Pierre-André Hentzien

Niemals

Wenn ich an die ganze Sache zurückdenke, dann kann ich mir das Lachen kaum verkneifen, obwohl, eigentlich war die Geschichte alles andere als lustig – aber mit der Zeit hat sie doch etwas amüsantes an sich, auch wenn Katrin wohl immer noch nicht so ganz darüber hinweggekommen ist.
Manchmal fragt sie mich, ob ich noch wüßte, wie das damals mit dem Andreas war, und wenn ich dann anfange los zu kichern, dann guckt sie mich immer ganz böse an, so als wäre ich daran schuld gewesen. Ich entschuldige mich dann immer ganz lieb, auch wenn ich es mit einem Kichern tue und Katrin immer weiter ganz böse auf mich ‘runterguckt – sie steht nämlich immer auf, wenn ich anfange in mich hinein zu kichern, stützt ihre Hände in die Hüften und legt ihren Kopf ein bißchen schräg…
Nicht, daß ich sie damit aufziehen will, aber irgendwie war das schon zu blöd, wie sie damals auf den Andreas reagiert hat, denn schließlich hatte sie ihn ja zu uns eingeladen - einfach so, von der Straße weg, obwohl sie ihn gerade erst eine Stunde lang kannte.
Wenn ich so darüber nachdenke, dann fällt mir ein, daß es wirklich nicht so aussah, als wenn sie sich erst so kurz kennen würden, aber ich hatte ja auch keine Ahnung, daß sie sich zufällig im Park begegnet waren – beim Taubenfüttern, hat Katrin gesagt. (Als hätten wir nicht genug Tauben in unserer Stadt, müssen die beiden sie auch noch füttern und sie dazu animieren noch mehr Tauben zu machen.)
>>Es wäre so beruhigend die pickenden Vögel vor sich auf dem Boden herumlaufen zu sehen, wie sie so ganz eifrig und ohne Unterlaß nach den Brotkrumen jagten, meinten die beiden.<<
Total verrückt ist das, wenn sie mich fragen, aber egal. Jedenfalls haben sich Katrin und Andreas gleich so toll verstanden, da wollten sie gar nicht erst lange fackeln und gleich bei uns einen Kaffee zusammen trinken.
Ich habe mir damals mit Katrin ein Wohnung geteilt, weil wir beide nämlich immer ziemlich klamm waren, auch wenn wir uns eigentlich gar nicht richtig mochten. Jeder wußte von den Marotten des anderen, und um die Eigenschaft, daß sich jeder auf die des anderen verlassen konnte; auch darauf, daß keine neuen hinzukamen; da haben wir eben eine Wohnung zusammen genommen.
Wie auch immer – ich komme als an dem Tag gegen 18.00 Uhr nach Hause, und da sitzen die beiden auf Katrins giftgrünem Sofa im Wohnzimmer. Ich wollte eigentlich nicht stören und bin direkt in mein Zimmer gegangen, aber Katrin klopfte gleich darauf bei mir, und fragte, ob ich nicht einen Kaffee mit ihnen trinken wolle; er sei auch ganz frisch aufgebrüht und noch heiß. Ich habe nur gedacht: „Na, wenn der Typ ihren Kaffe trinken mag, dann muß er sie schon ziemlich mögen, oder der hat genauso wenig Ahnung vom Kaffeekochen wie Katrin!“
Aber nichts da, der Andreas hatte ihn gebrüht, und der Kaffee war richtig gut – nicht zu stark und nicht zu schwach; irgendwie genau so, wie ich ihn immer mache und da fand ich den Andreas gleich richtig sympathisch, weil ich mir gedacht habe, daß ein Typ, der so einen spitzenmäßigen Kaffee kochen kann, irgendwie auch einen richtig guten Charakter haben muß.
Andreas war so ein großer, ganz schlanker Junge, mit kurzen, fast schwarzen Haaren, die an den Seiten ausrasiert waren. Seine Augen waren Stahlblau, so richtig unheimlich, als wäre er der Teufel inkognito; ich meine vonwegen dieser stahlblauen Augen, die ich mir eigentlich an einem blonden Jungen mit Engelsgesicht vorgestellt hatte. Wenn er lächelte, und das tat er ziemlich häufig, weil er wohl wußte, wie unbeschreiblich schön und bezaubernd sein Lächeln war, dann blitzten seine strahlendweißen Zähne zwischen den roten Lippen hervor. Eigentlich war er ein ganz normaler Junge.
