Maren Frank

Die Retterin von Ulisien

Trotz der beiden laufenden Ventilatoren war die Luft in dem Büro heiß und stickig. Mit einem Stapel Papier fächelte Cynthia Krüger sich Wind zu.
 
„Das nützt auch nichts“, kommentierte ihre Kollegin Denise diesen Versuch nach Abkühlung.
 
„Diese Hitze bringt mich um“, stöhnte Cynthia und Denise lachte.
 
„In deinem Alter? Da tanzt man doch die Nächte noch in Discos durch.“
 
„Ich nicht.“ Sie fuhr sich über die Stirn, zum Glück war sie ausreichend braun gebrannt, daß sie auf Make up verzichten konnte. Das wäre ihr bei diesen Temperaturen sonst sofort zerlaufen.
 
„Ja ja, unser braves Mauerblümchen“, spottete Brigitte und nahm auf der Schreibtischkante Platz. Sie trug ein pinkfarbenes Top, das ihren wohlgeformten Busen so sehr betonte, daß es eigentlich etwas zu sexy fürs Büro war. Doch ihre Abteilung bearbeitete nur die Versicherungsanträge und hatte keinen Kundenkontakt, die drei Frauen waren nur unter sich – was sie manches mal bedauerten, besonders Brigitte erwähnte öfter, gerne einen knackigen männlichen Mitarbeiter zu haben.
 
Denise fühlte sich mal wieder berufen, die Jüngste in Schutz zu nehmen. Mit ihren 41 Jahren war sie die Älteste und hatte einen angeborenen Hang zum bemuttern, der bei ihren beiden Teenagersöhnen meist weniger erwünscht war. „Sei still, Cynthia findet auch noch ihren Prinzen, früher oder später.“
 
„Na besser früher als später, sonst hat sie Cellulite und er geht fremd mit der nächsten Prinzessin.“ Ihr kritischer Blick glitt über Cynthias Körper, der schlank und straff war. Sie schüttelte den Kopf. „Meine Güte, so eine tolle Figur und dann läufst du in diesen unmöglichen Hosen herum, das soll einer verstehen.“
 
„Die sind bequem.“ Cynthia deutete auf den Minirock der Kollegin, der sich hauteng um deren Oberschenkel schmiegte. „Und ich kann mich damit normal hinsetzen.“
 
„Ich auch.“ Um das zu demonstrieren nahm Brigitte auf einem freien Drehsessel platz, schlug elegant die Beine übereinander und breitete die Arme aus. „Bitte schön.“
 
Cynthia lachte. Brigitte war nur drei Jahre älter als sie, doch oft schien es ihr, als kämen sie von verschiedenen Planeten. „Ich hab´s dir auch schon vorher geglaubt.“
 
„Was haltet ihr von einer Runde Eis?“ unterbrach Denise das freundschaftliche necken und erntete wie erwartet ein doppeltes ja. Aus dem Kühlschrank, den sie in der kleinen Küche stehen hatten, zauberte sie drei Plastikbecher mit dem jeweiligen Lieblingseis hervor, am Morgen mitgebracht.
 
„Du bist ein Engel.“ Brigitte küßte die Ältere im Vorbeigehen auf die Wange und freute sich über das fürsorgliche Gebaren.
 
Auch Cynthia sagte etwas in dieser Art, sie hatte die ruhige Frau mit den breiten Hüften und dem freundlichen Lächeln schon bei ihrer ersten Begegnung ins Herz geschlossen. Und auch Brigitte, die quirlige 24jährige, die unter ihrer lebenslustigen, oft frechen Fassade ein genauso warmherziger Mensch war.
 
Als sie zwei Stunden später ihre Dreizimmerwohnung im fünften Stock aufschloß, kam ihr die Leere und Stille dort wieder einmal sehr trostlos vor. Sicher, auch Brigitte wohnte allein, doch bei ihr war die Atmosphäre ganz anders. Vielleicht lag es ja an der Einrichtung, Cynthia wohnte konservativ, wie Brigitte es genannt hatte, Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer waren – nach Brigittes Meinung – spießig und altmodisch. Doch Cynthia konnte nicht behaupten, daß sie Brigittes knallrotes Kußmund-Sofa oder den Chromsessel besonders bequem gefunden hatte.
 
Sie seufzte leise und trat auf den Balkon hinaus. Ein paar weiße Wolken zogen langsam über den hellblauen Himmel, luden dazu ein, sich Geschichten aus zu denken. Das hatte sie schon als Kind geliebt und in Wolken immer etwas entdecken können. Im Nu war sie dann in die entferntesten Welten abgetaucht, doch heute wollte es ihr so gar nicht gelingen, Segelschiffe, Drachen oder Burgen am Himmel zu erkennen.
 
Die Hitze war schuld, eindeutig, die verhinderte jegliches denken, schon das Atmen fiel ihr schwer. Außerdem war es viel zu laut, von überall her drangen Geräusche, unten von der Straße Hupen und Motorengeräusche, nebenan stritten sich mal wieder die drei Kinder der Alleinerziehenden, schräg unter ihr übte der Pianist auf seinem Klavier, andere Musik tönte aus verschiedenen Radios und irgendwo lief ein Fernseher auf Lautstärke.
 
