Andreas Schulz

Ich glaub' mein Hamster bohnert

Eine Leidensgeschichte:
Ich glaub mein Hamster bohnert

Leider wurde ich neulich mit der harten Realität dieses doch sehr müden Kalauers konfrontiert. Ich rockte headbangend mit der Bohnermaschine durch den Hausflur und hatte, bevor mich der Putzfimmel überkam, wohl vergessen, dass mein Hamster Johnny noch nicht wieder in seinem Käfig war. Wie wir ja wissen sind Hamster nachtaktive Tiere und tagsüber entsprechend schläfrig.

So hatte wohl Johnny den hellichten Tag nur für einen müden Spaziergang zur Futterkrippe genutzt, die ich am anderen Ende der Wohnung aufgestellt hatte. Das sollte mal eine Erziehungsmassnahmen werden, damit Johnny nicht immer nur fett und faul in seinem Käfig herumlungert, sondern auch etwas Bewegung bekommt, aber eigentlich war er ein süßer, kleiner Fratz. Irgendwo zwischen Wohnzimmer und Flur müssen sich dann unsere Wege gekreuzt haben.

Ich schaute schockiert zu Boden und sah wie die noch wild rotierende Bohnermaschine eine nicht geringe Menge Blut in die Maserung meines schönenen Bambusparketts massierte. Schnell stellte ich den Discman aus und stand wie angewurzelt da. “Smells like teen spirit” musste warten. Beim Anblick der großen Blutlache hatte ich das Gefühl, dass sich Kurt Cobain in meinem Flur weggeblasen hatte. Das was gerade geschehen war, rockte absolut nicht und ich stand stocksteif da. Kurz vorher hatte ich noch gedacht, dass meine CD einen Kratzer hatte, weil ich so ein sonores Quieken im Hintergrund gehört hatte. Mir wurde schlecht bei der aufkeimenden Gewissheit, dass es Johnnys Todeskampf war. Ich war ein Schwein, ein Schlächter, ein Kleintiermetzger.

Ich versuchte zu rekonstruieren wie das geschehen konnte. Wahrscheinlich hatte Johnny noch ausweichen wollen, aber ich muss ihn unfreiwillig mit der Bohnerbürste ausgeknockt haben. Irgendwie hat es dann wohl seinen bewusstlosen, kleinen Körper in den Sog der Bohnermaschine gezogen, die ihn dann zerlegt hat. Ich weiss nicht wielange sein Todeskampf gedauert hat, aber es muss mindestens 5:41 Minuten gedauert haben, da über die ganze Länge des vorigen Lieds immer wieder diese Tonstörungen auftraten. Nun ja, eine Bohnermaschine ist kein Häcksler und ich glaube daher, dass es Johnny erst nur ein wenig herumgeschleudert hat wie in einem Hamsterkarussell. Ja vielleicht hatte er sogar Spaß daran? Vermutlich hatte er aber nicht der Rotation standhalten können und muss so in das Innenleben der Rotorbürste geraten sein. Bei Karussell muss ich immer an die Diebels-Werbung denken, ihr wisst schon “Ein schöner Tag” usw.. Etwas zu trinken brauchte ich jetzt aber auch erstmal und machte mir schnell ein Bier auf.

Deprimiert sass ich auf dem Boden vor Johnnys sterblichen Überresten und prostete ihm, bzw. das was von ihm übrig war, noch zu. Um noch einmal zu rekapitulieren - er war also dann nach ein paar Runden Karussell irgendwie in das Innenleben der Maschine geraten, die seinen wohlgenährten Körper wie einen Apfel entsaftet hat. Lustigerweise war Johnnys kleiner Stummelschwanz unversehrt geblieben und wie der Stengel vom Apfel wieder ausgespuckt worden. Hier und da lagen auch noch ein paar Fellfetzen und auch etwas, was wie ein Auge aussah, konnte ich entdecken. Ich fragte mich in dem Moment, ob ich vielleicht versuchen sollte, Johnny wieder zu rekonstruieren. In meiner Anrichte hatte ich sicher noch einige Tuben Kleber, da ich immer mal wieder mit großem Enthusiasmus Modellautos selber zusammenklebte. Irgendwie war ich Johnny das schuldig, andererseits soll man die Toten ruhen lassen. Mein Gewissenskonflikt war ganz enorm. Hätte Johnny nicht auch ein bisschen besser aufpassen können?

Ich suchte mit einer Pinzette nun schnell das auf, was noch an festen Teilen von Johnny übrig war und legte es erstmal in seinen Käfig, damit das Einstreu noch das Blut davon aufsaugen konnte. Möglicherweise hätten mir sonst die triefenden Fellfetzen noch mehr die Bude versaut. Johnny war schuld, dass ich jetzt auf Knien am Boden robbte und versuchte mit allem möglichen Scheisszeugs, das Blut vorm Parkett zu bekommen. Jede noch so brutale Chemikalie war aber nicht dafür gewappnet, eingebohnertes Nagetierblut und verschmierte Kleintiergedärme zu beseitigen. “Danke Johnny, vielen Dank” fluchte ich vor mich hin. Wegen ihm konnte ich jetzt wohl auch noch das Parkett im Flur neu legen lassen. Für das Geld hätte ich mir zig neue Hamster kaufen können, die vielleicht ein wenig intelligenter als Johnny gewesen wären.

Nach ein paar Tagen hatte ich Johnnys Überreste zu einer bizarren Figur, die ihm so gar nicht ähnelte, zusammengefrickelt und wie eine Trophäe auf eine der versauten Parkettbohlen getackert. Dieses doch sehr skurrile Gebilde hängt nun über meiner Wohnzimmercouch neben den Wellensittichteilen auf dem Ventilatorflügel und dem Rattenschwänzchen, der aus einem Staubsaugerbeutel herauslugt. Ich weiss inzwischen gar nicht mehr wie oft wir uns totgelacht haben, wenn mal Besuch von mir nach den Begebenheiten gefragt hat, wie diese armen Tiere verreckt sind. Jedenfalls plane ich bald die Anschaffung einer hübschen, handlichen Schildkröte.
 
(c) Andreas Schulz
 
Anmerkung des Autors:
Viele meiner Satiren finden sich auch von mir veröffentlicht auf www.hassforum.de, www.inbegriff.de oder www.zyn.de
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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