Mark Michaelis

Leuchtturmgeschichte

Kapitel 1

Freitag. Der Leuchtturmwärter gibt seinem Schatz noch einen hingebungsvollen Kuss… offensichtlich hält die Seeluft nicht nur die Menschen bei bester Gesundheit, sondern verhilft auch der Liebe zu einem langen Leben. 43 Jahre sind beide nun schon verheiratet und noch immer bindet sie ein festes Band inniger Liebe.

Seine Frau richtet dem Leuchtturmwärter noch seinen Kragen und drückt ihm ein Päckchen geschmierter Butterbrote in die Hand. Noch lange winkt sie ihm hinterher, bis er hinter dem Deich verschwunden ist.

Ein Tag wie jeder Tag, in der langen Laufbahn des Leuchtturmwärters. Für heute sind keine Schiffe angekündigt, trotzdem muss er wachsam sein, falls sich mal wieder irgendwelche Landratten aufs Meer hinaus wagen.

Auf dem Weg zum Leuchtturm denkt er an die vergangenen Monate zurück. So ereignislos waren sie gar nicht. Mal hatte er Besuch von einem kleinen Kind, welches nichts besseres zu tun hatte, als erst einmal alle Knöpfe zu drücken, was ein paar… nun, Strandräuber glücklich machte und dann die Teppiche, die andauernd um seinen Leuchtturm kreisen. „Wie Mücken, die ins Licht fliegen”, denkt er immer wieder, nicht ohne ein amüsiertes Grinsen. Nein, ihm ist der feste Boden unter den Füßen doch wesentlich lieber. Schiffsplanken tun es auch noch… aber in der Luft? Das müssen Wahnsinnige sein.

Der Schlüssel dreht sich geschwind im Schloss, fast von selbst, als wenn der Leuchtturm sehnlichst die Ankunft des Leuchtturmwärters erwartet hätte. Aber es mag auch daran liegen, dass der Leuchtturmwärter erst gestern abend das Schloss geölt hatte. Aus alter Gewohnheit, doch nicht minder liebevoll streicht der Leuchtturmwärter über das Messinggeländer der Wendeltreppe. Ein fröhliches Blinken belohnt ihn.

Er steckt sich seine Pfeife an und pafft so die Treppe hinauf, nicht ohne sich noch vorher den Eimer mit Wasser und einen Putzlumpen zu krallen. „So mien Deern. Nu wart mal wedder klarschiff mokt.” Der Wind heult und bringt das Messinggeländer zum vibrieren, welches ein gar lieblichen, zarten Klang von sich gibt.

Oben angelangt fängt er an, zunächst die Lampe von ihrem Ruß zu befreien und anschließend den Messingspiegel zu reinigen, der das Licht auf das Meer hinaus wirft. Doch irgendwie will er heute nicht so recht glänzen. Das Wasser? Nein, in Ordnung, vollkommen frisch und rein… Der Leuchtturmwärter haucht den Spiegel an und reibt mit seinem Ärmel über die Oberfläche des Spiegels. Wenig Besserung. „Muss ick mol mien Fru fragen… Vellicht het se ne gode Idee.” So gibt er es auf und wendet sich erst einmal den Scheiben zu. Drinnen läuft noch alles glatt… draußen dann hat er aber viel mit Vogelschiet zu tun. Die Möwen scheinen wohl gerade Zielen zu üben… Und wie zur Bestätigung trifft gleich die nächste Fuhre die gerade geputzte Scheibe. „Ihr dösigen Vöchel, ihr. Macht, dat ihr Land gewinnt.” brummelt er, seinen Lappen zornig wedelnd.

Eine Möwe setzt sich auf das Geländer und schnappt nach dem Lappen. „Na, nu! Hol op!” Mit einem fast nach einem Lachen klingenden Schrei erhebt sich die Möwe, nicht ohne ihre Visitenkarte auf dem Geländer zu hinterlassen.

