Patricia Becker

Kein Platz

Ich vernehme die Schritte noch ehe die Haustür geöffnet wird, so wie ich und meinesgleichen stets viel leisere und weiter entfernte Geräusche hören können als ihr. Doch ist es nicht so, als hätte ich nicht erwartet, was nun kommen wird – im Gegenteil sagte mir mein Zeitgefühl, meine innere Uhr wie ihr es nennen würdet,  bereits vor einer ganzen Weile, dass es wieder Zeit wurde. Seitdem stehe ich hier am Tor, beobachte die Haustür und lausche, warte geduldig ab.
Als ich aber höre, dass sich auf der anderen Seite der Mauer endlich, endlich etwas tut, kann ich schließlich nicht mehr an mir halten. Fragt mich nicht, warum, ich weiß es ja selbst nicht, aber es ist und bleibt eine Tatsache, dass gewisse Anzeichen auf gewohnte Ereignisse, wie eben diese Geräusche nun, etwas in mir auslösen, gegen das keine Geduld der Welt ankommen kann – jedenfalls wenn man mir diese Ereignisse ein Weilchen vorenthält. Aber zurück zum Thema, ich schweife ab.
Meine überschüssige Energie treibt mich wie immer an. Ich laufe quer durch mein Gehege, springe das ein oder andere Mal gegen das Tor, dass das Holz nur so zittert. Ein gewöhnlicher Tag, alles läuft so, oder doch so ähnlich, tagtäglich ab. Als dann die Tür geöffnet wird und Frauchen hinaus tritt, halte ich kurz inne, um die Situation abzuschätzen, mich abzusichern, dass meine Erwartungen nicht enttäuscht werden. Das wurden sie nicht. Ihr müsst wissen, ich erkenne die Absicht meines Frauchens immer, sobald ich sie nur sehe, an ihrer Kleidung, den Schuhen, bestens auf die Situation abgestimmt. Doch ist das nicht allein mit ihr so. Ihr wisst es vielleicht nicht, aber ihr seid berechenbar, für uns jedenfalls. Das deutlichste Zeichen aber ist immer noch die alte, dunkle Leine, meine erste Leine, ich kenne sie schon seit Jahren. Und jedes Mal wird sie nur dazu benutzt, um mir eine Freude zu machen. Ich weiß, ihr denkt nun: Aber seine Freiheit ist einem Hund doch viel lieber als die Leine! Damit kommen wir auch schon zum Problem. Ich hätte gern meine Freiheit, ja, vor allem aber will ich raus in die Natur und mit meinem menschlichen Rudel etwas unternehmen. Aber ohne Leine geht das eben nicht. Glaubt es ruhig, es gibt nur wenige Plätze, an denen ich frei herum laufen darf ohne gleich wieder weggeschickt zu werden. Und selbst dort werde ich von manchen von euch seltsam angesehen; von furchtsam bis verächtlich ist alles darunter. Da muss mein Frauchen mich an die Leine nehmen. Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich die Leine sehe.
Ich stürme durch das Tor, kaum dass es weit genug geöffnet ist, laufe um Ecken, durch das nächste, zumeist offene Tor hindurch und hinaus auf die Wiese. Sie ist nicht groß, aber doch gut genug für mich um mich auszutoben, bevor wir unseren Spaziergang unternehmen. So tue ich es auch diesmal, springe ausgelassen in dem grünen, frischen Gras umher, wälze mich darin – es ist angenehm kühl. Und die zahlreichen Düfte erst, die nun im Frühjahr in meine Nase strömen! Es sind schon die kleinen, alltäglichen Dinge, die mich glücklich machen.
Eine Weile dauert es, eine Weile, während der ich viel Neues erfahre, viele neue Gerüche, sie sagen mir so viel wie euch eure Worte. Schließlich ruft mich mein Frauchen bei meinem Namen und ich zögere nicht, reiße mich von meiner augenblicklichen Beschäftigung – ich war gerade dabei, die Fährte einer Katze zu erkunden – los und eile mich , dem Ruf zu folgen. Nach einer wohlverdienten Streicheleinheit befestigt Frauchen die Leine an meinem Halsband. Es kann los gehen.