…und das ist auch so eine Sache, die ich bei Katrin nicht verstanden habe, ich meine, daß sie, mit ihren 28 Jahren, einen Jungen mit zu sich nimmt. Der Andreas war gerade mal 17, und daß fand ich dann doch schon ein bißchen verrückt von ihr, auch wenn ich mir gedacht habe, daß sie vielleicht nur ein bißchen Mutter spielen wollte.
Ich fand den Andreas ja doch etwas eigenartig, vor allem, weil er mich fortwährend ansah, und immer wieder lächelte, wenn ich irgend etwas gesagt hatte – ganz gleich, ob ich über ein Massaker in Bosnien, den Sonnenuntergang auf Korsika oder von einem Zwischenfall im AKW sprach; immer lächelte er, so als wäre er ein bißchen bescheuert und würde überhaupt nichts verstehen. Als Katrin mal kurz zum Klo gegangen ist, da hat er mich gefragt, wie ich ihn finden würde, und ob ich die Katrin schon länger kennen würde, wie sie denn so wäre und all so ein Zeug. Na, das war doch ein bißchen zu schnell, aber ich habe doch geantwortet und gesagt, daß ich ihn ziemlich niedlich fände, er aber wohl ein bißchen zu jung für Katrin wäre, und ich geglaubt hätte, daß sie ihn wohl von der Nachhilfe kannte, die sie immer gab. Nee, meinte er da nur, die sei doch wie seine Tante, und in die wäre er auch verknallt gewesen.
Ich habe echt den Mund nicht mehr zu bekommen, weil ich das total komisch und schauerlich fand. Schließlich habe ich zu ihm gesagt, daß Katrin nur eine Putzfrau wäre und sie nur manchmal etwas Nachhilfe in Deutsch und Mathe gäbe – ich weiß gar nicht, weshalb ich das gesagt habe, denn schließlich habe ich nichts gegen Putzfrauen, schon gar nicht gegen Katrin, wo die doch immer unsere Wohnung so toll in Ordnung hielt, auch wenn ihr eigenes Zimmer immer aussah, als hätte da eine Bombe eingeschlagen; aber ich hatte es halt schon gesagt, und da war es zu spät es wieder zurück zu nehmen.
Andreas hat da wieder so gelächelt und mich ganz eigenartig dabei angesehen, als wollte er mich noch irgend etwas fragen, aber da kam die Katrin wieder zu uns ins Wohnzimmer und setzte sich ganz dicht an den Andreas ‘ran. Auf einmal ist er aufgestanden und hat zu mir gesagt, daß ich ihm doch mein Zimmer zeigen wollte. Ich habe ihn nur ganz verwundert angesehen, aber er zog mich am Arm aus dem Sessel und hielt mich fest bis wir im Flur um die Ecke gebogen waren. Was hätte ich tun sollen?
In meinem Zimmer habe ich ihn dann gefragt, was das zu bedeuten habe. Er sagte aber gar nichts, und schaute sich nur in aller Ruhe in meinem Zimmer um. Irgendwie hat mir das überhaupt nicht gefallen, weil ich nicht so besonders ordentlich bin und auch immer alle intimen Dinge von mir einfach ‘rumliegen lasse. Andreas hat aber keine einzige Bemerkung zu den Sachen gemacht (ich will hier nicht sagen, was er alles gesehen hat. Das wäre mir doch ein bißchen zu peinlich!).