So putzt er fleißig weiter, ohne Unterlass. Doch auch die Scheiben scheinen heute nicht recht blitzen zu wollen. „Na, wat hast Du denn, mien seute Deern? Hast Du Kummer mit die Dein, trink Dich ein…” Er nimmt seinen Flachmann aus der Tasche und stößt mit der Lampe an. „Prost!” lächelt er.

Er hebt gerade zu einem kräftigen Schluck an, als er ihm auch schon fast im Halse stecken bleibt. Seine Augen quillen über, die Flasche fällt, und ein Regen von bestem Selbstgebranntem ergießt sich über die Lampe.

Kapitel 2

Er stottert: „Ick kann, ja ick kann ja wohl man schwörn, dat ick dor wat sehn hebb.” Ein dicker Wassertropfen hängt auf dem Spiegel. Verwirrt schüttelt der Leuchtturmwärter den Kopf. „Ick ward noch wahnsinnich warn op miene ollen Dage.” Er berührt ungläubig mit dem Finger den Tropfen. Er hätte schwören können, er hätte alles abgetrocknet. Salz. Eindeutig Salzwasser. Sein Gesicht zieht sich zusammen, nachdem er den Finger in den Mund gesteckt hat.

Im Auge des Leuchtturms Salzwasser? Was für eine eigenartige Assoziation. Der Leuchtturmwärter ist einigermaßen verwirrt. Weder war in letzter Zeit die Gischt so hoch, dass sie hier hätte ranreichen können, noch hat er mit Salzwasser geputzt. Vielleicht irgendwo eine Salzkruste, die sich nun im Wasser gelöst hatte? Wahrscheinlich…

Es wird Abend. Wie eine Prinzessin so sanft bettet sich die Sonne auf ihre Matratze, nur um im Nu in ihr zu versinken. Noch einmal leuchtet der Feuerball auf, bevor er im Ozean verschwindet. „So, dann will ick mol dien Lücht entfachen, mien Deern.” sprachs und entzündet einen Holzscheit. Doch das Feuer will heute gar nicht so recht in Gang kommen. „Na, nu aber… Machst noch'n Schluck?” Der Leuchtturmwärter öffnet wieder seinen Flachmann, stößt mit dem Messingspiegel an, trinkt einen Schluck und schüttet dann eine gute Portion des Fusels auf den Docht. „Nu sosst mal sein, wie dat geiht.” Und tatsächlich, das Feuer brennt gleich etwas heller.

Während das restliche Tageslicht sich verabschiedet, wird auf dem Meer der Lichtkegel des Leuchtturms immer besser erkennbar. Man kann ein paar Fische im Licht spielen sehen. Ihr Kleid glitzert wie Silber und so legt sich ein sanfter Zauber auf das Meer.

„Na, bannich schoin, was mien Deern…” sinniert der alte Leuchtturmwärter. Das Licht wird schwächer, flackert kurz, ist dann aber sofort wieder da. „Nu brat mi eener nen Storch. Wat is denn mien Deern? Hast Du Kummer?”

Der Leuchtturmwärter schmunzelt. Wird er nun wirklich wahnsinnig. Sicher, es mag vielleicht nicht normal sein, mit einem Leuchtturm zu reden, als sei er eine Person… aber heute hat er sogar das Gefühl, als würde der Leuchtturm ihm antworten.

Der Leuchtturmwärter grübelt, wie er wohl seinen Geisteszutand überprüfen könne… oder wie er herauskriegen könnte, ob nun wirklich was mit dem Leuchtturm ist. Just in diesem Moment fällt ihm ein bläulicher Schimmer am Horizont auf. Der muss anderen Seite der Bucht stammen, denkt der Leuchtturmwärter bei sich. Oder ist mal wieder so ein Magus auf dem Meer unterwegs und zaubert wild durch die Gegend…

Immer wieder sieht er das Licht. Es scheint, wie das Licht seines Leuchtturms, zu wandern, auf und ab. „Was dat wohl förn Funzel is… Muss ick morgen mol mien Fru frogen. Se kennt die ganzen Lüüd os'm Dörp. Se ward wohl weten, wat dor togeihn deiht.” Doch es wird heute keine ruhige Nacht für den Leuchtturmwärter. Auch wenn kein Windchen weht, ständig droht das Licht auszugehen und er muss es wieder mit ein wenig Fusel in Gang setzen.

