Lars Hartwich

Sternschnuppen


Zwei Wochen campen. Zwei Wochen nicht einmal nüchtern, schlechtes Essen (Lapskausrekordversuch), kaum Schlaf und dann noch Sonnenstich. Am letzten Abend liege ich dann nur noch auf meiner Luftmatratze im Schatten und brabbel unverständliches. Florian hat schon wieder ein Becks in der Hand und will sich nicht mit einem einigermaßen nüchternen Abend zu Frieden geben.
 
Es ist 17:00 Uhr.
 
Plötzlich verändert sich Alles um mich herum und ich sehe nur noch dieses eine Mädchen, welches gerade direkt neben uns mit ihrer Freundin ein Zelt aufbaut. Ich sehe ihr in die Augen und eine Sekunde später bin ich verknallt in sie. 1,65 groß, dunkelhaarig, Locken und der Hintern treibt einem Freudentränen in die Augen. Sicherlich nicht weit über Durchschnitt aber für 5 Sekunden war sie die schönste Frau der Welt.
 
Das ich so nicht mit ihr reden konnte, war klar. In meinem Zustand hätte nicht einmal meine Oma ein „Du bist n´ fixer Junge“ aus sich herausprügeln können. Also duschen, rasieren, Zähne putzen im nahe liegendem Waschraum. Florian unterstützt mich beim gehen…
 
Es ist 17:30.
 
Wieder am Zelt angekommen sagt sie sofort hallo und es klingt als würden wir uns schon lange kennen. Offensichtlich hat sie auch ein Auge auf mich geworfen. Als Flo und ich uns zu den beiden Mädchen setzten, sind wir sehr willkommen. Nur deren Bier will mir heute einfach nicht mehr schmecken, nicht das er normalerweise mehr abkönnte, aber Florian trinkt fröhlich mit. Danach „Abendessen“ am Zelt (Fleisch mit Grillanzünderaroma vom Einweggrill). Ich erfahre dass Lisa 18 Jahre alt ist, in der Nähe von Kiel wohnt und zwei Sprachen spricht, da ihr Vater Engländer ist. Sie geht gerne feiern und im September zieht sie für 3 Jahre zwecks eines Schüleraustausches nach England. Sie hat die schönste Stimme, die ich je gehört habe und ist Ärztefan. Pfui.
 
Es ist 19:00 Uhr.
 
Wie jeden Abend in diesem „Urlaub“ gesellt sich Florian nun zu unsern neuen Freunden der Saufgemeinschaft Wilhelmsburg e.V. und konsumiert dort tatsächlich auch alkoholische Getränke. Ich bleibe bei Leonie und Lisa sitzen und rede weiter mit ihnen. Das Gespräch wird immer mehr zu einem Gespräch zwischen Lisa und mir. Sie ist lustig, humorvoll und sogar noch sehr intelligent. Genau der Typ Frau, auf den ich stehe. Abrupt unterbrochen wird die kleine Runde dann durch einen Besoffenen Freund von mir, der möchte dass wir auch mit zu den anderen kommen. Sofort springen Lisa und Leonie auf. Danke Florian.
 
Es ist 20:45 Uhr.
 
Irgendwie sitze ich dann wieder neben Lisa. Ich habe es nicht einmal angestrebt, es war einfach so. Und irgendwie lasse ich mich dann doch wieder zum Wodka-Energy hinreißen. Das gab mir dann den Rest. Aber was würde Lisa sagen wenn ich mich voll kotze? Ich muss hart bleiben!
 
Es ist 21:30 Uhr.
 
Nach langer Zeit des Sitzens geht es nun ab zum Strand. Irgendwie verliere ich Lisa dann, weil Flo und ich zufälliger Weise Bekannte aus der Heimat treffen. Am Strand angekommen geht dann das Gesuche los. Nach 15 Minuten habe ich Lisa dann endlich wieder gefunden. Sie ist hell erfreut und sagt mir, dass sie mich auch schon gesucht hat. Ihr Alkoholpegel scheint nun auch schon auf über 1 Promille gestiegen sein. (Hey für eine Frau ist das sehr viel!). Ich setzte mich mit meiner Decke neben sie.
 
Es ist 22:00 Uhr.
 
Ich fasse ihre Hand ohne dabei im Geringsten Angst vor einer Abfuhr zu haben. Dann lehnt sie sich mit ihrem ganzen Gewicht an mich. Sofort liegen wir beide auf der Decke und ich habe sie im Arm. Es ging weder darum, meine Zunge unbedingt in ihren Mund zu bekommen oder Sonstiges. Ich lag da einfach nur so mit ihr und das war der bisher schönste Moment in meinem Leben. Nach etwa einer Viertelstunde sage ich dann nur noch Das Wort „Spaziergang“ und plötzlich gehen wir auch schon am Strand entlang. Oh man, ich glaube, ich habe ihr an diesem Abend noch ALLES erzählt, was ich in meinem Leben überhaupt mal gemacht habe.
 