Gemächlich laufe ich neben Frauchen her, immer sorgsam darauf bedacht, die Leine nicht allzu stramm werden zu lassen. Denn auf dem ersten Teil unseres täglichen Weges hält Frauchen meine Leine stets kurz. Nicht im Geringsten gefällt mir das, aber ich weiß, dass es sein muss, und so bleibt mir auch nichts anderes übrig als mich meinem Schicksal zu fügen. Der Grund dafür liegt schlicht und einfach darin, dass wir uns immer recht lange im Dorf bewegen müssen, ehe wir zu dessen Ausgang kommen. Angenehm ist es hier nicht gerade. Viel lieber als den festen Stein spüre ich doch das feuchte Gras unter meinen Pfoten. Am schlimmsten ist es im Winter, wenn ihr überall euer Salz verstreut. Seid ihr schon mal barfuß darüber gelaufen? Vielleicht solltet ihr es einmal versuchen. Es könnte helfen, uns zu verstehen. Ein Fahrzeug nach dem anderen rauscht an mir vorbei. Ich würde mich nicht beschweren, wenn sie nur
nicht diesen ungesunden Gestank abgeben würden! Nicht selten begegnen wir Menschen und oft sind diese Begegnungen alles andere als erfreulich. Möglicherweise glauben sie, ich merke es nicht, oder sie denken gar nichts, aber einige von ihnen machen kein Geheimnis aus ihrer Abneigung. Glaubt ihr wirklich, es falle mir nicht auf, wenn ihr in großem Bogen um mich herum geht? Denkt ihr, ich spürte eure Angst nicht, eure Abneigung, die ihr sogar mit euren Blicken zeigt? Besonders schlimm finde ich es auch, wenn ihr Frauchen meinetwegen unfreundlich ansprecht, obwohl wir doch überhaupt nichts falsch machen! Ich bin angeleint und gehe folgsam neben meinem Frauchen her, höre auf alles, was sie sagt und lasse auf euren Gehwegen nichts liegen, das euch stören könnte. Also was bitte habe ich euch getan? Liegt es an meiner Größe? Bin ich gefährlich, nur weil ich größer bin als die meisten anderen Artgenossen, die in meinem Heimatort leben? Eines kann ich euch auf alle Fälle sagen: Es ist kein schönes Gefühl, wenn Menschen einem begegnen und dabei so tun als gehöre man nicht dorthin, wo man nun einmal ist.
Daher freue ich mich immer besonders darauf, das kleine, aber schöne Stück Natur zu erreichen, welches neben dem Dorf liegt. Ich mag diesen Ort, so ruhig und idyllisch. Es mag euch wundern, dass ich gerade jenen Weg so reizvoll finde, den ich immerhin jeden Tag entlang gehe. Vielleicht ist es für euch tagtäglich der gleiche Weg, nicht aber für mich. Jedes einzelne Mal finde ich den Weg verändert vor, allein schon das Zwitschern der Vögel ist an jedem Tag anders, einmalig, die Geräusche des Gewässers nebenan, der Enten und Kröten, die darin leben. Viel wichtiger aber sind die Gerüche, die sich meiner empfindlichen Nase bieten. Täglich, ja stündlich zeigen sie ein anderes Bild. Verschiedenste Arten von Blumen blühen dort, ständig in unterschiedlicher Anzahl, den Gräsern haftet jedes Mal ein anderer Geruch an, abhängig davon, welches Tier sie gerade gestreift hat, die Erde ist bedeckt mit einem ganzen Netz von Spuren, die andere Lebewesen hinterlassen haben, Menschen, Hunde Katzen, Mäuse Enten, Kröten, hin und wieder auch Wiesel und Marder und ich könnte noch viel, viel mehr aufzählen. Nicht zu vergessen, selbst am Wegesrand gibt es immer die eine oder andere Stelle, die sich meiner Erforschung bisher entzogen hatte. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Und selbst wenn dem nicht so wäre, allein die friedvolle Atmosphäre ist es wert, diesen Weg zu gehen. Nur selten begegnen wir dort anderen Menschen, aber trotzdem hinterlasst ihr selbst in der Natur eure Spuren, die den schönsten Ort schlussendlich doch kein Paradies sein lasse. Zu oft sehe ich zerbrochenes Glas am Wegrand liegen, das noch zusätzlich unangenehm riecht. Ich glaube, ihr nennt diesen Geruch Alkohol. Dann die zahlreichen Tüten und Schachteln, die bestimmt aus keinem natürlichen Stoff hergestellt sind. Und jedes Mal frage ich mich aufs Neue, ob das denn sein muss, ob so etwas wirklich nötig ist und ob ihr, die ihr doch die Welt zu beherrschen glaubt, tatsächlich nicht wisst, was ihr damit anrichtet!
