Sabine Pöhlmann

Das geheimnisvolle Gemälde

Leonardo eilte durch die Straßen von Florenz. Er hatte sich mit Domenico Martinelli, der ihm einen Auftrag für ein Portrait seines ältesten Sohnes erteilen wollte, verplaudert. Er ärgerte sich maßlos, dass er ausgerechnet heute, an diesem besonderen Tag, fast zu spät kam. Hoffentlich war sie noch nicht da. Bei den Gedanken an Elisa durchfuhr ihn ein warmes, wohliges Gefühl. Sie kannten sich nun drei Jahre. Drei Jahre, in denen er von Anfang an wusste, dass sie die einzige und richtige Frau für ihn war. Elisa war erst 14 Jahre alt, als ihn ihr Vater zu sich bestellte. Er wollte ein Portrait seiner Tochter anfertigen lassen. Man wurde sich über diesen Auftrag sehr schnell einig, insbesondere weil Leonardo zu einem unglaublich kleinen Preis für diese Auftragsarbeit bereit war. Er hatte Elisa bei der Begrüßung gesehen und vom ersten Moment an war es um ihn geschehen.
Nun war das Bild fertig und er hatte Elisa zur Abschlusssitzung in sein Atelier bestellt. Wie immer würde sie von Ginevra, der treuen Hausdame, begleitet. Sie war die einzige, die über die Gefühle von Leonardo und Elisa Bescheid wusste. Die beiden konnten sich aber sicher sein, dass niemals ein Wort davon über Ginevras Lippen kommen würde, denn sie hatte die Liebenden zu sehr in ihr Herz geschlossen.
Endlich hatte er das Haus erreicht. Eine wartende Kutsche konnte er nicht entdecken, also war sie noch nicht da. Gott sei Dank. Schnell beauftragte er noch Marie, seine Vermieterin, die im Souterrain wohnte und ihm gelegentlich im Haushalt behilflich war, etwas den Herd nachzuschüren und den Tee für den Besuch zu richten. Während Elisa und Leonardo die Zeit im Atelier verbrachten, trafen sich gewöhnlich Ginevra und Marie in seinem Wohnraum, um sich über die neuesten Geschichten aus ihrer Stadt zu unterhalten.
Leonardo entledigte sich noch schnell seines Gehrockes und zog, dem Anlass entsprechend, seinen neuen Malerkittel über. Mißtrauisch beäugte er sein Aussehen in dem großen Wandspiegel. Ja, er konnte wirklich
mit sich zufrieden sein. Ein gutaussehender, dunkelhaariger, zweiundzwanzigjähriger Mann blickte ihm entgegen. Seine Wirkung auf Frauen hatte er bereits eindrucksvoll bei seiner Ankunft in Florenz feststellen können. Er war erst sechzehn als ihn sein Vater aus der Provinz in die Stadt zu Meister Verrocchio schickte. Gleich in der ersten Woche weihte ihn das hübsche, rassige Hausmädchen Rosalia in die Geheimnisse der Liebe ein. Aber nun, bereits seit drei Jahren, waren diese wilde Zeiten vorbei, denn er hatte sie getroffen: Elisa. Fortan galt sein ganzes Bestreben, ihr zu gefallen.
Sein Blick schweifte durch den Raum. Ja, er war in Ordnung.
Am Vortag hatte er bereits alles sorgfältig für dieses Treffen vorbereitet. Das Portrait Elisas stand, mit einem weißen Tuch abgedeckt, auf einer Staffelei in der Mitte seines großen, sonnendurchfluteten Ateliers. Aber das war nur eine Nebensache. Vielmehr Aufmerksamkeit hatte er einer zweiten Staffelei in der Ecke vor der übermächtigen Fensterfront gewidmet. Ein Strauß mit prachtvollen tiefroten Rosen stand in einer reichverzierten Bodenvase davor. Die Blumen dufteten so stark, dass sie sogar den üblichen Farbengeruch seiner Arbeitsstätte überwanden. Auf dieser Staffelei befand sich ebenfalls ein abgedecktes Gemälde. Allerdings war der Überwurf aus samtenem Stoff, dessen rot sich eindrucksvoll mit der Farbe der Rosen verband.
Sein Herz klopfte laut und wild. Was würde Elisa dazu sagen? Endlich konnte er ihr seine Überraschung zeigen.
Vor der Tür ertönten Stimmen. Er konnte Elisas zarte, glockenhelle Stimme vernehmen.