Es ist 23:30 Uhr
 
und ich kann nicht mehr weiterlaufen. Noch 3 Schritte und ich müsste mich übergeben. Ich falle in den Sand und sie hinterher. Plötzlich umklammere ich sie fester noch als Mutti nach meinem Fahrradunfall vor 14 Jahren. Es ist eine Sternklare Nacht und man kann leise die Wellen hören. Plötzlich traue ich meinen Augen nicht. Eine Sternschnuppe! Mal ehrlich, wie oft sieht man eine Sternschnuppe? Und dann in solch einer Situation! Ich sage Ihr, dass sie sich etwas wünschen darf und plötzlich berühren unsere Nasen sich. Sie fängt an mich zu küssen. Und von da an beginnt der längste Kuss meines Lebens. Ich habe mir übrigens gewünscht, dass wir ein Leben lang zusammen bleiben werden. Sicherlich nicht sehr realistisch, aber in diesem Moment vollkommen ernst gemeint. Sie riecht so wunderbar und dennoch scheint sie kein Parfüm benutzt zu haben.
 
Es ist 01:45 Uhr.
 
Ich weiß nicht, ob ich oder wir beide geschlafen haben. Auf jeden Fall kommt Leonie und reißt mir Lisa quasi aus den Armen. Frauengespräche. Sie gehen weg und der Abend ist gelaufen, ich sehe ihr noch eine Ewigkeit nach. Nach langer Zeit des Wartens gehe ich dann zum Zeltplatz zurück, finde den Weg aber nicht. Meine unbekannte, vollgereiherte Begleitung verläuft sich gnadenlos und irgendwie wird mir klar, dass der schöne Teil der Nacht nun endgültig vorbei ist.
 
Es ist 03:00 Uhr.
 
Bitte fragen Sie nicht wie, aber irgendwie stehe ich nun vor meinem Zelt. Ich möchte nicht behaupten, dass drei Uhr sehr Spät ist, da haben wir schon andere Nächte durchfeiert. Aber ich war körperlich endgültig am Ende. Wie von hinten erschossen falle ich ins Zelt. Das letzte was ich weiß, ist, dass Lisa mir per SMS mitteilt, sie wolle nun schlafen.
 
Es ist 09:00 Uhr
 
und im Zelt herrschen bereits 30 Grad. Florian drückt auf die Tube denn um 11 müssen wir vom Platz runter sein. Nachdem das Auto gepackt ist, kann es auf die viel zu weite Fahrt nach Hause gehen. Fahren können wir beide nicht, aber Flo befindet sich in etwas besserem Zustand als ich. Also ist er es, der auf der Rückfahrt eine Delle und zwei Kratzer in mein Auto fahren darf. Danke Florian.
 
Es ist 10:30 Uhr.
 
Bevor es los geht muss ich natürlich noch einmal zu der inzwischen auch anwesenden Lisa. Sie frühstückt gerade vor ihrem Zelt. „Hey, ich war gestern aber ein bisschen betrunken“ muss natürlich auch noch kommen, ich hatte es noch nie bei einer Frau anders erwartet…
 
Dann die letzte Umarmung und der letzte Kuss. Das letzte Mal ihre Haare riechen und ihr das letzte Mal in die Augen sehen. Irgendwie weiß ich schon jetzt genau, dass ich Lisa nie mehr wieder sehen werde.
 
Es ist 11:00 Uhr.
 

 
Das Ganze ist jetzt eine Woche her und nach vielen Stunden Schlaf und gesunder Ernährung ist man dann im Stande, ernsthaft über die Sache nachzudenken. Es war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ein Anruf, zwei SMS, mehr Kontakt hatten wir nicht mehr und wenn sie erstmal in England ist, dann ist sowieso Schicht…
 
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: ich habe nun keine Depressionen und die Geschichte ist auch sicherlich etwas übertrieben. Es ging mir nur darum, diese Situation fest zu halten. Man trifft eine Frau, die absolut perfekt ist und mit der man sich alles vorstellen könnte, es passiert das was man eigentlich nur aus Filmen kennt und dann ist sie einfach weg. Ich werde sie vielleicht sogar nie mehr wieder sehen. Wenn sie in der Nähe wohnen würde und es nicht klappen würde, dann wäre es ja noch erträglicher. Ich würde mehr und mehr über sie erfahren, vielleicht irgendwann sogar nicht mehr mögen. Aber diese Frau ist einfach weg und wenn ich in zehn Jahren an sie denke,  werde ich immer noch traurig aufstöhnen. Ich glaube, das dies die Wahre Liebe ist und dass die Menschen, die sich so etwas in der Beziehung erhalten, die glücklichsten Menschen der Welt sein müssen. Ob ich sie jemals wieder sehen werde? Was, wenn es die Frau ist, mit der ich mein Leben hätte verbringen können?
 

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Lars Hartwich).
Der Beitrag wurde von Lars Hartwich auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.07.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Nur eine Lungenentzündung - Begegnung mit dem Tod von Heike Major



Eine Lungenentzündung hätte sie fast das Leben gekostet. Aus nächster Nähe schildert Heike Major den Verlauf dieses einschneidenden Erlebnisses: die Einlieferung ins Krankenhaus, den Überlebenskampf auf der Intensivstation und den Weg zurück ins Leben. Der Leser lebt und leidet mit der Patientin und begreift, dass zur Gesundung nicht nur ein funktionierender Körper gehört. Denn Erfahrungen dieser Art hinterlassen innere Wunden…

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Liebesgeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Lars Hartwich

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der ältere Mann und seine Prinzessin von Monika Wilhelm (Liebesgeschichten)
DAS TANZENDE TULPENMÄDCHEN von Christine Wolny (Zauberhafte Geschichten)