Alina Thiel

Stillstand


Er will aufstehen.
Eigentlich wollte er schon wesentlich früher aufstehen, aber da ist dieses Gefühl, das schon fast körperlich zu spüren ist und das er nicht einzuordnen weiß.
Also bleibt er sitzen. Zögernd schiebt er den rechten Fuß vor den linken und lehnt sich zurück; die Stuhllehne ist hart, das Holz knarrt bei bloßer Berührung: unangenehm, laut, stöhnend. Die dunkle Kuckucksuhr an der Stirnseite schreit nach einer Reparatur, die geblümten Gardinen sind bis auf einen kleinen Spalt zugezogen.
Er spürt eine gewisse Unruhe. Es ist dasselbe Gefühl wie damals; nur verstärkt, einem Orkan in seinem Inneren gleich. Er strafft sich, wie, um sich zu erheben, aber da blitzt es wieder in den Augen seines Gegenübers auf und dieses Gefühl steigt wie Quecksilber in einem Thermometer in ihm hoch.
„Du wirst doch noch bleiben?“, fragt der alte Mann mit einem leisen, drohenden Unterton.
„Selbstverständlich“, flüstert er. Ein flüchtiger Blick auf die Kuckucksuhr; richtig, die Zeiger bewegen sich nicht mehr; anschließend ein Blinzeln in Richtung Fenster. Ist es wohl schon dunkel draußen?
Schweigen.
Er sitzt wie eine Eins, seine Hände im Schoß verschränkt, und nur die Daumen klopfen ungeduldig aneinander. Es ist so still. Das „Tick“ fehlt ihm. Das „Tack“.
Wortlos steht er nun doch auf und macht zwei Schritte auf die Kuckucksuhr zu, spürt die Augen des Mannes auf sich ruhen.
„ Ich werde sie dir richten. Dann läuft sie wieder“, versucht er sich herauszureden.
Das Schweigen macht ihn wahnsinnig.
„Vielleicht nehme ich sie gleich mit und bringe sie zum Uhrmacher.“
„Lass mal“, winkt der Alte ab, „ Ich brauche sie nicht mehr. Ist doch unnützes Zeug.
Und sie ist schon lange so.“
Schweigen.
Er ist froh zu stehen.
„Setz dich doch.“
Wieder diese Aufforderung.
„Nein, nein, ich werde jetzt wirklich gehen. Bis demnächst.“
Er eilt zu dem Mann hin, der sich langsam und mit mürrischem Gesichtsausdruck erhebt und drückt ihn kurz und heftig; drückt ihn wieder von sich wie eine zu heiße Wärmflasche.
„ Ich gehe jetzt“, wiederholt er und flüchtet aus dem Zimmer.
 
„Wie immer“, murmelt sein Vater betrübt, „wie immer.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Die Geschichte spielt im Berlin der 90er Jahre.

Den beiden Freundinnen Andrea und Sigrid hat im Laufe weniger Monate das Schicksal übel mitgespielt. Mit dem Weihnachtsfest scheint sich eine positive Wende anzukündigen. Andreas Beziehung zu Wilfried Ruge, die anfangs unter keinem guten Stern zu stehen schien, festigt sich. Auch ihre Freundin glaubt in Wilfried ein verlässlichen Kameraden zu sehen. Beide Frauen nehmen ihr Schicksal optimistisch in die Hand.

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