Nun war der lang ersehnte Moment gekommen.
Leonardo atmete nochmals tief durch und strich sich mit einer verlegenen Geste durch das Haar. In diesem Moment öffnete sich die Tür und Elisa flog durch den Raum auf ihn zu.
„Leonardo, wie schön wieder bei dir zu sein. Die Wartezeit erschien mir endlos.“
Ungestüm landete sie in seinen Armen und küsste leidenschaftlich seinen Mund.
„Liebster, wie ist es dir in den letzten Tagen ergangen? Eine Woche konnten wir uns jetzt nicht sehen! Fiel dir das Warten auch so schwer?“
Leonardo musste lächeln. So jung, so ungestüm war seine Schöne.
„Elisa, hol doch erst einmal Luft. Ja, mir ist das Warten auch so schwer gefallen. Umso glücklicher bin ich, dich jetzt wieder in meinen Armen zu halten.“
Sie gingen ineinander verschlungen zu der kleinen Chaiselongue und ließen sich darauf nieder. Auch hier hatte er bereits vorgesorgt und einen rubinroten Wein und zwei Gläser bereitgestellt. Die nächsten Minuten vergingen wie im Fluge. Elisa erzählte von den vergangenen Tagen, die sie ohne ihn verbracht hatte. Dazwischen tauschten sie immer wieder Zärtlichkeiten aus. So schön es für ihn war, so sehr drängte es aber auch in seinem Inneren, Elisa die Überraschung zu zeigen.
„Liebes, dein Portrait ist fertig.“
„Ach, Leonardo, warte noch einen Augenblick, denn eigentlich wird es für mich ein sehr
trauriger Moment.“
„Ja, ich weiß, es wird für uns sehr schwer werden, weiterhin Gelegenheiten zu schaffen, um uns zu treffen. Aber wir werden eine Lösung finden.“
Elisas Blick änderte sich. „Du weißt doch, dass es so nicht immer weitergehen kann?“
Leonardo nickte betrübt. Unzählige schlaflose Nächte fielen ihm ein, in denen er verzweifelt versuchte, eine Möglichkeit für eine gemeinsame Zukunft zu finden.
Elisa stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Ihr Vater war geradezu besessen von dem Ehrgeiz, seinen Wohlstand zu mehren und die Familientraditionen zu wahren. Obwohl er seine Tochter abgöttisch liebte, wollte er mit ihrer Vermählung auch sein Ansehen heben. Es kam für ihn nur ein reicher und angesehener Kaufmannssohn in Frage. Was sollte er mit einem Künstler, einem Träumer, einem Erfinder anfangen? Nichts. Leonardo würde nie seine Zustimmung bekommen.
Sicherlich stieg sein Ansehen von Tag zu Tag. Er war auch ein gerngesehener Gast in der feinen Gesellschaft. Inzwischen hatte er sich durch seine Portraits eine schöne Summe erarbeitet und er konnte sich nun dieses Atelier leisten. Aber er würde nie, nie ein Kaufmann sein. Gerade das Rechnen und die lateinische Sprache durfte er als uneheliches Kind nicht ausreichend erlernen. Und seine Talente waren in diesem Beruf auch nicht sehr hilfreich.
Unwirsch schüttelte Leonardo seinen Kopf. Weg mit diesen Gedanken. Heute wollte er sich nur an Elisa erfreuen.
„Komm Liebes, sieh dir das Bild an.“
Entschlossen stand Leonardo auf und zog Elisa zu der Staffelei. Schwungvoll enthüllte er das Gemälde.
„Oh, wie wundervoll. Leonardo, du bist ein Schmeichler oder bin ich wirklich so hübsch anzusehen?“
Elisa stand mit großen Augen vor dem Meisterwerk.
„Obwohl ich alle Mühe und all meine Künste angewandt habe, wird dir dieses Bild nicht gerecht. Du bist viel schöner. Dein zärtliches Wesen, dein großes Herz, deine sanfte Seele konnte ich nicht einfangen. Ich habe es nur tief in mir gespürt.“
Elisa blickte in traurig an. „Ach, Leonardo, warum ist das Leben nur so ungerecht? Du liebst mich wirklich und wir könnten so glücklich werden, wenn...“
„Nicht traurig sein, komm Elisa, jetzt will ich dir die Überraschung zeigen.“
Energisch schob er sie zu der zweiten Staffelei. Elisa war vor lauter Eifer das Arrangement nicht aufgefallen. „Welch wundervolle Blumen! Sind die für mich?“
„Natürlich, aber die Hauptsache ist noch verborgen.“
Er deutete auf die Staffelei.
