Germaine Adelt

Eigentlich

    Er schlug so unvermittelt zu, dass sie fast das Gleichgewicht verlor. Trotzig sah sie ihn an und biss sich auf die Lippen um nicht doch noch zu weinen. Erneut holte er aus und schlug diesmal mit der linken Hand, dass es ihr nun fast nicht mehr gelang die Balance zu halten. Ihre Tränen liefen schon aber sie tat so, als wären sie nicht da.

Brummend verließ er das Zimmer und knallte so laut die Tür hinter sich zu, dass sie für einen Moment befürchtete, die Wand würde auf sie einstürzen. Obwohl sie jetzt hätte weinen können, tat sie es nicht. Stolz und unbeweglich stand sie da, als wäre er noch immer im Raum. Ihr Gesicht brannte wie Feuer aber wollte sich selbst keine Schwäche eingestehen und wischte sich trotzig die Tränen aus dem Gesicht.

Dann setzte sie sich zurück an den Tisch, um die Hausaufgaben zu machen, die Korrektur von ihrem Diktat. Als sie das rot angestrichene „eigendlich“ sah, fing sie an zu schluchzen.

Dieses Wort, dieses eine falsche „d“ hatte ihr die Note: 1 verwehrt. Dabei hatte sie extra für dieses Diktat geübt, wenngleich ihr nicht viel Zeit geblieben war. Es wurde immer schwerer für sie, die ihr auferlegten Haushaltspflichten und die Schulaufgaben zu schaffen, bis sie abends pünktlich ins Bett musste. Sie verfluchte die Schule, die Rechtschreibung, die Lehrerin und Vater.

Als ihr klar wurde, dass sie die gleiche Tortur mit Mutter noch vor sich hatte, wenn diese gleich von der Arbeit nach Hause kam, konnte sie sich nicht mehr beherrschen und fing leise an zu weinen.

    Obwohl sie sich geschworen hatte nie mehr zu weinen und obwohl sie schon lange glaubte keine Tränen mehr zu haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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