Als er sich genug umgesehen hatte, da setzte er sich einfach ganz frech auf mein Bett – ich meine, daß macht man doch nicht, sich einfach auf ein Bett von einem wildfremden Typen setzen, aber ihm war das wohl ganz egal, und er schlug nur ein paar Mal neben sich auf die Matratze, um mir damit zu sagen, daß ich mich neben ihn setzen sollte. Das wollte ich nun ganz bestimmt nicht, denn ich dachte gleich an so komische Sachen, die sich nicht gehören zwischen zwei Typen, die sich gerade mal eine halbe Stunde kannten. Dann lächelte er aber wieder so entwaffnend, und ich machte einfach was er wollte – aber er wollte gar nichts, sondern sah mich nur in einem fort von der Seite an, so daß es mir fast schon unheimlich wurde. Endlich sagte er doch etwas, was ich aber leider vergessen habe. Alles was ich noch weiß ist, daß ich von dem was er sagte, total traurig wurde.
Andreas hat mich dann so süß in den Arm genommen, und ich habe mich gleich unheimlich wohl gefühlt, auch wenn ich ständig an Katrin denken mußte, wie sie so einsam und verlassen auf ihrem giftgrünen Sofa saß, und sich an ihren Becher lauwarmen Kaffees klammerte – irgendwie gefiel mir diese Idee, auch wenn ich nicht weiß, wieso ich überhaupt auf solche Gedanken kam, und was dieser Andreas eigentlich mit diesen Aktionen bezweckte.
Wir gingen dann wieder zu Katrin, die inzwischen schon den Tisch abgeräumt hatte, und ganz still in einer Sofaecke saß. Andreas hat sich auch nicht mehr zu ihr aufs Sofa gesetzt, sondern in den Sessel, mir direkt gegenüber. Wir quatschten noch ein Weile über Gott und die Welt, während er immer wieder lächelte, das es mir durch Mark und Bein ging. Katrin hat während der ganzen Zeit nur aus dem Fenster gestarrt und mit ihrem Blick die Spitze des Kastanienbaums, der in unserem Hof steht, fixiert. Sie sah fast wie ein Statue aus.
Gegen 22.00 Uhr ist Andreas dann nach Hause gegangen, aber da war Katrin schon lange in ihrem Zimmer verschwunden.
Als ich ihn zur Wohnungstür brachte, da guckte er wieder so durchdringend, so als würde er irgend etwas fragen wollen, aber er hat nichts mehr gesagt.

Andreas ist dann immer ziemlich oft bei uns gewesen, was mir auch ganz gut gefallen hat, aber Katrin hatte immer was zu meckern. Ihr gefiel es wohl nicht, daß ich mich mit Andreas so gut verstand, und wir richtig gute Freunde wurden. Immerzu redet sie davon, daß ich ihr den Freund weggeschnappt hätte, dabei habe ich doch wirklich nichts getan, außer vielleicht, daß ich höflich zu dem Andreas war, aber dafür konnte ich ja nichts, denn schließlich hatten mich meine Eltern so erzogen.
Komisch fand ich dann auch, als sie den Andreas gefragt hat, ob er nicht bei uns einziehen will, denn das paßte so gar nicht zu ihrem Verhalten während der Zeit davor. Na ja, der Andreas ist dann also bei uns eingezogen, und alles hätte wirklich sehr schön sein können, aber leider ist der Andreas dann etwas schwierig geworden. Katrin meinte gleich, daß wir da einen großen Fehler gemacht hätte, daß er bei uns eingezogen wäre – das habe ich nicht so ganz verstanden, weil das ja schließlich ihre Idee gewesen war.
Andreas hat dann andauernd irgendwelche Parties gegeben, so daß sich die Nachbarn bei der Hausverwaltung beschwerten. Dem Andreas war das aber total egal, und er hat einfach immer so weiter gemacht, bis mir mal selber der Kragen geplatzt ist. Ich habe ihn mir zur Brust genommen, und einige wirklich ziemlich schlimme Dinge zu ihm gesagt. Er hat mir da so leid getan, wie ihm die Tränen aus den Augen über seine geröteten Wangen liefen, daß ich ihn einfach in die Arme nehmen mußte. Die Katrin hat das natürlich gleich völlig falsch verstanden und gemeint, ich wäre ja wohl nicht ganz dicht in ihrer Wohnung mit einem minderjährigen Jungen solche Sachen zu machen. Ich habe zuerst gar nicht begriffen, was sie eigentlich damit meinte, als der Andreas mich dann aber ansah, so unbeschreiblich niedlich lächelte und mich ganz fest an sich drückte, da habe ich endlich kapiert, was in Katrin’s Kopf vor sich ging.
