Birgit Seitz

Durchschnitt

„Zeige mir den Inhalt deiner Handtasche und ich sage dir, wer du bist!“
 Greta klappte die Illustrierte zu und sah sich im Warteraum genervt nach einem Spiegel, Focus oder Stern um. Dass die Schöner-Wohnen-Zeitschriften alle schon in Benutzung waren, hatte sie gleich beim Hereinkommen mit einem Warteraum-geübten Scannerblick erfasst.

Vielleicht sollte sie den Arzt wechseln? Diese Frage hatte sie sich nun schon öfter gestellt, sich dann aber entschieden, wegen der Zeitungs-Frage keinen inneren Aufstand zu machen. So oft saß sie hier ja nun auch wieder nicht – diesmal ja auch nur deshalb, um mit Herrn Doktor die Ergebnisse der Blutuntersuchung zu besprechen, die sie wegen ihrer Schilddrüse regelmäßig machen sollte. Sie fixierte die ältere, gut angezogenen Dame gegenüber, die eine Geo in der Hand hielt und diese sorgfältig studierte. Soeben hatte die Frau mit einem kurzen Blick auf die Uhr und einem unruhigen Beinwippen signalisiert, dass sie des Wartens überdrüssig wurde. Kein Wunder. Greta zählte sieben Personen, die bereits schon auf den Stühlen saßen, bevor sie nach dem Anmeldeprocedere den Raum betreten hatte. Eigentlich machte ihr das Warten ja nichts aus – so kam sie endlich mal wieder dazu, Zeitungen lesen zu können. Dass sie nun aber ausgerechnet dazu verdonnert war, eine dieser vermaledeiten, übriggebliebenen Frauenzeitschriften nehmen zu müssen, das nervte sie.

Die Arzthelferin kam herein, rief einen Herrn Sonstewas auf und Greta erhaschte einen bösen Blick der Geo Leserin. Hatte sie ein Schnauben aus der Richtung vernommen? Irgendwie amüsierte sie das ja. Ob die Dame einen Termin hatte? Sie jedenfalls hatte einen und ertappte sich selbst bei einem gehässigen Gedanken – Akutfälle betreffend. „Ja“, dachte sie, „hoffentlich nimmt der Doc die Schnalle da bald dran. Dann stürze ich mich auf die Geo.“

Greta schlug ihre Beine übereinander und schaute sich erneut im Raum um. So richtig krank sah eigentlich nur die junge Frau aus, die mit roten Ringen unter den verheulten Augen und offensichtlich verschnupfter Nase grade versuchte, ein sauberes Taschentuch aus ihrer Handtasche zu kramen. „Zeige mir den Inhalt deiner Handtasche ...“ fiel ihr ein.
 Einen Moment später fügte sie sich in das Unumgängliche, weil eh sicherlich niemand seine Lektüre hergeben würde und suchte im Inhaltsverzeichnis die Seitenzahl des angeblichen Psychotests. Einen weiteren Augenblick später verwünschte sie sich dafür, weil die Fragestellung des so genannten Tests wahrscheinlich im Ergebnis beweisen würde, welch mittelmäßig ausgeglichener Typ sie doch war. Weder großartig modern noch zu konservativ, wenig aufgeschlossen, aber auch nicht verkrampft, gefühlsmäßig gefestigt, besonnen, nicht zu allzu unkonventionellen Handlungen neigend, berechenbar ...
 „Welch hirnrissiger Schmarrn!“, dachte sie, „Ist doch eh immer das gleiche, womit uns die Hobbypsychologen da zuballern!“
 Dennoch konnte sie nicht umhin, schnell mal fadenscheinig einen Blick in ihre Tasche zu werfen. Taschentücher. Portemonnaie. Scheckkartenheftchen. Kalender. Autoschlüssel. Lippenstift und Puderbox. Schminkpinsel – so einen von der transportablen Sorte, extra für Handtaschen hergestellt. Ihre Wimperntusche hatte sie zwei Tage vorher entsorgt, da musste sie noch für Ersatz sorgen. Ach ja, das Heftchen mit den Payback-Gutscheinen, nicht zu vergessen. Ihr Handy hatte sie wieder mal zu Hause vergessen, dafür bahnte sich aber das Kabel des zugehörigen Ladegeräts einen Weg durch die Tiefen der Tasche.
Die verschnupfte Dame wurde aufgerufen, die Geo-lesende Dame grunzte erneut.
Greta nahm die Fragen des Tests nicht richtig wahr. „Allergie.“, tippte sie in Gedanken, der verschnupften jungen Dame hinterherschauend. „Die Grippe-Welle ist ja schließlich schon vorbei.“ Dieses Jahr war der Kelch des Pollenflugs ja noch an ihr vorbei gegangen. „Kann aber nicht mehr lange dauern“, dachte sie, „dann sitz ich wieder hier. Na ja, lohnt sich wenigstens im Frühjahr die Ausgabe der Praxisgebühr. Hoffentlich geht’s mir dann nur nicht wie dem Mädel, die schaut ja furchterregend aus. Eigentlich wäre die sonst ja wirklich hübsch.“
 
