Silvia Pree

Hallo, ich bin Marlies

Marlies stand hinter der Pyramide mit den Gulaschdosen.
Halb versteckt.
Sie rückte ihre Brille zurecht.
Wo war die Frau jetzt?
Sie stand beim Kaffee.
Prüfte anscheinend die Preise.
Und legte dann sorgfältig eine Packung in den Einkaufswagen.
Dann fuhr sie langsam weiter.
Marlies wurde hektisch.
Sie zwängte sich an einem anderen Kunden vorbei.
Der Mann schüttelte missbilligend den Kopf.
Sagte aber nichts.
Nur nicht zu schnell!
Marlies mahnte sich selbst.
Die Frau durfte nicht misstrauisch werden.
Diese Frau…
Ende vierzig.
In die hellbraun gefärbten Haare mischte sich am Ansatz grau.
Auch sie trug eine Brille.
Und jetzt stand sie beim Kühlregal.
Wählte einen Tetrapack mit Vollmilch.
 
Marlies wagte kaum zu atmen.
Die Frau drehte sich halb zu ihr um.
Sie schien zu überlegen.
Ihre Stirn lag in Falten.
Schließlich wanderte ein Becher Obers in das Einkaufswagerl.
Wie sie immer alles prüfte!
Und sich die Preise ansah.
Ganz anders als sie, Marlies.
Bei ihr musste es immer schnell gehen.
Und nach fünf Minuten auf zur Kasse.
Aber diese Frau schien alle Zeit der Welt zu haben.
Und mittlerweile beobachtete Marlies sie schon über zwanzig Minuten.
Marlies bewegte sich näher.
Wieder rückte sie ihre Brille zurecht.
Jetzt konnte sie der Frau genau ins Gesicht sehen.
Sie war nicht mehr jung.
Aber nicht unhübsch.
Was war die Farbe ihrer Augen?
Marlies machte ihre eigenen Augen schmal.
Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie wollen?
Die ruhige Stimme ihres Opfers ließ Marlies zusammenzucken.
 
Mit Brille sehe ich sehr gut.
Und Sie laufen mir schon eine Weile nach.
Die Frau hatte noch immer nicht aufgeblickt.
Ihre Hände beschäftigten sich mit einem Stück Blumenkohl.
Na?
Sprache verschlagen?
Ein wenig Spott klang in der Stimme der Frau.
Marlies wusste nicht, was sie sagen sollte.
Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.
Dann trat sie auf die Frau zu.
Ihre Worte waren ganz leise.
Vor lauter Nervosität.
Hallo.
Ich bin Marlies.
Sie hielt der Frau ihre Hand hin.
Die blickte zum ersten Mal auf.
Etwas erstaunt.
Kennen wir uns?
 
Eine Viertelstunde später saßen die beiden bei Kaffee.
Im Bistro des Supermarktes.
Die Frau war schweigsam.
Ihre Hände zitterten als sie den Kaffee umrührten.
Mein Gott…
Ich habe jeden Tag fast an dich gedacht.
Aber dass du auf einmal vor mir stehst…
Ich begreife es nicht…
Marlies’s Blick fraß sich in das Gesicht der Frau.
Jede Linie, jede Schattierung nahm sie auf.
Und die Augen waren blau.
So wie ihre…
Meine …Eltern sind gestorben.
Innerhalb kurzer Zeit.
Krebs.
Und da hab ich es erfahren.
Marlies leckte sich die trockenen Lippen.
Ich war gar nicht ihr Kind.
Nicht ihr richtiges…
Der Rest war nicht so schwer.
In den Dokumenten fand sich dein Name.
Und wo du wohnst.
Besser gesagt gewohnt hast.
 
Die Frau schwieg.
Du bist genau wie dein Vater.
Du lässt nicht locker, was?
Sie lächelte amüsiert.
Halb in Erinnerungen versunken.
Weißt du, er war ein ungewöhnlicher Mensch.
Lebendig.
Spritzig.
Und er hatte es auf mich abgesehen.
Einfach so.
Bis ich nachgab.
Ich war sehr glücklich mit ihm.
Und dann war er wieder weg.
So schnell wie er gekommen war.
Ihn hielt nichts lang an einem Ort.
Aber er wusste auch nicht von dir.
Das habe ich selber lange nicht geahnt…
…dass es dich gibt.
Die Frau rückte ihre Brille zurecht.
Ich wusste dann nicht, was ich tun sollte.
Und dann gab es dieses Angebot.
Dich zur Adaoption freizugeben.
Ich habe gezögert.
Zuerst.
Aber dann ich habe nachgegeben…
 
Marlies legte ihre Hand auf den Arm ihrer Mutter.
Das ist über zwanzig Jahre her.
Und ich hatte es gut bei… ihnen.
Allerdings…
In den letzen Jahren habe ich es immer gespürt.
Dass sie mir fremd sind.
Marlies lächelte ihre Mutter an.
Aber welchem Teenager geht es nicht so?
Ihr Blick verlor sich in der hinteren Ecke des Bistros.
Ich möchte mehr über euch erfahren.
Viel mehr.
Über dich.
Und über meinen Vater
Ihre Augen formulierten schon die Frage.
Erwartungsvoll.
Hast du Bilder?
Bilder von euch?
Von ihm?
Die Frau nickte.
Sie nahm die Brille ab.
Und drückte die Hand ihrer Tochter.
Ja.
Ein paar Sachen hab ich.
Das müsste alles nur geordnet werden…
 
 
Vivienne
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.06.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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