Erschlagen macht er sich am nächsten Morgen auf den Heimweg. Während des Wegs versucht er sich krampfhaft an den beiden Fragen festzuhalten, die er seiner Frau noch unbedingt stellen muss, bevor er ins Bett fällt. „Putzen und Blau… Putzen und Blau… Blau und Putzen… Putzen… Blau… Blau Putzen…” „Wat? Du hesst mal wedder suppt as du been Putzen warst?” Seine Frau blickt ihn argwöhnisch an. Doch schnell schwenkt der Argwohn in Sorge um, als sie seinen verwirrten Zustand erkennt. „Mönsch, wat hast Du mokt? Dien Ogen lüchten ja so rot as de von een Kanink. Los, abmarsch ins Bett…” „Awer.. awer ick…” „Ruhe, aus. Dor leggst die nieder. Ick schall die schon ut dien Büchs ruthelpen.”

Ruckzuck liegt der Leuchtturmwärter im Bett und versinkt in wilden Träumen. Blaue Möwen fliegen überall um den Leuchtturm rum, krächzen, lachen, scheinen ihn zu verspotten. Er putzt derweil wie wild die Messingscheibe. Doch kaum ist sie sauber, fliegt eine Möwe durch das Fenster, lässt ihr Päckchen fallen und verschwindet wieder. Und dann fängt es in der Kuppel an zu regnen. Ein sanfter Frühlingsregen, doch ein Regen… Er schmeckt ihn förmlich auf seinen Lippen. Schmeckt irgendwie nach… Tee?!?

Kapitel 2

Langsam kommt der Leuchtturmwärter zur Besinnung. Seine Frau hockt auf der Bettkante und schaut ihn besorgt an. „Pardon, doch du hest immer wedder 'Wasser, Wasser' schrien und dor heff ick dacht, so'n schoine warme Tee is man grad dat richtige för di.” Der Leuchtturmwärter hockt sich auf und hält seiner Frau die Hand. „Miene Leeve.. glövst dat ick narrisch worn bünn? Bünn ick hütt anners as güstern, wär ick güstern anners as förgüstern?” „Nu, außer dine Escapaden büsst bannich normal bleeven.” „Schatz, ick glöv, de Leuchtturm will mi watt vertelln.” „Und watt?” „Du fragst 'Und watt?'. Is datt nich schon bekloppt genug? Ick glöv ick schall mal nor'n Doktor hin…”

„Ach watt. Is doch bannich normal, wenn de Leuchtturm mit die reden deit. Ick vertell mi doch og so eeniges mit mien Blumen.” „Ach, datt is doch wat anners…” „Nichts anners. Ick spör, wie se mit mi reden tun.” „Ja, aber man doch keen Leuchtturm. N'Leuchtturm is dote Materie. Stien op Stien, büschn Messing, Glas und dat wärs.” „Deshalb liebkost Du ja og immer dat Geländer, nich wohr?” Der Leuchtturmwärter wird rot… „Dat hast markt?” „Na, du büscht mi een. Ick kenn di ja mol nu n'büschen.”

„Pass mol op. Ick ward hütt obend mal mit to'n Leuchtturm kieken. Vellicht können wie Frunslüüd uns besser verstaihn.” „Du weest also og…” „… dat Du din Leuchtturm den Namen Alyaii geven hest? Ja, dat wet ick wohl…” Der Leuchtturmwärter umarmt seine Frau liebevoll… auch um zu verbergen, wie rot er gerade geworden ist…

Abends ziehen sie dann los zum Leuchtturm hin. Die Frau des Leuchtturmwärters folgt ihrem Mann, wo immer er auch hingeht und beobachtet ihn und wirft dabei immer wieder einen Blick auf den Leuchtturm. Auch heute ist der Spiegel einfach nicht richtig zum glänzen zu bringen, auch heute bleibt das Glas stumpf und auch heute flackert das Feuer unruhig hin und her.