 Greta wendete sich wieder der Dame gegenüber zu, die sich nach ihrem unzufriedenen Grunzen erhoben hatte, um die Geo beiseite zu legen und nun gottergeben, in Ermangelung einer anderen Lektüre, die Hände im Schoß faltete. „Was hat eigentlich die Allergische gelesen?“, dachte Greta und lenkte ihren Blick zum freigewordenen Platz. „Hmm“, dachte sie, „wohl nix. Die Bibel, die da neben dem Platz liegt, wird die ja wohl nicht interessiert haben?“ Die Geo hatte derweil bereits wieder einen neuen Leser gefunden, im Austausch lag nun eine abgegriffene Gartenzeitung auf dem Tisch des Wartezimmers, die Greta nun nur noch mit einem resigniertem Blick darauf dort liegen ließ. Die hatte sie schließlich vor einer Woche bereits angeschaut – und da hatte das Blatt auch schon so einen zerfledderten Eindruck gemacht.
Sie atmete tief durch, legte die gehasste Frauenzeitschrift auf die Gartenzeitung und fixierte ein braunes Blatt des Benjaminbaumes, der ähnlich zerfleddert wie die Gartenzeitung aussah und eigentlich dem kargen Raum etwas Wohnliches hätte geben sollen. Gelangweilt hing sie ihren Gedanken nach, wippte mit den Füßen und sah aus dem Fenster. Mittlerweile waren drei Personen aus dem Warteraum aufgerufen worden, die Dame von Gegenüber hatte ihrem Ärger beim Personal Luft gemacht, der Wust von Jacken und Mänteln in der Garderobe lichtete sich zusehends.
Greta hatte indes gleichgültig den Focus durchgeblättert, nicht wirklich interessiert an politischen Themen, weil die mürbende Zeit mittlerweile dafür gesorgt hatte, dass ihr die Betrachtung der Zimmerpflanzen wichtiger erschien. Vor ihrem geistigen Auge goss sie ihre Balkonblumen und topfte ihre eigenen Pflanzen zu Hause um. Was interessierte sie da Politik? Vorne aus der Anmeldung vernahm sie aufgeregte Stimmen. Ein Notfall? Sollte das hier noch länger dauern? Sie wurde sarkastisch. „Vielleicht sollte ich versuchen, die Bibel auswendig zu lernen! Zeit genug habe ich hier ja!“
 Sie ärgerte sich, ihr Handy wieder mal vergessen zu haben. Dies wäre die Gelegenheit gewesen, mal wieder ungebrauchte Telefonnummern aus ihrem Leben zu streichen, SMS zu beantworten oder ihren eigenen Bounce-Rekord zu toppen.
Greta entschloss sich, den Benjamin von seinen verdorrten Blättern zu befreien, schmiss diese in den Papierkorb und ging danach zur Toilette. Als sie ins Wartezimmer zurückkehrte, wartete die Arzthelferin schon auf sie und geleitete sie ins Behandlungszimmer. Aus den Augenwinkeln nahm Greta noch kurz wahr, wie der Doktor, ein wenig aufgeregt wirkend, mit einem Polizisten redete.
„Notfall, aha.“ Sagte sie zu sich selbst und hörte sich zwei Minuten später an, was ihre Laboruntersuchung ergeben hatte.

Zwei Tage später entnahm Greta der regionalen Tageszeitung, dass eine junge Frau, die in den Praxen dreier in der Stadt ansässigen Ärzte Musterpackungen von Psychopharmaka gestohlen habe, mit diesen Medikamenten in Verbindung mit Alkohol, Selbstmord begangen hatte. Die Frau habe, so sagten alle drei Ärzte aus, weder verwirrt noch erschüttert gewirkt, in die Praxis sei sie wegen allergischer Beschwerden gekommen. Der Diebstahl aus den in den Behandlungszimmern stehenden Schränken müsse passiert sein, als die Ärzte der Dame ein Taschentuch holen wollten, weil diese in ihrer Handtasche keine mehr gehabt habe und sei ihnen erst später aufgefallen. Die ermittelnden Beamten hingegen sagten aus, dass in der aufgefundenen Handtasche der Toten sogar mehrere Packungen von Papiertaschentüchern gefunden wurden. Außer diesen sei darin das Portemonnaie, Scheckkartenheftchen, Kalender, Autoschlüssel, Lippenstift, Puderbox sowie ein Schminkpinsel gewesen. Trotz des geplant aussehenden Vorgehens gehen die Ermittler von einer Kurzschlusshandlung aus, da die Frau in ihrer Nachbarschaft als besonnene, ausgeglichene Frau bekannt war.

Greta nahm sich vor, ihre Utensilien fortan nur noch in der Jackentasche zu transportieren und entsorgte ihre Handtasche umgehend. Wartezeiten in Arztpraxen überbrückte sie künftig mit Spielen vom Handy oder selbst mitgebrachten Büchern. Die erwartete Frühjahrsallergie blieb in diesem Jahr überraschenderweise vollkommen aus.

 

 

© April 2005 Birgit Seitz

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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