweile auch aufgehört, doch die Straßen waren teilweise durch die niedrigen Temperaturen übergefroren.
Auf der Autobahn war nicht viel los.
Sie war völlig in ihren Gedanken vertieft. Sie bereute es, ihm alles gesagt zu haben. Aber leider kann sie daran nun auch nichts mehr ändern. Er wusste jetzt, dass sie in ihn verliebt ist.
Sie bemerkte nicht, dass sie wieder einmal viel zu schnell fuhr. Sie setzte zum Überholen an und fuhr in die Kurve hinein. Auf einmal verlor sie die Kontrolle über ihren Wagen. Sie konnte ihn nicht mehr lenken. Das Auto prallte mit hoher Geschwindigkeit gegen die Leitplanken und überschlug sich mehrfach.
Einige Zeit später war auch schon die Feuerwehr an Ort und Stelle. Der Fahrer des Feuerwehrautos stieg fassungslos aus. Er wusste nicht was er machen sollte. Er kannte dieses Auto. Er kannte die Person, die sich in diesem Fahrzeug befand. Gerade war sie noch bei ihm.
Er rannte los. Er lief zu dem verunglückten Wagen.
Er sah sie. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden war.
Sie bewegte sich nicht.
So tut doch etwas, rief er seinen Kameraden zu. Beeilt euch.
Doch jede Hilfe kam zu spät.
Er wusste nicht, was er machen sollte.
Warum nur? Warum habe ich dich nicht einfach aufgehalten? Warum habe ich dich nur fahren lassen?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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