„Tia, Tia!“
 
Cynthia wandte sich nach rechts, zu dem Balkon, der an ihren grenzte und auf dem aufgeregt der dreijährige Thorben herumhopste. Seine Mutter war letzten Winter mit ihm hier eingezogen, eine stille, zurückhaltende Frau, kaum älter als Cynthia. Von einem Vater hatte sie bisher noch nie was gesehen und es hatte einige Wochen gedauert, bis Thorbens Mutter einen Gruß erwidert hatte. Cynthia ging in die Knie, um eine Augenhöhe zu haben. „Hallo mein Schatz, spielst du schön?“
 
„Feuer!“ rief Thorben und klatschte in die Hände.
 
Das konnte nur bedeuten, daß er gerade irgendeinen Abenteuerfilm gesehen hatte und nun in die Rolle des Captains schlüpfte. „Aha, Feuer also. Und auf wen feuerst du?“
 
Nach einigen Sekunden schüttelte er den Kopf. „Nein, Feuer.“
 
Aus ihm schlau zu werden, war manchmal schwer. „Was macht denn deine Mama gerade?“
 
„Arbeiten“, kam die prompte Erwiderung. „Feuer, brennt Feuer.“
 
Ein ungutes Gefühl entstand plötzlich in Cynthia. „Wo brennt das Feuer?“
 
„In der Küche.“
 
Mit einem Satz war Cynthia über der Brüstung, lief an dem Jungen vorbei in die Wohnung. Weit allerdings nicht, denn sofort sah sie die dicken Rauchschwaden und scharfer Brandgeruch raubte ihr den Atem. „Sonja!“ schrie sie mehrmals und wandte sich dann zu Thorben, der an der Balkontür gewartet hatte und sie interessiert betrachtete. „Wo ist deine Mami?“
 
„Arbeiten.“ Er legte den Kopf leicht schief. „Sie hat gesagt, daß sie nicht lange weg bleibt.“
 
„Was ist passiert, warum brennt es?“
 
„Ich hatte Hunger und wollte Spaghetti kochen. Ich habe Mami schon oft dabei zugesehen.“
 
Cynthia sah sich nach einem Telefon um, entdeckte aber keines und dann fiel ihr ein, daß der Apparat in der Küche war. Von dort loderten die Flammen bereits ins Wohnzimmer. Sie nahm Thorben auf den Arm und trat mit ihm auf den Balkon. „Hilfe, Feuer!“
 
Niemand reagierte, was kaum verwunderlich war. Das um Hilfe geschrien wurde, war fast normal, im dritten Stock prügelte sich mit schöner Regelmäßigkeit das junge Pärchen ( wovon beide abwechselnd blaue Augen und sonstige Blessuren davon trugen ), die zahlreichen Kinder in den Wohnungen stritten ebenfalls ständig und der angehende Schauspieler im vierten Stock rechts übte wegen der besseren Akustik seine Rollen meist auf dem Balkon ein. Je nach Stück flehte er allabendlich Kleopatra an, ihn zu lieben, verkaufte seine Seele an den Teufel oder starb tragische Tode.
 
Scharfer Brandgeruch stach Cynthia in die Augen und brannte in ihrem Hals. Sie drückte Thorben enger an sich, der zu weinen begonnen hatte. Ein Blick über die Schulter zeigte ihr, daß die Flammen sich bereits an der Sitzecke festgefressen hatten und nach den Gardinen leckten. Sie mußte schnellstens die Feuerwehr alarmieren. Das nächste Telefon war in ihrer Wohnung, doch mit Thorben auf dem Arm konnte sie nicht über die Brüstung klettern, dazu brauchte sie beide Hände. Sie wollte ihn absetzen, doch er klammerte sich krampfhaft an ihr fest.
 
„Hilfe, Hilfe!“ schrie Cynthia nochmals. So weit sie konnte lehnte sie sich über die Brüstung, preßte Thorben und sich den Stoff ihres T-Shirts vor Mund und Nase.
 
„Was ist denn das für ein Gezeter?“ Mit Lockenwicklern im Haar tauchte auf dem Balkon links unter ihr eine Frau auf. Cynthia kannte sie nur vom sehen und wußte ihren Namen momentan nicht, der war sowieso so lang und kompliziert mit vielen Konsonanten.
 
„Rufen Sie die Feuerwehr, es brennt!“ rief Cynthia ihr zu.
 
„Um Gottes Willen!“ schrie die Frau und schlug die Hände zusammen.
 
„Los, machen Sie schon!“ fauchte Cynthia sie an. Ein Hustenanfall schüttelte sie und sie kniff die Augen zusammen. Als sie sie wieder öffnete, war die Frau verschwunden und Cynthia konnte nur hoffen, daß sie ihrer Anweisung gefolgt war und nicht in Panik rausrannte, aus Angst, daß das Feuer auf die anderen Wohnungen übergriff.
 
Wie berechtigt aber genau diese Angst war, merkte sie im nächsten Moment, denn nun hatten die Flammen die Balkontür erreicht, zischten über den weißen Lackanstrich. Thorben weinte nun lauter und seine kleinen Finger krallten sich in ihre Oberarme. Sie wiegte ihn ein wenig, sprach aber nicht, um ihren Atem zu sparen. So weit sie konnte, wich sie von der Tür weg.
 