Die Frau zuckt ratlos mit den Schultern. „Ick heff nich de blasseste Ahnung…” Verwirrt gehen sie auf die Brüstung. Der Leuchtturmwärter stellt zwei Klappstühle auf und so setzen sie sich, um das prächtige Glitzern der Fische zu beobachten.

Da erscheint es wieder, das blaue Licht. „Ah, datt is de nüe Leuchtturm, Schatz. Hebb ganz vergeeten die dorvun to vertelln. Soll'n Magier drin sien, de sien överflüssige Energie ins Füer leitet. Op disse Wies kun he 'n büschn wat verdeen, um sien… watt hat Fru Slimsbolt secht? Ingridentien? … to kopen.” „Dat hebb ick die all lang fragen wullt…”

Das Licht von Alyaii geht fast aus. Der Leuchtturmwärter springt auf und schüttet seinen restlichen Fusel ins Feuer. „Schatz? Ick glöv ick hebb dor een Idee…” sagt seine Frau, als sie in die Kuppel tritt.

Tuschelnd gehen sie die Treppe hinunter. Erst schüttelt er noch kräftig mit dem Kopf, doch immer mehr wird aus dem Schütteln ein Nicken bis er schließlich bestimmt nickt, seinen Mantel greift und den Leuchtturm verlässt.

Stunden vergehen. Seine Frau wacht derweil über das Feuer, dass immer wieder auszugehen droht. Schließlich, dem Morgen graut es bereits, kehrt der Leuchtturmwärter zurück. Er lächelt fröhlich, nickt ihr zu und beide entschwinden nach Hause, nicht minder eifrig tuschelnd als auf der Treppe vorhin.

Kapitel 3

Am nächsten Abend machen sich wieder beide auf den Weg zum Leuchtturm. Diesmal eine Stunde früher als sonst. Der Leuchtturmwärter greift sich seinen Werkzeugkasten und eilt mit seiner Frau die Treppe hinauf. Oben angelangt beginnt ein wildes Schrauben, Hämmern und justieren. Schließlich stemmt er zufrieden die Fäuste in die Seiten und betrachtet sein Werk mit stolzgeschwelltem Bauch.

Seine Frau kommt inzwischen mit einer Kanne Tee herauf und so setzen sich beide auf die Balustrade und betrachten den Sonnenuntergang. Der Leuchtturmwärter entzündet das Feuer. Wieder macht es unheimliche Probleme, das Feuer zu entfachen. Über die Schulter wirft er einen Blick zu seiner Frau, die den Blick erwidert, als er erneut versucht das Feuer zu entzünden.

Schließlich ist es geschafft. Nach einer Weile sieht man wieder die Fische im Lichtschein spielen… doch diesmal ist der Lichtschein um einiges weiter draußen. Wieder treffen sich die Blicke der beiden Verbündeten, ohne jedoch auch nur im geringsten zu zeigen, ob Sorge oder Freude in den Augen liegt.

Eine halbe Stunde später sieht man am anderen Ufer wieder das blaue Licht aufleuchten. Langsam bewegt es sich auf dem Meer… auf den Lichtkegel von Alyaii zu. Plötzlich berühren sich beide Lichtkegel. Das Feuer von Alyaii erlischt fast…

Doch dann glüht es auf, wie es noch nie zuvor geglüht hat. Ein blendend weißer Strahl erhellt die Nacht und ein ebensolch heller blauer Strahl strahlt ihm entgegen. Wo sich die Lichter treffen, fängt das Meer an zu dampfen. Nebel bildet sich, zeichnet Figuren in die Lichtkegel. Und plötzlich, ja plötzlich vermeint man eine zarte Gestalt in wehendem Kleid zu sehen. Sie tanzt, sie tanzt mit einem.. gar schönen Jüngling. Glücklich vereint sinken sie sich in die Arme, zu einem Kuss, der Äonen dauern mag…

02/2001

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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