Eigentlich hätte mir das ja egal sein können, aber der Andreas schien genauso zu denken wie sie, und da wurde mir doch ein bißchen flau im Magen.
Sicherlich fand ich den Andreas unheimlich süß, und wenn der ein paar Jahre Älter gewesen wäre, oder wenigstens nicht so kindlich ausgesehen hätte, dann… Aber egal, ich habe dann nur noch mitbekommen, daß Andreas irgend etwas von Liebe redete, und daß er sich in der letzten Zeit so aufgeführt hatte, weil er mich liebte, ich mich aber überhaupt nicht geregt hätte – da habe er eben versucht so auf sich aufmerksam zu machen.
Das war ihm ja ziemlich gut gelungen, obwohl er es mir ja auch einfach hätte sagen können.
Katrin hat einige Wochen gar nicht mehr mit mir gesprochen und ist dann plötzlich ausgezogen.
Das war mir doch ein bißchen zu hoch, weil ich ja nun wirklich nichts dafür konnte, daß der Andreas nichts von ihr wissen wollte.
Schließlich sind Andreas und ich doch noch zusammen gekommen, auch wenn ich irgendwie immer ein schlechtes Gewissen wegen Katrin hatte, und auch, weil der Andreas noch so jung war. Ich war zwar selber auch erst 25, aber irgendwie mußte ich immer daran denken, wie es wohl gewesen wäre, wenn sich die ganze Sache 7 Jahren vorher zugetragen hätte. Da wäre ich nämlich 18 gewesen, und der Andreas zehn – das gab mir doch schon zu denken. Andreas hat mich nur ausgelacht, als ich ihm davon erzählte.
Katrin hat sich dann irgendwann wieder gemeldet, weil sie sich bei mir entschuldigen wollte. Ich habe die Entschuldigung auch gleich angenommen, weil ich es sowieso nie verstanden habe, daß sie einen derartigen Aufstand wegen der ganzen Angelegenheit gemacht hatte. Katrin sagte noch, wie leid es ihr täte, und daß ich ja nichts dafür könne, denn schließlich habe sie den Andreas ja damals selber mitgebracht; außerdem, wo die Liebe hinfalle… Sie hat noch mehr solch komischer Weisheiten zum Besten gegeben, von den ich aber leider alle anderen vergessen habe.
Ich traf mich dann ziemlich regelmäßig mit Katrin. Das hat mich eigentlich gewundert, weil wir uns ja nie so besonders mochten, aber vielleicht lag es daran, daß wir uns so gut kannten und auf das Mögen verzichten konnten.
Katrin ist dann später, zusammen mit ihrer Freundin, bei Andreas und mir wieder eingezogen.
Irgendwie komisch, wie sich die Dinge so entwickelt haben…
Jedenfalls tut Katrin immer noch böse, wenn wir uns über die Sache mit Andreas unterhalten.
Wir lachen zum Schluß immer beide über die ganze Angelegenheit – wo Katrin doch auch mitbekommen hat, daß Liebe sich ihren Weg sucht.
Wir vier wohnen immer noch zusammen, auch wenn es manchmal so ist, als wäre ich wieder mit Katrin allein.
Das fällt mir besonders dann auf, wenn sie immer so böse tut, sobald wir mal über den Andreas sprechen, und sie mit gespielter Wut sagt, daß ihr so etwas sicherlich niemals wieder passiert! Niemals…!

©Copyright 04.03.1999 Pierre-André Hentzien.
Alle Rechte vorbehalten! Verwendung des Textes, auch Auszugweise, nur mit schriftlicher Zustimmung des Autoren!
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Man verschone mich bitte mit Benotungen, ohne eine entsprechende Kritik abzugeben (egal ob positiv oder negativ!).
Ich finde es feige eine 6 zu vergeben, nur weil man einer persönlichen Abneigung zuspricht, aber nicht den "Arsch in der Hose hat", derlei auch kurz zu begründen!
Und für all jene, die dies' dennoch so handhaben: Arm, wer ein Gesicht hat, das der Courage nicht erlaubt sich zu zeigen!
Pierre-André Hentzien, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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