„Decke es selbst ab, denn es ist mein Geschenk an dich.“
Elisa zog vorsichtig den Stoff von dem Bild. Als sie freie Sicht auf das Gemälde hatte, stockte ihre Hand. Sie erblickte ein Ebenbild ihres ersten Portraits, doch hielt sie auf diesem Gemälde in ihren Händen ein stilisiertes Herz.
Aber weitaus symbolträchtiger war ihr Antlitz. Er hatte auf diesem Bild ihre Haare zurückgenommen, so dass man ihr linkes Ohr frei sehen konnte. Es war aber ein ungeschriebenes Gesetz der Portraitmaler, dass man auf diese Weise nur seine Geliebte darstellen durfte.
„Leonardo, aber...aber…aber du weißt, dass dieses Bild nie jemand außer uns sehen darf?“
„Ja, meine Schöne, im Moment, aber es wird der Tag kommen!“
Elisa drehte sich zu ihm um. In ihren Augen glitzerten die Tränen. Zärtlich nahm sie seine rechte Hand zwischen ihre Hände und führte sie an ihre Lippen.
„Liebster...“ Tränen liefen über ihre Wangen und zittrig erklang ihre Stimme. „Wir müssen miteinander sprechen.“
Sanft wurde sie von Leonardo unterbrochen.
„Meine Geliebte, hier und heute schwöre ich dir, dass es nichts auf der Welt geben wird, dass mich von dir entfernen könnte. Du bist die Liebe meines Lebens und es wird für mich nie mehr eine andere Frau geben.“
„Nein, Leonardo, gib mir nicht diesen Schwur. Ich muss dir etwas sagen.“
Ernst blickte Leonardo in ihre Augen. „Ja, was möchtest du mir mitteilen?“
Es erschien ihm, als würde Elisa unter seinen Armen hinweggleiten.
„Komm, wir setzen uns und dann erzählst du mir von deinen Ängsten und Sorgen.“
Elisa rückte ganz nahe zu ihm und mit tränenerstickter Stimme fing sie an zu sprechen.
„Mein Vater hat einen Bräutigam gefunden. Vor zwei Tagen teilte er mir seine Entscheidung mit. In zwei Monaten werde ich Tomaso Fortanelli ehelichen. Ich wollte den heutigen Tag noch mal genießen und dir nicht diese Nachricht überbringen, aber...jetzt...ich musste es dir sagen.“
Der Boden tat sich vor Leonardo auf. Nun war es passiert. Seine Elisa sollte einen anderen Mann nehmen. Er wusste, dass er jetzt bereits die letzte Möglichkeit vertan hatte, ihren Vater umzustimmen. Wenn der Hochzeitstermin festgelegt war, konnte keine Veränderung mehr erreicht werden. Elisas Schluchzen
brachte ihn in die Wirklichkeit zurück. Es war jetzt an ihm zu handeln und er konnte nur hoffen, dass Elisas Liebe genauso stark war wie die seine.
„Liebes, kannst du dir vorstellen mit mir wegzugehen? Ich kann überall in jeder Stadt, in jedem Land meine Arbeit verrichten. Ich kann nur eines nicht, auf dich verzichten. Ich weiß, ich verlange viel von dir, du sollst deine Familie, dein Ansehen, deine Freunde zurücklassen, um mit mir von vorne zu beginnen. Aber, Elisa, ich brauche dich.“
Leonardo hatte Angst mit dem Reden aufzuhören. Was sollte er tun, wenn sie nein sagte?
Langsam richtete er seinen Blick auf ihr Gesicht. Und er sah wie sie strahlte.
„Oh, ich hatte solche Angst, dass du mich gehen lassen würdest. Leonardo, wohin du mich
auch führst, ich werde dir folgen.“
In all ihrem Unglück empfanden beide gerade jetzt ihr größtes Glück, wussten sie doch, dass nichts und niemand ihre Zweisamkeit zerstören konnte.
