Klaus-D. Heid

Toleranz

Gleich die Ernüchterung vorweg: Toleranz ist – aus meiner Sicht – eine Eigenschaft, die man mit sehr viel Vorsicht genießen, vergießen und erschießen sollte! Erschrocken? Meint Ihr, dass sich hier ein ‚altgebliebener’ Konservativer zu Wort meldet? Kann schon sein, dass ich konservativ bin. Kann auch sein, dass ich nicht mehr zu den Jüngsten zähle. Es ist auch gut möglich, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zur Toleranz habe. Zumindest möchte ich denen, die noch immer lesen, was ich hier schreibe, erklären, was ich an Toleranz zum Kotzen finde – und was ich an ihr schätze...

Gestern wollte ich ein paar Briefmarken bei der Post kaufen. Sondermarken. Normalerweise interessiert es mich nur am Rande, welches Thema auf den Marken angeprangert wird. Diesmal jedoch stach mir die fette Schrift auf den Marken fast brutal ins Auge: MEHR TOLERANZ! Na Bravo! Als ich der biederen Postangestellten sagte, dass ich gerne andere Marken hätte, sah sie mich an, als sei ich die Reinkarnation von Hitler, Mussolini und Stalin in einer Person. Ihre Augenbrauen hoben sich mahnend, als sie mich fragte:

„Wieso das denn? Sind Sie etwa gegen mehr Toleranz?“

Als Mensch, der seine Meinung auch dann vertritt, wenn sich hinter ihm eine endlose Schlange bildet, setze ich zur Antwort an:

„Ja, bin ich! Fehlt es Ihnen etwa an der Toleranz, mir meine Abneigung gegen mehr Toleranz zuzugestehen? Wieso muss ich denn mit jedem meiner Briefe für etwas werben, das ich nicht gutheißen kann? Noch mehr Toleranz? Vielleicht etwas mehr Toleranz gegenüber Gewaltverbrechern, Steine werfenden Autonomen und Kinderschändern? Wissen Sie – mir ist das einfach zu pauschal! Hätte man sich die Mühe gemacht, den Wunsch nach mehr Toleranz auf ein bestimmtes Thema zu beschränken, wäre ich garantiert nicht so vorschnell ablehnend gewesen. Aber einfach so MEHR TOLERANZ? Was bietet uns die post als Nächstes an? MEHR NÄGEL IM KOPF? MEHR LUFTLEERER RAUM IM HIRN? Toleranz ist eine Eigenschaft, die wohl überlegt sein will. Ich kann schließlich nicht dem Autofahrer gegenüber tolerant sein, der mir absichtlich in mein Auto fährt. Würden Sie doch wohl auch nicht, oder? Was mir bei der Aussage auf der Marke fehlt, ist der Hinweis auf mögliche Gefahren der Toleranz! Verstehen Sie, was ich meine? Nein? Sehen Sie mich deshalb so an, als sei ich ein stiernackiger Stoppelhaarträger mit dem Verstand eines Vierjährigen?“

„Tun Sie doch, was sie wollen!“ keifte sie mich an, da sie offenbar keinen Bock auf eine Diskussion hatte. Natürlich hatte die lange Schlange hinter mir meine Bemerkungen mitbekommen. Etwa fünfzehn Leute begannen plötzlich, aufgeregt über das Thema TOLERANZ zu diskutieren. Ich indessen entschied mich für eine Sondermarke mit dem Aufdruck SCHLESWIG-HOLSTEIN und verließ die Poststelle grinsend.

Aber mal im Ernst: warum nehmen wir immer alles hin, als sei’s gottgegeben? Weshalb muss ich Toleranz demonstrieren, nur weil ein paar ausgeflippte Schwachköpfe Intoleranz auf ihre Stirnen gemeißelt haben? Muss ich vielleicht allabendlich eine Lichterkette organisieren, damit mich – um Gottes willen! – ja niemand intolerant nennt? Muss ich den Verfassungsschutz fürchten, wenn ich nicht alles akzeptiere, was man mir in den Rachen werfen will?

Ich bin intolerant, wenn man meine Meinung manipulieren will! Ich bin intolerant, wenn ich’s mit Gewalttätern zu tun bekomme. Ich bin sogar intolerant, wenn diese Gewalttäter keine deutschen Straftäter sind! Ihnen gegenüber bin ich ebenso intolerant, wie deutschen Tätern gegenüber! Nicht mehr – und nicht weniger. Ich bin intolerant, wenn man mir ans Bein pinkelt. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um einen Hund oder um einen paranoiden Intoleranz-Gegner handelt. Ich mag nun mal keine Verallgemeinerungen und Pauschalierungen. Ich mag es nicht, wenn ich schief angesehen werde, weil ich schwarze Drogendealer ebenso laut verachte wie weiße Drogendealer. Ich mag es auch nicht, wenn ich...

(Lesen Sie immer noch? Sie haben meinen Text noch nicht durch einen toleranteren ersetzt? Vielen Dank dafür!)

...schief angesehen werde, weil ich Triebtätern und Vergewaltigern die Pest ebenso an den Hals wünsche, wie den Strick, an dem sie leider nie baumeln. So bin ich eben. Intolerant. Und doch bin ich tolerant. Es kommt immer auf die Situation an. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch? Ist in meinen Gehirnwindungen ein Kurzschluss aufgetreten, der mein Denkvermögen durchgeschmort hat? Auf jeden fall bin ich überaus gespannt, wie die Reaktionen auf diesen Text aussehen. Falls es welche gibt...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.04.2002. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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