Heute haben wir Glück, lange Zeit begegnet uns im Dorf niemand und Frauchen kann die Leine ein wenig länger lassen. Dann, nicht weit entfernt vom Ausgang des Dorfes, kommen sie uns entgegen, ein Mensch, groß, breit und alt, wie es scheint – irgendwie empfinde ich seine Ausstrahlung als bedrohlich – und ein Hund, verhältnismäßig klein, von der Art, die ihr "Bullterrier" nennt. Als sie sich uns nähern, wechseln sie die Straßenseite, unsanft zerrt der Mensch an der Leine. Mein Artgenosse trottet mit hängendem Kopf an seiner Seite. Ich erschrecke, als ich den Korb sehe, welchen man um seine Schnauze gebunden hat. Wie in aller Welt will er sie je noch einmal öffnen? Er ist alt und traurig, das sehe ich ihm an. Und ich vernehme sein leises Weinen durch den Korb hindurch. Es löst eine Welle von Mitgefühl in mir aus. Wie gern würde ich nun einfach zu ihm laufen, ihn kennen lernen, ihm helfen, wenn ich denn kann. Entschlossen steuere ich in seine Richtung, aber die Leine ist schnell stramm, hält mich zurück. Frauchen befiehlt mir zu bleiben. Aus irgendeinem Grund soll es wohl nicht sein, dass wir uns kennen lernen. Einmal hebt der andere seinen Kopf. Unsere Blicke treffen sich, ich sehe direkt in seine unendlich traurigen, blutunterlaufenen Augen. Noch einmal versuche ich, ihm näher zu kommen, doch hält mich nicht allein die Leine zurück.
"Bleib weg!", grollt mein Artgenosse. "Lass mich allein!" Es ist keine wirkliche Verärgerung,
nur Verzweiflung. Aber das versteht außer mir wohl niemand, denn der fremde Mensch versetzt dem armen Hund einen Tritt und Frauchen nimmt die Leine kürzer und lässt uns den Abstand zu den beiden vergrößern. Das arme Tier tut mir Leid, wusste ich doch von Anfang an sicher, dass er niemandem etwas antun würde, dass er doch nur verstanden werden wollte. Ich verstehe einfach nicht, wie man einem Lebewesen so etwas antun kann!
Dieser Gedanke beschäftigt mich während der letzten wenigen Schritte, bis wir das Dorf endlich verlassen haben. Gedankenverloren steuere ich auf den Weg durch das Gras und die Bäume zu, der sich von der Straße abzweigt, als mein Frauchen plötzlich stehen bleibt. Völlig irritiert halte auch ich an, blicke fragend zu ihr auf. Denn worauf wartet sie? Ich folge ihrem Blick und sehe eine von euren Erfindungen, die ihr Schild nennt, soweit ich das mitbekommen habe. Darauf ist, deutlich zu erkennen, der Kopf eines Artgenossen und um ihn herum ein knallend roter Kreis. Wie wenig dieses Gebilde doch in die Natur passt! In all dem kräftigen, aber doch unauffälligen Grün und Braun stört dieses künstliche Rot regelrecht! Ist es das wert, seine Zeit daran zu verschwenden? Ich tue einen Schritt nach vorn. Zu meinem Erstaunen aber lässt Frauchen die Leine nicht locker, fordert mich sogar auf, stehen zu bleiben. Ich verstehe nichts mehr! Was ist nur los? Erneut blicke ich zu ihr auf. Sie schüttelt den Kopf.
"Wir dürfen hier nicht mehr durch", sagt sie und deutet auf das Schild. "Hunde sind hier verboten."
Könnt ihr euch vorstellen, wie schockiernd diese Nachricht für mich ist? Wurde euch schon verboten, euren Lieblingsweg, auf dem ihr euch immer wohl fühltet, entlang zu gehen? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wo der Sinn dabei ist, und meine Enttäuschung ist groß. Ja, auch wir besitzen solche Gefühle. Seid ihr und der Müll, den liegen lasst, auch unerwünscht? Was haben wir Hunde euch getan? Es ist einer der wenigen Orte gewesen, an dem wir offenbar willkommen gewesen waren, wohlgemerkt waren. Verboten; was sollen wir jetzt tun, mein Frauchen und ich? Wohin sollen wir nun gehen? Ich vertraue auf mein Frauchen. Ich weiß, sie wird eine Lösung finden, einen neuen Weg, wo auch immer. Ich sage mir, dass die Welt davon nicht unter geht, dass ich irgendwo noch immer willkommen bin, wo ich mich frei bewegen kann. Man muss diesen Ort nur finden.
Dennoch geht mir die eine Frage nicht aus dem Kopf und ich muss sie euch stellen:
Warum nur ist in "eurer" Welt kein Platz mehr für uns? Warum nur ist in "eurer" Welt kein Platz mehr für uns?
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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