Gaby Schumacher

Feechen, Teil V

Unzufrieden!!

Mein neues Rudel tat ja wirklich alles, damit wir Vierbeiner uns wohl fühlen sollten. Doch in so mancherlei Hinsicht schienen Menschen eben doch ein bisschen doof zu sein. Viele von denen beanspruchten doch tatsächlich nachts ihre Schlafstatt ganz für sich allein. Wie konnten die denn so blöd sein: Es gab meiner Ansicht nach nichts Gemütlicheres, als möglichst eng aneinander gekuschelt zu träumen. Mutter und wir hatten das immer so gehalten. Ach, war das schön gewesen, möglichst eng aneinander gekuschelt zu träumen. Obendrein waren wir Babys so bestens geschützt.

 

„Na ja“, gestand ich den Zweibeinern zu, „nicht alle von euch haben ja diesen Tick.“ Ich wusste, da gab es auch welche, die lieber eng zusammen lagen so wie wir Hunde. „Ob die dann die Intelligenteren dieser Möchtegern-Oberhunde sind?“ Je mehr ich darüber nachdachte, ja, so war es ganz bestimmt. Aber...umso mehr grübelte ich. Und war gar nicht mehr so froh..

Denn, oh Schreck! Mein neues Frauchen zählte leider zu der ersteren Sorte. Nein, das durfte einfach nicht wahr sein. Bedeutete das etwa, dass ausgerechnet mein(!) Frauchen als dumm anzusehen wäre?? Das zuzugeben, wäre mir unmöglich gewesen, so lieb, wie ich sie schon vom ersten Tag an hatte. Also verwarf ich schnellstens meine These von „doof“ und „intelligent“. Erleichtert atmete ich auf.

 

Aber blöd war diese Macke trotzdem. Sie wollte doch tatsächlich ihr Bett mit der weichen Matratze und den kuscheligen Decken für sich allein und hatte damals Mato Besuche auf ihrem Lager strengstens untersagt. Aber der Witz an der Geschichte war, dass sie ein paar Wochen später(für uns Hunde nicht zu verstehen) ihn händeringend jammernd anflehte, doch für einige Schmuseminuten zu ihr hoch zu hopsen. Pech für sie, denn da zeigte ihr dann mein vierbeiniger Chef eine lange Nase, was ich nur zu gut verstehe: “Ätsch, das hättest du mir damals nicht verbieten dürfen. Jetzt will ich nicht mehr. Ich bin fast erwachsen, bin schließlich wer und halte das für unter meiner Würde!“ Ihr hättet Frauchens geknickte Miene sehen sollen. Doch Mato blieb hart. Der bewies typisch chinesischen Stolz.

 

Ach du meine Güte, eigentlich wollte ich doch von mir erzählen. Also, wie kam ich darauf? Richtig: Frauchen hatte mein Körbchen ja an die Wand gegenüber ihres Bett gestellt. Hieß das etwa, ich hätte einen ganzen Meter von ihr entfernt zu schlafen? Von wegen, nicht mit mir.  Mein ganzes kleines Hundebabyherz protestierte aufs Heftigste. Ich gehörte an ihre Seite und das nicht nur tagsüber, pöh-knurr!!

 

Da ich nicht gewillt war, mich klaglos damit abzufinden, angelte ich in meinem Inneren verzweifelt nach Ideen, wie dieser unannehmbare Zustand zu ändern wäre. „Du wagst es, aufzumucken?“, fragte mich Quinny mit fassungslosem Blick. „Sei bloß vorsichtig. Stell dir das nicht so einfach vor!“, gab Mato mir zu bedenken. „Frauchen ist da sehr rigoros.“ „Rigoros??“ Was in aller Welt bedeutete das denn schon wieder? So, wie das klang, beschlich mich bei diesem Wort ein ziemlich ungutes Gefühl. Irgendetwas Schlimmes hieß das. Setzte ich mein Vorhaben wirklich in die Tat um...wurde ich möglicherweise laut angebrüllt oder gar geschlagen? Doch vor allem das Letztere erschien mir unvorstellbar. Wo doch Frauchen immer so lieb zu uns war...

 

„Die schmeißt dich runter!“, warnte Mato eindringlich. „Selbst ich darf  sogar nur für ein paar kurze Minuten zu ihr aufs Bett!“ quietschte Quinny mir besorgt die Ohren voll. Allein der Gedanke, ich könnte denn wirklich einen solch unverschämten Versuch starten, jagte dem wohl einen Kälteschauer über den Rücken. Nein, war der ein Angsthase!

 

Ich entschloss mich, es meinen beiden Kameraden zu beweisen. Ich würde es schaffen, mich würde Frauchen nicht von ihrem Bett vertreiben. Nur blieb die Frage: Wie? Was müsste ich mir einfallen lassen, um mein Leittier auszutricksen? Eines stand fest: Solange Frauchen wach lag, lief da gar nichts. Ich seufzte. Demnach war Geduld angesagt. Geduld und nochmals Geduld. Ich fasste einen Plan. Doch den konnte ich nur verwirklichen, wenn Frauchen endlich ganz fest schlief.

