Dennis Kesy

"Liebeskummer"

Klirrend schlagen die Gedanken aneinander; ich sitze vor den leeren Seiten, und warte darauf, dass sie sich füllen. Anders als sonst fühlt sich meine Feder fremd an, wenn sie über das Papier zieht. Sie bleibt jetzt öfter als früher hängen und macht kleine unordentliche Spritzer auf das Papier, das immer rauer zu werden scheint. Meine Wohnung ist warm, meine Hände sind kalt; vielleicht denke ich gerade an dich, vielleicht auch nicht. Schwarze Linien, wie zufällige Flussformen; die Tinte auf dem Papier braucht lange um einzuziehen.
Ich kauere lange vor dem offenen Buch, bis ich mich träge auf dem Tisch aufstütze und in die Küche gehe, um mir eine Suppe zu machen. Besinnungslos routiniert reiße ich die Tüte mit den Nudeln auf und schütte sie zu dem heißen Wasser in dem großen Topf. Sie brauchen lange, bis sie weich gekocht sind. Wasserdampf steigt auf und die Hitze beißt mein Gesicht. Meine Hände werden nicht warm, aber Tinte klebt an ihnen.
Die Suppe schmeckt nach dir. Die weichen Nudeln ergeben wirre Formen, die irgendwann einmal sicher Bedeutung für mich hatten, als ich mir die Suppe noch nicht selber kochen musste. Das Buch liegt immer noch da, auf dem Tisch und die Tinte trocknet nicht ein. Ist mir alles so egal.
Ich kaue langsam, ohne Eile.
Kleinigkeiten; paradoxe Zwischengedanken. Ich weiß nicht, was es sich noch zu schreiben lohnt, wenn die Trauer einer toten Liebe über allen Dingen thront, meinen Kopf bewohnt, und keinen noch so kleinen Gedanken verschont, der sich in ihm erhebt.
Ich lege die Feder wieder hin. Das Buch ist zu ende, noch so viele leere Seiten; Verschwendung.

Schalte das Radio an, höre Nichtigkeiten aus aller Welt: Eine Bohrplattform verseucht die Umgebung, nachdem die Grundpfeiler weg gebrochen sind. Meine Mutter sorgt sich, tausende Anrufe auf meinem Anrufbeantworter. Keiner von ihr. Radio aus.
Ich gehe nach draußen. Der kalte Wind wärmt meine Hände. Zehn Schritte bis zum Meer, fünf bis zum großen See, tausende bis zu dem Teich, wo noch der Baum steht, der unsere Namen trägt; im Herzen. Ich bleibe stehen und schaue in die wild gemusterte Rinde; wie Tintenflüsse auf dem Papier. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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