Hitze und Rauch benebelten ihre Sinne, nicht mehr lange und die züngelnden Flammen würden ihre Position erreichen. Überlebensinstinkt erwachte in ihr, die Urangst aller Wesen vor Feuer drohte ihren Verstand einzunehmen und riet ihr, das eigene Leben zu retten. Das wäre leicht, sie müßte lediglich über die Brüstung auf den nächsten Balkon springen. Doch das hieße für den Jungen den sicheren Tod, denn bis die Feuerwehr eintraf, konnte es zu spät sein.
 
Es ist auch so zu spät, schrie eine Stimme in ihr und befahl ihr das eigene Leben zu retten. Sie sah auf den dunklen Schopf des an eng an sie gepreßten Kleinkindes herab und wußte im gleichen Moment, daß sie ihn nicht allein lassen würde. Sie schüttelte den Kopf, so daß ihr langer brauner Zopf nach vorne fiel. Seltsamerweise galt ihre ganze Angst momentan ihrem Haar, auf das sie so stolz war und dessen Fülle und natürliche Farbe in verschiedenen Brauntönen sogar die blondgelockte Brigitte neidisch machten, die für ihre Pracht mit Dauerwelle und Tönungsschaum nachhelfen mußte.
 
„Geben Sie mir den Jungen, schnell!“
 
Die Stimme riß Cynthia aus ihren Gedanken und sie drehte sich zu der Seite, von der sie gekommen war. Auf dem Balkon rechts streckte ihr ein Mann beide Arme entgegen. Es war der Student, der das ganze Haus oftmals mit seiner Vorliebe für laute Techno-Musik zum Wahnsinn trieb und dessen kurzgeschnittenes grüngefärbtes Haar auch durch den dichten Rauch leuchtete. Cynthia hustete, kämpfte sich durch den Qualm und reichte ihm den weinenden Thorben.
 
„Die Feuerwehr ist unterwegs“, versprach er ihr und setzte den Jungen ab, um den sich nun eine Frau kümmerte, eine weitere Nachbarin. „Kommen Sie, springen Sie über die Brüstung.“
 
Cynthia versuchte Atem zu schöpfen, doch ihre Lungen füllten sich nur noch mehr mit Rauch und schwarze Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen. Das Geländer war zum Greifen nah, nur ein kleiner Satz und sie wäre in Sicherheit. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte sie und sie fühlte, wie die Kraft aus ihren Armen und Beinen wich. Nein, sie durfte nicht aufgeben, doch die Punkte verdichteten sich immer und immer mehr, zogen sie ins dunkle, unendliche Nichts.
 
Sie fiel, wurde herumgewirbelt, glaubte einmal kurz, daß jemand nach ihr griff, doch dieser Eindruck war nur kurz und vielleicht waren es auch die Flammenzungen, die sie erreichten.
 
Die schwarzen Punkte vor ihren Augen wurden zu bunten Wirbeln. Cynthia kniff die Augen zusammen, streckte die Arme aus, doch sie fand ihr Gleichgewicht dennoch nicht, die seltsame Reise ging weiter, bis sie plötzlich festen Boden unter ihren Fingern spürte.
 
Sofort öffnete sie die Augen, blinzelte, denn es war hell. Doch das war kein Feuer, das sie blendete, sondern der Widerschein der Sonne auf dem Gras, auf dem sie saß.
 
Verwundert hob sie den Kopf und sah sich um. Eine Grasfläche dieser Größe gab es in der ganzen Straße nicht, sie war mindestens halb so groß wie ein Fußballfeld, mit Sträuchern und Bäumen. Auch entdeckte sie nirgends Bänke oder einen Weg, was darauf hingewiesen hätte, daß sie sich im Park befand. Mit dem überfüllten Stadtpark hatte  dieser  Ort  keinerlei Ähnlichkeit, außerdem schien sie allein zu sein.
 
Ihre letzte Erinnerung war das Feuer und in plötzlicher Angst griff sie nach ihren Haaren. Ein erleichtertes Lächeln glitt über ihr Gesicht, der Zopf hatte sich zwar gelöst, doch keine der glänzenden Strähnen zeigte Spuren von Flammen. Auch der Rest von ihr schien in Ordnung zu sein, sogar ihre Lungenflügel schmerzten nicht mehr beim Atmen. Und soweit sie das ohne Spiegel beurteilen konnte, sah sie gar nicht mal schlimm aus. Ihre Arme waren unversehrt, nicht mal die Fingernägel hatten Schaden genommen.
 
Das sie sich über letzteres so freute, ließ sie leise auflachen. Der Nachmittag im Nagelstudio hatte eine schöne Stange Geld gekostet, aber was war das schon im vergleich zu ihrem Leben? Und trotzdem war sie nun in erster Linie darüber erleichtert, dass der helle Lack mit dem Perlmuttschimmer noch immer schön war.
 
Das ihr ein paar Minuten ( waren es denn nur Minuten? Ihr fehlte jeglicher Zeitbegriff und beim Blick auf ihr Handgelenk, stellte sie  fest, daß sie ihre Armbanduhr verloren hatte. ) fehlten, fand sie nicht so schlimm, es gab ja genug Menschen, die das Feuer erlebt hatten und ihr erzählen konnten, was während ihrer Bewußtlosigkeit passiert war und vor allem, wer sie gerettet hatte. Denn allein hatte sie sich wohl kaum von dem Balkon retten können.
 
