Stephanie Fuchs

Hühnchen mit Haut

 
„Merlot oder Chianti?“ fragt _____ mit einem milden Lächeln und berührt dabei ganz zufällig meine Schulter, bevor er dazu übergeht sich Gedanken darüber zu machen ob man Hühnchen mit Rotwein überhaupt kombinieren kann.
     besitzt die Gestalt einer prall gefüllten Pralinenschachtel. Jedes Mal, wenn man den Deckel aufhebt, findet man eine neue Leckerei. Alle Pralinen schmecken gleich gut, sind gleich cremig oder fruchtig und gleich befriedigend wenn man sie zerkaut und runterschluckt.
Mit          kann man allerlei Dinge machen, die wenige Menschen machen die sich angeblich wirklich lieben. Man kann mit ihm tanzen gehen, ins Grüne fahren, Punkrock hören, Skifahren, eine Oper durchstehen. Man kann mit ihm streiten ohne sich danach wirklich böse zu sein.       ist niemals gelangweilt, niemals traurig, niemals einsam. Wenn man mit ihm in einem Raum ist bedarf es keiner weiteren Handlung als der, sich stets vor Augen zu halten das es perfekt ist, wie es ist.
        ist ein Geschenk, dessen Verpackung so genial ist das man niemals wagen sollte, sie abzunehmen.
Während         und ich unser Hühnchen mit Haut kauen und mit Merlot runterspülen, erzählt er unaufhörlich Geschichten aus seiner Kindheit.      erzählt viele Geschichten, und nur manchmal muss man wirklich zuhören. Das Hühnchen ist ebenso geschmacksneutral wie mein Gegenüber. Ist das nicht einfach köstlich? Nur hin und wieder muss ich ein wenig lächeln, und ich denke an das arme Hühnchen das vielleicht niemals eine Wiese gesehen hat, nur um dann zu sterben und auf meinem Teller zu landen, einem Teller auf dem es einfach ein namenloses Stück Fleisch ist das sich gut zu Rotwein macht.  
Wir hatten nicht mal ein Glas Rotwein, das wir hätten trinken können.
Ich bin nie in deinem Appartement gestanden und aus der Türe gegangen. Ich habe niemals mit dir getanzt, im Central Park.
Wir hatten keine Margarita Roof Parties, ich hab niemals mit dem Handrücken über dein Bettlaken gestrichen, du hast mir niemals Miami gezeigt und ich habe nie mehr angerufen und du hättest nie mehr abgehoben. Wir haben niemals in einer Bar gesessen und russischen Wodka getrunken, niemals auf den Hudson gesehen, wir hatten ihn nie den magischen Moment.
Irgendwann hört man auf, sich zurückzuwünschen in einer dieser Momente.
Irgendwann will man sich nicht erinnern, man will vergessen.
Irgendwann rinnt uns alles durch die Finger und einige Augenblicke später wird niemand mehr wissen, dass in diesem Leben jemand versucht hat, zu leben.
       erzählt von der Farm seiner Großmutter. Später werden er und ich noch einen Drink in der Bar um die Ecke nehmen, werden nach Hause gehen, uns vielleicht lieben, vielleicht nur noch ein wenig mehr die Zeit totschlagen.
Mit        kann man wunderbar leben, ohne wirklich lebendig sein zu müssen.
          verlangt keine großen Emotionen, nur ein wenig Aufmerksamkeit. Im Dämmerzustand meiner Existenz ist er ein verschwommenes Abbild der Vorstellung von Glück. Nach all der Zeit in der ich das Hühnchen immer noch kaue und Schwierigkeiten damit habe den Geschmack der fahlen Haut zu ertragen, frage ich mich warum ich das Unglück mit dir länger ertragen habe als die Suche nach dem Glück mit dir gedauert hat.
Nur um die Hoffnung auf einen einzigen, perfekten Moment des Glücks nicht zu vergiften?
Wenn        mir gegenüber sitzt, ist das Unglück so weit weg. Und meine Liebe zu dir so nah, dass ich mich irgendwann wieder daran erinnern werde, dass ich Hühnchen mit Haut nicht ausstehen kann.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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