Die nächste Stunde verbrachten sie mit dem Schmieden ihres Fluchtplanes. Sie wollten nicht mehr lange warten, bereits in zwei Wochen sollte es soweit sein. Als der Abschied nahte, nahm Leonardo Elisas Kopf zart zwischen seine Hände und flüsterte liebevoll in ihr Ohr: „Habe keine Angst. Meine Liebe wird dich begleiten. Wir werden uns gegenseitig stützen und uns nach diesen Tagen nie mehr trennen.“
Noch einmal küsste er sie leidenschaftlich, dann war es an der Zeit das Elisa ging.
An der Tür drehte sich Elisa nochmals um und sagte: „Es ist ein wunderschönes Bild und ich bin stolz deine Frau zu sein. Gerne nehme ich jetzt deinen Schwur entgegen und verspreche auch dir ewige Treue. In ein paar Tagen wird mein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen und ich werde, wo auch immer das sein mag, an deiner Seite stehen können.“
Nach diesen Worten raffte sie ihren Rock und entschwand durch die Tür.
Leonardo sackte in sich zusammen. Taten sie wirklich das Richtige? Gab es keinen anderen Ausweg? Nein, er wusste genau, dass es der einzig verbliebene Weg war.Er straffte seine Schultern, atmete tief durch und begann sogleich mit den Vorbereitungen für ihre Flucht.
Vor einer Woche hatte er Elisa das letzte Mal gesehen, als er das Portrait bei ihrem Vater ablieferte. Einen kurzen Moment der Zweisamkeit hatte ihnen Genevra ermöglicht. Es war für ihn sehr wichtig, dass er nochmals die Entschlossenheit Elisas spürte. Nun plagten ihn keine Zweifel mehr und er freute sich auf ihre baldige Vereinigung. Heute abend war es soweit.
Die Kutsche mit seinen letzten Sachen stand unten auf der Straße bereit. Es war vereinbart, dass Elisa sich nach dem Abendessen sofort in ihre Räume zurückziehen sollte. Ihre treue Genevra war eingeweiht und wollte ihr ein Zeichen geben, wenn sie gefahrlos durch die Küche aus dem Haus kommen konnte. Leonardo hatte bereits vor ein paar Tagen sein meistes Hab und Gut mit einer Kutsche nach Mailand schaffen lassen. Dort hatte er ein kleines Haus gefunden, in dem er auch genügend Platz für ein Atelier hatte. Elisa sollte nur eine Tasche mit sich nehmen, in der sie die notwendigsten Dinge verstaute. Wenn sich die Lage beruhigt hatte, sollte Genevra nachkommen und den beiden fortan den Haushalt führen.
Leonardo stapfte ungeduldig von einem Bein auf das andere. Noch zehn Minuten. Gleich würde er seine Schöne in den Armen halten. Hatten sie auch an alles gedacht? Sicher. Es würde gut gehen.
Leonardo schaute nervös auf seine Taschenuhr. Sie müsste doch schon da sein.
Konnte sie sich nicht so früh zurückziehen oder ist etwas anderes dazwischen gekommen?
Er wollte noch eine halbe Stunde warten, dann würde er sich auf den Weg zu ihrem Haus machen. Die Minuten verstrichen. Jetzt konnte ihn nichts mehr halten. Er begab sich auf den Weg, den Elisa nehmen sollte. Immer wieder schrak er hoch, wenn ihm ein eiliger Fußgänger entgegen kam, aber es war nie Elisa.
Hatte sie es sich anders überlegt? Nein, nein, das konnte nicht sein.
Inzwischen befand er sich kurz vor dem Haus ihrer Familie. Er musste nur noch um die nächste Ecke, dann würde er bereits in der Ferne das Haus sehen.
Leonardo blieb stehen und lauschte. Er konnte ein Stimmengemurmel vernehmen.
Plötzlich begann er zu laufen und ein beängstigendes Gefühl schnürte seine Brust ein.
Als er um die Ecke bog, konnte er in kurzer Entfernung einen Menschenauflauf erkennen.
Auf der linken Straßenseite lag eine umgekippte Kutsche. Ein dickbäuchiger Mann versuchte zwei Pferde in Schach zu halten. Ansonsten standen Männer und Frauen in verschiedenen Gruppen auf der Straße und redeten laut aufeinander ein. Er näherte sich den ersten Personen und konnte einige Worte verstehen:
„Welch ein Unglück...“
„Was machte sie auch alleine um diese Zeit...“
„Sie ist einfach losgerannt, ohne auf die Kutsche zu achten.“
Leonardo wurde es schlecht. Sollte es, konnte es sein, dass...
Nein, er wollte diesen Gedanken nicht zu Ende bringen.