Sie stand auf und reckte den Kopf, um einen vertrauten Punkt aus zu machen, an dem sie sich orientieren konnte. Häuser waren nirgends zu sehen, Straßenschilder fehlten ebenfalls. Sie zuckte etwas ratlos die Schultern und beschloß dann einfach  drauf los zu marschieren. Früher oder später würde sie schon auf eine Straße stoßen, sich dann ein Taxi nehmen und nach Hause fahren. Und dann Brigitte und Denise anrufen, um den Freundinnen von ihrem Abenteuer zu erzählen. Außerdem wollte sie unbedingt nach Thorben sehen, ob er ihr Erlebnis genauso unbeschadet überstanden hatte wie sie selbst. Sie erinnerte sich zwar daran, dass sie, kurz bevor sie das Bewusstsein verloren hatte, ihn dem grünköpfigen Studenten gereicht hatte, aber bestimmt war er ganz verängstigt.
 
Sie erklomm einen sanft ansteigenden Hügel und blieb auf seiner Kuppe stehen. Langsam drehte sie sich um 360°, doch zu allen Seiten bot sich ihr das gleiche Bild; Wiesen, Bäume, Sträucher, teilweise ziemlich dicht und undurchdringlich. Und vor allem gab es nichts, was ihr in irgendeiner Weise bekannt vorkam. Das war schon seltsam. Aber wahrscheinlich lag das dran, dass sie zu den vielen Menschen gehörte, die gar nicht richtig auf ihre Umgebung achteten. Wenn sie durch einen Park ging, dann nahm Cynthia zwar einen See oder besonders große Bäume war, doch die vielen kleinen Einzelheiten entgingen ihr meist. Sie nahm sich fest vor, in Zukunft mehr auf alles zu achten.
 
„Sie ist gekommen!“
 
Cynthia zuckte zusammen, sie hatte gar nicht gehört, daß sich jemand genähert hatte. Aber wer auch immer es war, sie war heilfroh endlich eine menschliche Stimme zu hören. Sie erblickte die Sprecherin kaum ein Dutzend Schritte vor sich und sah gleich darauf, warum sie sie nicht vorher bemerkt hatte; die Frau war kaum einen Meter groß. „Entschuldigen Sie“, setzte Cynthia an und sah verwundert, wie die Frau vor ihr auf die Knie fiel. Unwillkürlich drehte sie sich um, um zu sehen, ob jemand hinter ihr stand, dem diese Huldigung galt.
 
„Celia, segnet mich, Retterin von Ulisien.“
 
„Sie verwechseln mich mit jemand anderem.“ Cynthia berührte sie leicht an der Schulter. „Mein Name ist Cynthia, nicht Celia.“
 
Heftig schüttelte die Frau den Kopf, blieb aber auf den Knien. „Nein, nein, ganz unmöglich, Ihr seid Celia, die Frau, von der Prinz Cedric uns erzählt hat, die er in seinen Träumen gesehen hat und die unser Reich retten wird.“
 
Hinter der Frau tauchte nun ein Mädchen auf, ebenfalls kleinwüchsig und der Ähnlichkeit der Gesichtszüge nach zu schließen ihre Tochter. Auch sie fiel sofort auf die Knie.
 
Cynthia war ratlos, bisher war ihr nicht bewußt gewesen, daß sie überhaupt irgendjemandem ähnlich sah. Außer ihren Eltern natürlich und die stritten dann immer noch darum, ob sie die braunen Augen nun von ihrem Vater oder ihrer Mutter geerbt hatte. Sie sah doch völlig gewöhnlich aus, normalerweise konnte sie einen Raum voller Menschen betreten, ohne bemerkt zu werden. „Bitte, stehen Sie auf, ich bin wirklich nicht die, die Sie erwartet haben.“
 
Die Frau stand wirklich auf, aber nur um Cynthia nun zu sich heran zu ziehen. Ihre kleine Hand an ihrem Arm wies erstaunlich viel Kraft auf, weit mehr, als die schlanke, fast schon zierliche Figur vermuten ließ. „Ihr seid verwirrt. Sagt, seid Ihr vielleicht gestürzt?“
 
„Ja“, antwortete Cynthia ohne länger zu überlegen. Vermutlich stimmte das sogar, denn irgendwie war sie ja vom Balkon ihrer Nachbarin zu diesem seltsamen Ort gelangt.
 
Die Frau drückte sie zu Boden und fuhr mit den Händen im Abstand von fünf Zentimetern ihren Körper herab. „Ihr scheint unversehrt, doch Euer Geist ist noch verwirrt. Aber das gibt sich, werdet schon sehen.“
 
„Nun, das hoffe ich.“ Cynthia versuchte zu lächeln, doch es wurde mehr ein schiefes Grinsen daraus. Das alles war schon reichlich merkwürdig. Sie hätte momentan alles für ein Handy oder eine Telefonzelle gegeben.
 
