Hans Pürstner

Das Amselnest

Einer der größten Vorzüge meiner neuen Wohnung ist mein „Garten“. Wobei diese Bezeichnung doch etwas vermessen klingt für das kleine Stückchen Erde, nämlich drei Blumenbeete, von denen meine Terrasse eingefriedet wird. Doch davor befindet sich eine große Wiese, die zum Haus gehört und damit allen Mitbewohnern offen steht. Mit diesem Ausblick auf die Wiese bekommt mein Terrassengärtchen eine ganz andere Dimension. Denn hinter der Wiese befindet sich noch ein kleiner öffentlicher Park und das macht den Eindruck eines beinahe riesigen Gartenareals komplett. Wenn man bedenkt, daß unser Haus mitten in der Großstadt Hamburg liegt, genauer gesagt im Stadtteil Altona, ist dieses Fleckchen Natur schon fast ein Biotop. Wild lebende Kaninchen mampfen Gras, im friedlichen Nebeneinander mit allerlei Vögeln, die nach Würmern und Insekten suchen. Hin und wieder läßt sich auch ein Eichhörnchen blicken, im Winter kommt es manchmal sogar bis an meine Terrassentür. Man könnte meinen, es schaut mich vorwurfsvoll an, wenn es keine Reste von Futter im Vogelhäuschen mehr erspäht, das ich in strengen Wintern regelmäßig auslege.

In einer Ecke habe ich eine flache Schale voll mit Wasser stehen als Vogeltränke. Manch einer der Vögel zweckentfremdet sie auch als Badewanne. Es ist richtig putzig zu sehen, wie sie sich bei großer Hitze dankbar ins kühle Nass stürzen, wild herum flattern und zwischendurch doch mal wieder einen kleinen Schluck Wasser nehmen. Derweilen sitzen die kleineren Vögel auf den umliegenden Sträuchern in „Warteposition“ und können es kaum erwarten, bis die begehrte Wasserstelle endlich für sie frei wird.

Da sitze ich nun bei schönem Wetter in meinem Liegestuhl und schaue dem munteren Treiben zu. Die Amseln halten sich zwar anfangs respektvoll in sicherem Abstand vor diesem riesigen Lebewesen, aber die vorwitzigen Spatzen sind die ersten, die sich nicht von meiner Anwesenheit stören lassen und weiter ihrem Vergnügen frönen. Da ihnen offensichtlich nichts Böses zu widerfahren scheint, lassen sich auch die Amseln nicht mehr lange davon abhalten, dem beliebten Treffpunkt einen Besuch abzustatten. So sind einige Jahre ins Land gegangen und man hat sich offenbar so aneinander gewöhnt, daß ein Amselpärchen mir dieses Jahr die unerwartete Ehre erwies , meine bescheidene Behausung als Hochzeitsquartier auszuwählen. Erst war ich noch verwundert, als sie im Minutentakt die kleine Stelle auf dem Gartenzaun, die durch den Efeu etwas von neugierigen Blicken abgeschirmt ist, anflogen. Aber nach näherem Hinsehen entdeckte ich die bescheidenen Anfänge des „Hausbaus“. Inzwischen herrscht in dem nunmehr fertigen Nest schon reges Treiben, beide Elternteile sind unermüdlich dabei, den hungrigen Nachwuchs mit Nahrung zu versorgen. Anfangs traute ich mich kaum noch hinaus auf meine Terrasse, um den Lauf der Dinge nicht zu stören. Aber eines Tages wollte ich doch nicht länger auf ein Sonnenbad im eigenen Heim verzichten und ließ mich gemütlich in den Liegestuhl sinken. Kurz darauf traf die Amsel ein und setzte sich vorsichtig erst mal auf den gegenüberliegenden Zaun, um mich mißtrauisch zu beäugen. Den Schnabel voll bepackt mit Regenwürmern saß sie da, unschlüssig, ob sie es wagen könnte, ihren Flug bis zum Bestimmungsort fortzusetzen oder die bereits sehnsüchtig erwartete Fracht lieber selber aufzufressen. Sie entschied sich für ersteres und ich war erleichtert. Wollte ich doch keinesfalls schuld daran sein, wenn sie hungrig bleiben müßten,

die Gäste des Tierrestaurants „Pürstner“

 

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