 

Abends wanderte ich also ausgesprochen, eigentlich schon auffallend brav ins Körbchen und spielte „Schlafen“. Dazu drückte ich meinen Kopf fest an das Kissen, kniff die Augen zu und atmete möglichst ruhig. Ab und an öffnete ich meine zitternden Lider einen Spalt breit und schielte ich prüfend zu Frauchen. Schlief sie schon? Endlich, nach doch tatsächlich einer halben Stunde war es soweit. Frauchen lag reglos im Bett und gab so komische Geräusche von sich. Es hörte sich fast an, als ob eine Tür knarrte. Wau – jetzt! Entweder jetzt oder nie!

 

Angespannt blieb ich vorsichtshalber noch ein paar Sekunden im Körbchen liegen. Mein Herz hämmerte wie verrückt. „Das ich mich das überhaupt traue...!“, sagte ich mir stolz. Doch lange konnte ich mich nicht diesem Gefühl hingeben. Würde mein Plan gelingen?
 
Es war ja eine Ungeheuerlichkeit, was ich da vorhatte, doch wer „A“ sagt, muss auch „B“ sagen. Mein aufkommendes schlechtes Gewissen hatte zu schweigen. Mit leicht wackelnden Beinen stieg ich aus meinem Bettchen. Jeder Tapser kostete dolle Überwindung. Ich schlich super ängstlich zu Frauchens Liegeplatz. Mein bibberndes Herz bildete sich ein, ich stampfte wie ein Elefant durch die Gegend. „Und dabei schläft sie seelenruhig weiter?“ Hm, demnach war ich ja wohl ein doch nur extrem leiser Elefant.

 

Noch ein Schrittchen und noch eines, ich stand vor dem Pfotenende ihres Luxuskörbchens. „Spring oder vergiss es!“, feuerte ich mich an. Da man ja auch als Hund auf seine innere Stimme hören sollte, kämpfte ich das rasende Herzklopfen und das Beinezittern nieder, raffte all meinen Babymut zusammen, spannte meine Muskeln an und hopste hoch. Prompt ratschte ich mir an der scharfen Bettkante an meinem rechten Vorderbein die Haut auf. In Auf-Menschenbetten-Springen hatte ich eben keine Übung. „Autsch!“, unterdrückte ich ein leises Winseln. Harte Holzkanten taten gemein weh. Mit der Zunge leckte ich im Eilverfahren einmal hastig über die schmerzende Stelle. Das kühlte. Doch dann hockte ich da wie erstarrt auf ein- und demselben Flecken und traute mich erst nicht, mich noch weiter voran zu pirschen. Unsicher linste ich zu Mato und Quinny. Gottlob träumten sie selig vor sich hin und bekamen von meiner kessen Aktion gar nichts mit.

 

Oben war ich ja, aber...was weiter? Fast hätte ich allen Mut verloren. Bange dachte ich: „Ach, läge ich doch jetzt wie ein jeder brave Hund in meinem eigenen Körbchen.“ Aber jetzt noch dieses Abenteuer abbrechen...? Nein, das kam nicht in Frage. So feige wäre ich nicht.  Außerdem quälte mich die Sehnsucht, riss mich aus diesen beschämenden Gedanken und trieb mich voran. So setzte ich behutsam wie eine Katze Pfote vor Pfote, ohne Frauchen aus den Augen zu lassen. Beschämt schalt ich mich, dass mir zum vergleich doch tatsächlich ausgerechnet nur unsere Todfeindin einfiel. Schlimm, aber man bedenke die Gefahr, in der ich schwebte. Ich müsste ja mit allem rechnen. Nichts rührte sich. Immerhin, die Hälfte der Strecke war schon geschafft. Ich war an ihrem Bauch angelangt. Aber mein Wunschziel war das Kopfkissen. So geduckt wie eben möglich robbte ich dann Zentimeter für Zentimeter unbemerkt in dessen Richtung. Sekunden wurden für mich zu Minuten. Dann war ich endlich da.

 

Überglücklich kringelte ich mich auf dem Kissen wie ein kleiner Fuchs zusammen. Ich schwebte auf Wolke Sieben. Gab es noch Schöneres auf Erden als ihr soo nahe zu sein?? Beinahe hätte ich vor Freude laut geheult. So etwa: „Wuwuwuuuh!“ Aber ich verkniff mir das tunlichst, genoss stattdessen mit allen Fasern meines Herzens das Gefühl der Geborgenheit so direkt neben ihr. Ohne auch nur einen einzigen Muckser von mir zu geben lag ich da, meine Schnute fest an ihr Gesicht geschmiegt und versuchte, vielleicht sogar ohne Luftholen auszukommen, damit sie ja nicht aufwachte.