„Kommt mit, ich werde Euch zu Prinz Cedric bringen.“
 
Wer auch immer das war – Cynthia hatte nie vorher von Prinz Cedric gehört, mußte aber zugeben, daß sie in Adelskreisen nicht sonderlich bewandert war, Denise las die entsprechenden Seiten in den Zeitschriften und hätte es vermutlich gewußt – er würde ihr sicherlich sein Telefon zur Verfügung stellen und sie ein Taxi rufen lassen. Oder noch besser, vielleicht gab er ihr ja seinen Wagen mit Chauffeur. Allein dieser Gedanke stimmte sie fröhlich. Das wäre doch mal was, in einer großen Limousine nach hause chauffiert zu werden! Da hätten die Nachbarn sicher was zu gucken und würden noch Tage später darüber tuscheln. Ganz besonders diese überschminkte Blondine, die sich immer so gern von elegant gekleideten Männern, die förmlich nach Geld stanken, zur Tür bringen ließ.
 
So in ihre Gedanken versunken achtete sie gar nicht mehr auf den Weg und war ganz erstaunt, daß sie plötzlich am Eingang zu einem weißen Schloß stand. Zugegeben, besonders groß war es nicht, das Schloß in ihrer Stadt, in dem sich das Heimatmuseum und die Kunstausstellung befanden, war gut doppelt so groß, aber dafür war dieses viel schöner als der triste Barockbau, den irgendein Graf ohne Erben der Stadt vermacht hatte.
 
Rosensträucher säumten den Pfad, der für ein Auto zu  schmal wäre, aber vermutlich war das hier nur der Vordereingang. Ein lieblicher Duft ging von den Blüten aus, die in allen nur erdenklichen Rottönen erstrahlten. Herrliche Schmetterlinge umflatterten die Köpfe der Rosen und sie entdeckte ein paar nicht minder bunte Vögel.
 
Der Eingang zum Schloß wurde von zwei Löwen bewacht, die kunstvoll aus hellem Stein gefertigt waren. Cynthia hatte für Bildhauerei immer schon eine schwäche gehabt und konnte Stunden damit zubringen, sich Skulpturen an zu sehen. An der hölzernen Tür hing ein schwerer Klingelzug, den ihre Begleiterin nun betätigte.
 
Nach wenigen Sekunden wurde die Tür langsam aufgeschoben und ein Mann trat vor. Er war normal groß, aber sah doch sehr eigenartig aus. Seine Nase war außergewöhnlich lang und dünn, lief dabei spitz zu. Auch seine Gliedmaßen schienen viel zu lang und dünn für den Torso. Er wirkte mehr wie eine Zeichentrickfigur, was die weißgepuderte Perücke und der schwarze Frack noch zusätzlich betonten. „Sie wünschen?“
 
Bei dem hochnäsigen Klang seiner Stimme hätte Cynthia um ein Haar gekichert. Sie konnte sich gerade noch zusammen reißen. Dieser Butler war so eine Personifizierung der landläufigen Vorstellung seines Berufsstandes, daß es fast nicht zu glauben war.
 
„Dummer Narr, hast du denn keine Augen im Kopf“, fuhr ihn die kleine Frau an und zupfte gleichzeitig an Cynthias Hand, um sie ein Stück weiter nach vorne zu schieben. „Das ist Celia, die Retterin unseres Reiches, siehst du das denn nicht.“
 
Für einen Moment betrachtete er sie mit seinen blauen Augen, die unter den halbgeschlossenen Lidern hervorblitzten. „Ja, das ist wohl offensichtlich“, befand er dann und verbeugte sich. „Tretet ein.“
 
Cynthia wurde voran geschoben, ihren Protest, daß sie diese Celia gar nicht war, sparte sie sich. Wer weiß, ob dieser seltsame Butler sie sonst rein gelassen hätte. Die kleine Frau und ihre Tochter blieben draußen und Cynthia sah sich neugierig um. Sie hatte schon oft Schlösser besichtigt, wenngleich keines dabei gewesen war, das noch bewohnt wurde. Von Prunk war hier nicht viel zu sehen, es gab zwar einen Teppichboden, doch der war keinesfalls ein handgewebtes Einzelstück sondern erinnerte sie an die Meterware bei IKEA. Sie mußte grinsend daran denken, daß auch Adlige nicht automatisch im Geld schwammen. So ein Schloß kostete sicher einiges im Unterhalt, da blieb für die Einrichtung nicht mehr viel übrig.
 
An den Wänden, die in zarten Pastelltönen gestrichen waren, hingen Gemälde, doch es war kein Bild dabei, das sie kannte. Das meiste waren Portraits, wohl die Vorfahren des Prinzen, außerdem gab es ein paar Landschaftsmotive und einige sehr hübsche Fantasy-Sachen wie Einhörner, Zauberer und Drachen.
 
„Kommt, der Prinz wartet bereits lange genug auf Euch“, forderte sie der Butler zu schnellerem Schritt auf.
 
Cynthia folgte ihm eine Treppe hinauf, die in einer halben Rundung zur oberen Etage führte. Das Geländer war aus golden angestrichenem Holz, wies allerdings kunstvolle Schnitzereien auf, die sie sich gern näher angesehen hätte. Nun, vielleicht gab es dafür ja später noch eine Gelegenheit.
 
