Christine Wolny

SPARGELZEIT

Gerade im Mai drängen sich Gedanken an meine Jugendzeit in den Vordergrund, wenn ich Spargel sehe.

Jetzt kaufe ich welche, wenn ich Appetit danach habe und greife sogar nach den angebotenen Spargelköpfchen, die beim Stechen oder Reinigen abgebrochen sind, denn ich weiß, sie schmecken am besten.
Heute sehe ich auf den Feldern viele Frauen und Männer, die mit einem Auto gebracht und geholt werden. Es sind meist polnische Saisonarbeiter. Ihre Haut ist dunkelbraun, und sie sehen mich nicht, denn ihr Blick ist auf die braune Erde gerichtet, um das teure weiße Gold, so nenne ich den Spargel, zu erspähen. 
Diese Wochen im Mai und Juni waren besonders hektisch in meiner Jugend, denn es war eine zusätzliche Belastung und Herausforderung für mich.
Nach den Hausaufgaben fuhr ich mit dem Rad auf den Spargelacker.
Er lag außerhalb der Ortschaft. Ein kleiner Fahrradweg führte an der Gärtnerei vorbei durch die Felder. Links und rechts stand das Korn schon in halber Höhe und manche Kornblume und das leuchtende Rot des Mohns erfreute mein Herz. Am liebsten wäre ich abgestiegen und hätte einen Strauß gepflückt. Aber dazu hatte ich keine Zeit. Doch für ein Lied zu trällern, hatte ich immer Lust, wenn ich durch die Natur radelte.
So sauste ich auf einem Herrenfahrrad, das meinem Onkel gehörte und mit einem Korb am Gepäckträger zu dem verschlossenen Gartenhäuschen, holte dort das Spargelmesser und eine Holzscheibe zum Glätten der Erde hervor, und dann ging ich die Reihen mit meinem Korb entlang.
Mit Adleraugen sah ich die gesprungene Erde, die einen Spargel anzeigte. Nicht immer schaute die weiße Spitze hervor.
Wenn ich einen Spargel übersehen hatte, war sein Köpfchen am nächsten schon etwas blau, und das war nicht gut, denn dafür gab es weniger Geld.
Ich buddelte wie ein kleiner Maulwurf die Erde weg. Blitzschnell konnte ich das, es war ja auch Sand, und zack, schnitt ich mit dem Messer den Spargel ab.
Die Länge konnte ich gut einschätzen. Ich schnitt sie etwas länger, denn die Endstücken waren für uns gedacht, und es gab ein gutes Spargelgemüse. 
Danach mussten sie in einer Wanne gewaschen, sortiert und auf ein vorgeschriebenes Maß geschnitten werden.
Dazu hatte mein Onkel einen Kasten gebastelt, der auf einer Seite geöffnet war. So konnte man eine Handvoll Spargel hineinschieben und abschneiden. So waren sie dann alle gleich lang.
Sie sahen schon hübsch aus, schneeweiß, gleich lang, gleich dick....
Jedes Päckchen wurde in ein Geschirrtuch gewickelt und in Wasser gelegt.
Am Abend brachte ich sie zur Annahmestelle, wo in eine Liste die unterschiedlichen Sorte und das Gewicht eingetragen wurden. Am Wochenende bekam man dann das Geld dafür ausgezahlt. Es gab für die erste  Sorte rund 1 DM pro Pfund oder war der Preis für ein Kilo? Genau weiß ich es nicht mehr. Es sind schon 50 Jahre her......
Die Ausbeute ergab wöchentlich 50-70 DM.
Ich lieferte das Geld auf Heller und Pfennig bei Oma ab, und ihre Augen leuchteten. Schließlich war das Geld sehr knapp, denn der Hausbau schluckte jeden Pfennig.
Da gab es keinen freien Sonntag. Nach dem Kirchgang zog ich mich um, und los ging es.
Wenn es warm war, wuchsen die Spargel besonders schnell. Bei kaltem Wetter war der Korb nicht voll.
So ging das mehrere Wochen.
Als ich auf der Bank Lehrling war, sauste ich in der Mittagspause auf den Acker und kam mit hochrotem Kopf nach zwei Stunden wieder in die Bank. Mein Chef sah das nicht gerne und wollte es unterbinden. „Die Mittagszeit ist zum Ausruhen da“,  so seine Worte. Doch ich bat ihn, meinen Verwandten, bei denen ich groß wurde, nichts zu sagen, denn ich hätte vielleicht nur Schelte bekommen, so als wenn ich mich beschwert hätte und das tat ich ganz bestimmt nicht.
Und so beruhigte ich den Chef, dass die „Spargelzeit“ bald zu Ende sei.
Es war das letzte Jahr des Spargelstechens.
Als meine Lehrzeit zu Ende war, zog ich aus.
© C.W.
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.05.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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