 

Ich hätte mich selbst ins eigene Schwänzchen beißen mögen. Denn nach einigen Minuten hielt ich es nicht länger durch. Ich konnte es nicht mehr verhindern. Mir entfuhr ein lautes „Schnauf“. Ja, nicht nur ein kurzes, sondern es hörte sich eher so an: „Schnaauuf, seuufz!“ War es da ein Wunder, dass Frauchen erschrocken auffuhr? In der ersten Sekunde blinzelte sie noch verwirrt in die Gegend. Leider nur in der ersten Sekunde. Urplötzlich hellwach geworden, wurde ihr klar, wer sich da wo so unmissverständlich bemerkbar gemacht hatte. „Nein!“, versuchte sie Strenge walten zu lassen. Doch war das gar nicht so einfach, wenn man gerade aus dem Tiefschlaf kam. Und genau das sollte letztendlich mein Vorteil sein.

 

„Feechen, bist du verrückt geworden?“ Schnellstens versicherte ich ihr mit schief gelegtem Kopf und raschem Nasenküsschen, das wäre bestimmt nicht der Fall. „Wau! Ich will bei Dir schlafen, nicht so weit weg!“, brummte ich trotzig. Wie würde sie reagieren, hatte ich sie richtig eingeschätzt? Eigentlich haben wir Hunde innerhalb weniger Sekunden raus, mit wem wir es zu tun haben. Und ein paar Sekunden später durfte ich mir stolz zugestehen, dass ich wohl ein extra schlaues Hundebaby war.  

 

Denn: Deutlichst erspürbar für mich, riss sich Frauchen gewaltig am Riemen: „Mato und Quinny dürfen das nicht. Und du dann auch nicht! Also runter mit dir!“ Doch so ganz überzeugend vorgebracht klang dieser Hinweis in meinen Lauscherchen nicht. Ich witterte meine Chance. Stur blieb ich da, wo ich war und schnurrte noch lauter als vorher vor mich hin. „`Mal sehen, wer gewinnt!“ Tja, irgendwie  hatte ich mein Frauchen wohl durchschaut. Jedenfalls wandelte sich ihr Protest in eine Nur-noch-Naja-Schimpfe. Geriet immer zögerlicher:“ Feechen, das ist einfach unmöglich. Ich finde das doch genauso schön wie du. Aber das geht gegen den guten Benimm. Wenn uns jetzt der Herr Knigge so sähe...der würde sich im Grabe umdrehen!“ „Wau, mir doch egal!“, war mein Kommentar dazu. „Wuuf. Der fühle sich just in diesem Moment weggebissen!“ Doofer Kerl, wer immer das auch gewesen sein mochte. Menschen hätten in diesem Falle gedacht: „ Der kann mir ´mal den Buckel runter rutschen!“

 

Ich würde Frauchen schon klar machen, wie dämlich ich den fand. Der hatte doch wirklich null Ahnung von Hunden gehabt. Instinktiv spürte ich, bald hätte ich mein Ziel erreicht. Mein Babyoutfit half mir beträchtlich dabei, mein geliebtes Leittier weich zu klopfen. Also: Kopf schief gelegt und die reinste Schnurr-Opernarie angestimmt. Mehr war gar nicht vonnöten. Es kam, wie es nicht anders kommen konnte: Zu ihrem Pech schaute Frauchen zuerst auf meine süßen Noch-Schlappohren, dann auf die Babyschnute, über den mehr als wohl gerundeten Babybauch bis hin zu meinem heftig wedelnden Schwänzchen, das mittlerweile fast wie ein Propeller durch die Luft kreiste. Das reichte. Frauchen schmolz hin wie Butter. Ein letztes hilfloses Aufseufzen. Das war`s denn auch.

 

Äätsch! Ich kleines Schäferhündchen hatte mich durchgesetzt und nächtigte von da an jede Nacht bei Frauchen. Mein schönes Körbchen stand da vereinsamt, war nur noch mein Alibi. Sobald Frauchen abends eingeschlafen war, sprang ich, nunmehr geübt und ohne mir wehzutun, auf ihre Decke und wählte mir gerade den Schlafplatz, der mir jeweils am meisten zusagte. Entweder legte ich meinen Kopf auf Frauchens Beine oder ich drückte mich an ihren Bauch. Vorzugsweise schlief ich allerdings auf demselbigen, alle Viere weit von mir gestreckt. Diese Schlafgewohnheiten behielt ich auch dann noch bei, als ein paar Monate später aus mir niedlichem Stofftierchen eine große hübsche, aber recht schwere Hundedame geworden war.

 

Übrigens, eines möchte ich hier unbedingt klar stellen: 
Mein Frauchen war schon immer sehr platt. Das ging nicht auf das Konto meiner allnächtlichen Besuche!!  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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