Vor einer Eichentür blieb der Butler stehen, klopfte an und öffnete dann, ohne eine Bestätigung ab zu warten. „Herr, sie ist gekommen.“
 
Im nächsten Moment wurde Cynthia von einer starken Hand gepackt und in den Raum gezogen. Sie fand sich in einer Umarmung wieder und bekam dann einen Kuß auf die Lippen gedrückt. Der Überfall machte sie sprachlos und wahrscheinlich starrte sie den Prinzen ziemlich dumm an. Das war aber auch kein Wunder, so, wie der Butler absolut dem Klischee eines Butlers entsprach, sah dieser Prinz aus, wie direkt aus einem Märchenbuch gesprungen. Er war groß, mindestens 15cm größer als Cynthia, die mit ihren 1.76m wirklich nicht gerade klein war. Sein zurückgekämmtes Haar war dunkelbraun, die Augen ebenfalls. Seine Wangenknochen waren ausgeprägt, die Nase gerade und nicht zu dick, die Lippen eher schmal und sinnlich geschwungen, das Kinn aristokratisch-spitz. Doch all das paßte perfekt zusammen, wie auch der durchtrainierte schlanke Körper, der aussah wie von einem der knackigen männlichen Models, die in Werbespots Cola brachten. Nur daß dieses Prachtexemplar hier statt Jeans und engem T-Shirt eine weiße Rüschenbluse und dunkelrote Hosen trug. Himmel, so ein Mann nahm sie doch sonst nicht wahr! Cynthias Herzschlag beschleunigte sich und sie ertappte sich bei dem verrückten Wunsch, noch einmal geküßt werden zu wollen. Das war natürlich utopisch, wie ihr im gleichen Augenblick klar wurde, der Prinz hatte seinen Irrtum sicher inzwischen bemerkt. Sie lächelte ihn dennoch freundlich an.
 
„Celia“, flüsterte er. „Endlich bist du gekommen.“
 
Für eine winzige Sekunde spielte sie mit dem Gedanken, ihn in dem Glauben zu lassen seine Traumfrau zu sein. Doch sie war immer ehrlich gewesen in ihrem leben, log nicht und machte auch Verkäuferinnen darauf aufmerksam, wenn sie sich zu ihren Gunsten verrechnet hatten. „Es tut mir leid, ich bin nicht die, auf die Sie gewartet haben. Mein Name ist Cynthia und...“
 
Weiter kam sie nicht, denn er packte sie bei der Hand und zog sie mit sich. „Celia, du bist verwirrt, aber schau doch.“
 
Cynthia folgte mit den Augen seiner ausgestreckten Hand und riß erstaunt den Mund auf. Ihre Lippen formten lautlose Worte. Auf einer Staffelei war das fast fertige Portrait einer Frau zu sehen, die haargenau ihr Ebenbild war. Sogar die kleine widerspenstige Strähne, die Cynthia nie im Pferdeschwanz blieb, fiel der Frau in die Stirn. Und an den Wänden des Raumes entdeckte sie weitere Bilder, alle so naturgetreu, als hätte sie dafür Modell gestanden. Wie konnte das nur möglich sein, sie hatte diesen Mann vorher nie gesehen, noch gab es Fotografien von ihr in solchen Szenen, die er als Vorlage hätte genommen haben können. Sie war nie über einen Regenbogen gelaufen und hatte noch niemals ein Einhorn geritten. In ihrem Kopf begann sich alles zu drehen und sie glaubte, jeden Moment ohnmächtig zu werden.
 
Der Prinz bemerkte ihre Schwäche, legte fürsorglich die Arme um sie und führte sie rasch zu einem hölzernen Stuhl. „Bleib sitzen, ich hol dir was zu trinken.“
 
Cynthia konnte nur nicken und nahm mit zitternden Fingern das Glas Wasser an, das er ihr gab. „Danke.“
 
Der junge Mann nahm ihr gegenüber platz und lächelte sie an. Seine schönen Augen schimmerten besorgt. „Besser?“
 
„Ja, geht schon wieder.“ Cynthia zwang sich zu einem Lächeln und stellte das Glas auf den Tisch ab. Das fehlte gerade noch, das sie ihm hier vor die Füße fiel. Sie war noch nie einfach so ohnmächtig geworden und hatte die jungen Frauen stets belächelt, die bei Rockkonzerten in Gegenwart ihrer Idole das Bewußtsein verloren. „Ich glaube, wir müssen einiges klar stellen.“
 
„Aber es ist doch alles ganz klar, du bist endlich gekommen und mit deiner Kraft wird Ulisien neu erblühen.“
 
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin wirklich nicht diese Celia und von Ulisien habe ich nie vorher gehört.“
 
„Natürlich, du warst ja auch bisher noch nie real hier, nur in meinen Träumen und Visionen.“ Er deutete auf die Bilder. „Die habe ich alle gemalt.“
 
„Die sind wirklich schön“, sagte Cynthia. „Und ich gebe zu, daß mir die Frau darauf tatsächlich verblüffend ähnlich sieht. Aber das kann nur Zufall sein.“
 
„Nicht doch.“ Er ergriff ihre Hände. „Unsere telepathische Verbindung hat dich zu mir geführt. Celia, du bist die Frau meines Herzens, die einzige, die ich liebe.“
 