In diesem Moment entdeckte er Genevra, die zusammengesunken auf den Eingangsstufen eines Hauses saß.
„Genevra, was ist passiert?“ „Oh, ihr seid es.“
Mit ausdruckslosen, leeren Augen sah sie an. Dann durchzog ein tiefer Schauer ihren Körper und sie fing hemmungslos zu weinen an.
„Elisa ist tot. Sie lief einfach vor die Kutsche...Gerade war sie mir noch glückstrahlend um den Hals gefallen und im nächsten Moment...“
Danach konnte er nichts mehr verstehen. Er packte die treue Seele an den Schultern und schüttelte sie vehement.
„Bist du dir sicher? Wo ist sie denn? Kann man ihr wirklich nicht mehr helfen? Ich muss sie sehen. Sag mir, wo sie ist.“
Nur mühsam konnte er die weiteren Worte verstehen, aber er wusste, dass es vorbei war. Man hatte Elisa
bereits zurück in das Haus gebracht und nun war die Familie und der Pfarrer im Gebet versammelt.
Leonardo machte auf dem Absatz kehrt und lief und lief, ohne auf den Weg zu achten.
Tränen der Verzweiflung, Trauer und auch Wut flossen über sein Gesicht. Sie hatte ihn verlassen, für immer. Wie konnte das nur geschehen? Die ganze Nacht stolperte er tränenblind durch die Gassen. In den frühen Morgenstunden befand er sich mit einem Male vor seinem Haus. Er ging in sein Atelier. Sein alter zerschlissener Sessel stand noch allein in diesem Zimmer. Er kauerte sich in dieses Möbel und starrte in den leeren Raum. Übermüdet nickte er ein. Waren es Stunden später als er erwachte? Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Ach Marie, seine Vermieterin, stand mit dem Kutscher im Raum.
„Herr, der Kutscher möchte wissen, ob sie ihn noch benötigen.“ „Nein, lasst mich in Ruhe.“
„Aber was ist mit ihren Sachen?“ „Egal, es ist alles so egal. Verschwindet!“
Marie nahm den Mann am Arm und zog ihn zur Tür hinaus. Kurze Zeit später tauchte sie alleine wieder auf und brachte ihm ein Tablett mit heißem starken Kaffee.
„Ich habe ihre Sachen in den Vorraum stellen lassen. Wenn Sie wieder bei Sinnen sind, dann melden sie sich bitte bei mir, damit ich weiß, ob sie nun ausziehen oder weiter diese Räume mieten möchten.“
Nun war er wieder mit der Leere in seinem Körper allein. Er fühlte nichts mehr. Es war als wäre sein Leben beendet. Langsam setzte er sich in dem Sessel auf und mit einem Mal spürte er den Druck einer Hand auf seiner Schulter. Er drehte den Kopf und erblickte Elisa neben sich. Eine schemenhafte Gestalt, nicht wirklich real. Sie strich ihm sanft über den Kopf und lächelte dabei ganz zart. Jetzt zeigte sie auf die Tür. Sollte er den Raum verlassen? Immer wieder gab sie ihm zu verstehen, dass etwas mit der Tür sei. Also ging er doch darauf zu und öffnete sie. Davor standen seine Habseligkeiten. Ein paar Taschen, seine Kiste mit den Malutensilien, die Staffelei und, gut verpackt, ihr Portrait. Auf dieses deutete sie nun. Langsam nahm er das Bild aus der Schutzhülle. Wieder nickte sie aufmunternd. Da verstand er. Er schaffte alles in das Atelier und stellte die Staffelei auf. Danach mischte er auf der Palette verschiedene Brauntöne und begann das Bild zu verändern. Als erstes bedeckte er die linke Seite ihres Antlitzes. Er malte mit sanften Pinselstrichen ihr schönes, braunes Haar. Elisa stand neben ihm und nickte immer wieder anerkennend mit dem Kopf.
Dann fing er an ihre Hände und sein Herz hinter einer halbhohen Mauer zu verbergen.
Die ganze Zeit liefen Ströme von Tränen seine Wangen hinab und doch fühlte er sich seltsam ruhig und sicher. Er konnte auch immer wieder den sanften Druck ihrer Hand auf seiner Schulter spüren. Er war sich nun bewusst, er wird sie eines Tages wieder sehen. In einer anderen Form, aber sicherlich endlich frei und bereit für ihre Liebe. Als er die Veränderungen vollbracht hatte, wandte er sich Elisa zu.
Leise sprach er zu ihr: „Auch wenn ich nun alles Sichtbare gelöscht habe, verbleibt mein Schwur an dich. Nie werde ich eine andere Frau begehren, sondern nur noch den Tag herbeisehnen, an dem ich dich wieder in den Armen halten kann. Unsichtbar für die Außenwelt, aber tief empfunden von mir, werde ich unsere Liebe
bewahren. Meine Aufgaben werde ich in der Wissenschaft und in der Kunst finden. Aber mein Herz ist mit dir hinter der Mauer, die nicht unüberwindbar ist, verborgen.“
Ein letztes Mal sah er sie nun lächeln und genauso lautlos, wie sie gekommen war, verschwand die Gestalt Elisas.
Leonardo hielt sich sein ganzes weiteres Leben an seinen Schwur. Er hinterließ uns dabei ein bemerkenswertes Erbe.
Anmerkung:
Leonardo da Vinci möge mir verzeihen, dass ich ihm diese Geschichte an den Hals gedichtet habe.
Auf die Idee bin ich durch das Bild „La Belle Ferronniere“ gekommen. Neben der Tatsache,
dass es nicht sicher belegt ist, wer das Model ist, gibt es auch die unglaubliche, wahre Geschichte, dass die Haare nachträglich so gemalt sein sollen. Ihr wisst ja nun warum! Nein, nein, diese Erklärung ist natürlich nur meiner Phantasie entsprungen. Außerdem wird bei diesem Portrait behauptet, dass Leonardo die Schöne hinter eine Mauer setzte, um nicht ihre Hände malen zu müssen. Angeblich hatte er damit seine Schwierigkeiten. Da sind doch meine Ausführungen um ein Vielfaches schöner! Oder?
Gerade die Bilder Leonardos faszinieren die Menschen immer wieder. Er hat sehr bewusst
immer wieder versteckte Symbole in seinen Bildern untergebracht. Es gibt z.B. die abenteuer-
lichsten Spekulationen zu seiner „Mona Lisa“. Auch ein gewisser Dan Brown verdient im Moment Millionen mit seinen Büchern, in denen er gerne zu vermeintlichen Symbolen in Leonardos Gemälden greift. Jetzt sind es aber keine Templer oder Freimaurer, die uns ein Geheimnis aufgeben, sondern die beiden Liebenden.
Zu Leonardos Leben gibt es auch die kühnsten Geschichten. Er soll den Männern sehr zugetan gewesen sein. Ihr wisst es ja nun, dass ihn dazu sein Schwur gegenüber Elisa verleitet hat. Natürlich nicht, ist ja reine Fiktion. Aber ich muss ehrlich gestehen, dass es mir lieber wäre, wenn ein Fünkchen Wahrheit daran wäre. Meiner Bewunderung, diesem Genie gegenüber, nimmt es aber trotzdem nichts.
Er wird auch sehr oft als etwas kauziger Zeitgenosse, mit teils sehr skurrilen Ideen und einem eher deftigen Humor, geschildert. Kennt ihr seine anatomischen Zeichnungen?
Dafür hat er jahrelang Leichen seziert und das ist um 1500 natürlich den Leuten nicht ganz geheuer gewesen. Wäre es ja heute auch noch nicht! Man denke nur an die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunter von Hagens.
Leonardo ist in meiner Geschichte 22 Jahre alt, das wäre also 1474 gewesen. Leider legten die Kunsthistoriker für dieses Bild eine Zeitspanne zwischen 1490-1499 fest. Also auch nichts mit jugendlicher Liebhaber.
Und lasst euch ja nicht vorgaukeln, dass Leonardo so hässlich war, wie auf dem bekannten Portrait, das ihn in hohem Alter zeigen soll. Aristoteles und Platon sollen genauso ausgesehen haben. Vielleicht hat man vor Jahrhunderten generell gesagt, alte Männer können nur so aussehen.
Nun fallen mir keine weiteren Anmerkungen ein. Diese mussten aber noch sein, damit ihr euch kein falsches Bild von ihm macht, das ihm dann in keiner Weise gerecht wird.
Ihr möchtet das Gemälde der Schönen sehen? Googelt unter „La Belle Ferronniere“. Bei mir
zeigt bereits das erste Ergebnis eine sehr gute Abbildung. Das Original könnt ihr übrigens im Louvre in Paris bewundern.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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