Was sollte sie da sagen? Dazu gab es momentan sowieso keine Möglichkeit, denn nun küßte er sie und diesmal war es ein langer, sehr zärtlicher Kuß, der ihr schier den Atem raubte und ihre Sinne vernebelte. Kein Wunder, schließlich traf Frau ja nicht jeden Tag mal eben einen Prinzen, der ihr erklärte, daß sie die Auserwählte war. So was war noch nicht mal Brigitte passiert und die hatte wahrlich schon genug seltsame Bekannte. Oft genug hatte sie versucht Cynthia mit einem dieser schrägen Typen zu verkuppeln, die mit gepiercten Augenbrauen ( und vermutlich auch Ringen durch andere, nicht  sichtbare Teile ) herumliefen und – wenn sie überhaupt einen Job hatten – als Tätowierer, Türsteher oder Discjockey arbeiteten. Sogar ein Kartenverkäufer von der Geisterbahn war mal dabei gewesen, der den Freundinnen einen ganzen Stapel Tickets geschenkt hatte, die Cynthia dann an die Kinder im Hochhaus verteilt hatte.
 
„Sie sind sehr nett“, begann Cynthia schließlich und holte tief Luft.
 
Er lächelte sie lieb an. „Warum denn so förmlich, mein Name ist Cedric.“
 
„Cedric“, wiederholte sie und ließ die einzelnen Buchstaben über ihre Zunge rollen. Der Klang gefiel ihr und der Name war selten. Sie hatte noch nie einen Träger dieses Namens persönlich getroffen. Die Männer, die Brigitte ihr vorstellte hießen meist Stephan, Sebastian, Michael oder Thomas, eben die üblichen Modenamen.
 
„Spürst du denn nicht die Kraft in dir und die telepathische Verbindung zu mir?“
 
Sie spürte durchaus was, aber das war weder kraftvoll noch telepathisch. Ihr Herzschlag raste nach wie vor und sie schien einen ganzen Schwarm Schmetterlinge verschluckt zu haben. „Ich habe keine großartigen Kräfte. Ich bin nur eine kleine Büroangestellte, mehr nicht.“
 
Heftig schüttelte er den Kopf. „Deine Verwirrung wird schon vergehen, komm.“
 
„Warte, wohin willst du denn?“ Doch ungeachtet ihres Protestes packte Cedric sie bei der Hand und zog sie mit sich.
 
Sie liefen einen langen Gang entlang, dessen Wände ebenfalls mit Bildern voll hingen. Cynthia wäre gern stehen geblieben um alles genau studieren zu können, doch so, wie Cedric rannte, sah sie kaum etwas von der Einrichtung. Einige Stufen ging es abwärts, durch eine schwere Eichenholztür hinaus in einen Garten. Wobei Garten stark untertrieben war, Park traf es eher. Hatte sie vorhin schon die Rosensträucher bewundert, kam sie hier gar nicht mehr aus dem Staunen heraus; Buchsbäumchen waren in kunstvolle Formen geschnitten, die grünen Gewächse bildeten Fische, Pferde und andere Tiere. Alle paar Meter standen Bäume von denen einige Blüten und andere Früchte trugen. Sie entdeckte leuchtend rote Kirschen, knackige Äpfel, appetitlich aussehende Pfirsiche und andere, die sie nicht kannte. Eine Mauer war nirgends zu erkennen, vermutlich erstreckte sich das Anwesen kilometerweit.
 
Cedric war endlich stehen geblieben und deutete auf einen der Bäume. „Du besitzt genügend magische Kraft, hol einen Apfel.“
 
Sie zuckte mit den Schultern, warum nicht. Das Obst sah reif und lecker aus, doch als sie auf den Baum zugehen wollte, hielt Cedric sie fest. „He, ich dachte, ich soll einen Apfel pflücken?“
 
„Ja, aber mit deinen magischen Fähigkeiten. Streck die Hand aus.“ Er hob ihren Arm in die gewünschte Position. „Ja, genau so und jetzt stell dir vor, daß der Apfel zu dir kommt.“
 
Cynthia wollte wiedersprechen, das war einfach zu verrückt. Doch ein Blick in sein attraktives Gesicht zeigte ihr, daß er es völlig ernst meinte und glaubte, was er sagte. Also hielt sie den Arm ausgestreckt und dachte daran, daß so ein Apfel jetzt genau richtig wäre.
 
Im  nächsten Moment wackele einer der Zweige und ein rotbackiger Apfel fiel herunter. Er fiel aber nur ein paar Zentimeter, dann flog er ein Stück hoch und schwebte dann auf direktem Wege zu ihr um in ihrer Hand zu landen.
 
Sofort untersuchte Cynthia die Frucht, irgendwie mußte da ein unsichtbarer Bindfaden dran gewesen sein, eine andere Erklärung gab es einfach nicht. Doch nirgends konnte sie Spuren einer solchen Manipulation entdecken. Sie schnupperte an dem Apfel, er roch, wie sie es gewohnt war, süß und fruchtig, war also echt und keine mit einem batteriebetriebenen Motor ausgestatte Attrappe. Bevor sie den letzten Beweis – in ihn zu beißen – antreten konnte, zog plötzlich dichter weißer Nebel auf. „Was ist denn jetzt los?“ wollte sie verblüfft wissen. Eben hatte doch noch die Sonne vom strahlend blauen Himmel geschienen, ihrem Stand nach zu urteilen war es früher Nachmittag.
 
Innerhalb von Sekunden wurde der Nebel so dicht, daß sie keinen Meter mehr weit sehen konnte und instinktiv griff sie nach Cedrics hand. Die weißen Schleier verschluckten die Bäume und verhinderten jegliche Orientierung.
 
„Das ist das Werk von Druban.“
 
„Druban?“ fragte Cynthia verständnislos. Sie hatte diesen Namen nie zuvor gehört.
 
„Ja, Druban ist ein finsterer Magier, der Ulisien schon seit langer Zeit terrorisiert. Du bist die einzige, die vermag ihn zu stoppen, Celia.“
 
„Wie denn?“ Himmel, was erwartete er denn von ihr? Weder war sie Celia, noch hatte sie magische Kräfte. Das mit dem Apfel hatte garantiert irgendeine plausible Erklärung.
 
„Mit deiner Stärke. Druban schickt fast jeden Tag seine Nebelschwaden über das Reich, verwirrt alle damit und entführt dann oft die Kinder des Waldvolkes.“
 
„Das ist Sache der Polizei“, sagte Cynthia. Mit einem Typen, der kleine Kinder entführte, wollte sie nichts zu tun haben. So einer war sicher noch zu ganz anderen Dingen fähig. Außerdem wußte sie ohnehin nicht, wie sie ihm beikommen sollte.
 
„So etwas gibt es hier nicht, außerdem könnten die nichts ausrichten gegen Druban. Er würde sie versteinern und dann genauso versklaven wie die Kinder.“ Fest drückte Cedric ihre Hand. „Bitte Celia, du bist die einzige, die ihn aufhalten kann.“
 
„Ich kann es ja mal versuchen“, sagte Cynthia und spürte ein mulmiges Gefühl in ihrer Magengegend. Sie war noch nie besonders mutig gewesen, selbst bei Videospielen waren ihr lustige Rennspiele am liebsten.
 
Cedric ging mit schnellen Schritten voran, Cynthia an der Hand. Wie er sich in dem dichten Nebel orientierte, blieb ihr verborgen. Aber vermutlich kannte er sein reich so genau, daß er sich auch in tiefster Dunkelheit zurecht gefunden hätte.
 
Sie hatten gerade einen sanften Hügel erklommen, da verschwand der Nebel genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war. Innerhalb von Sekunden strahlte die Sonne warm auf sie herab. Cynthia hörte ein Schluchzen und bemerkte wenige Schritte vor sich die Frau, die sie zum Schloß gebracht hatte. Vorsichtig berührte Cynthia sie an der Schulter. „Was ist passiert, warum weinen Sie?“
 
„Lavia“, stammelte sie und wurde von neuerlichem Schluchzen geschüttelt. „Druban hat Lavia, meine Tochter.“
 
„Wie schrecklich“, hauchte der Prinz in ehrlicher Ergriffenheit.
 
Fest packte die kleine Frau Cynthias Hände. „Bitte Celia, Ihr seid die einzige, die meiner geliebten Lavia jetzt noch helfen kann.“
 
„Wie können wir sie befreien?“ Hilfesuchend sah Cynthia zu Cedric.
 
„Wir müssen zu Drubans Schloß, komm.“ Er ging voran und Cynthia folgte. Die kleine Frau blieb zurück. Doch zwischen den Bäumen sah Cynthia immer wieder andere kleinwüchsige Menschen.
 
Schließlich ragte vor ihnen ein düsteres Schloß auf, bei dessen Anblick Cynthia eine Gänsehaut wuchs. Selbst die wenigen Bäume im Schloßgarten sahen dunkel und unheimlich aus. Ihre knorrigen Äste schienen jeden Moment nach ihnen greifen zu wollen. Das Gras zu ihren Füßen wuchs nur spärlich und an vielen Stellen war der Boden sumpfig.
 
„Das ist Drubans Schloß.“
 
„Wie kommen wir da rein?“ fragte Cynthia. Der Sumpf um das Gebäude herum schien unüberwindbar. Feine Nebelschwaden strichen darüber hinweg und an einigen Stellen blubberte bräunlicher Schlamm. Es hätte sie kein bißchen gewundert, Krokodile darin zu sehen.
 
„Nicht wir, du allein kannst über den Sumpf gehen. Meine Kraft reicht dafür nicht aus“, erklärte Cedric.
 
„Aber wie denn? Ich hab so was nie zuvor gemacht.“
 
„Du kannst es.“ Cedric zog sie an sich und küßte sie. „Ich liebe dich. Und jetzt geh und paß auf dich auf.“
 
Seine Worte trafen sie mitten ins Herz und in diesem Moment hätte sie alles getan, was er verlangte. „Wo sind die entführten Kinder?“
 
„Druban hält sie in einem verlies gefangen und läßt sie nur heraus zum arbeiten. Stundenlang müssen sie für ihn Körbe flechten und Teppiche knüpfen.“
 
Cynthia setzte zögernd einen Fuß auf den Sumpf und konzentrierte sich ganz fest darauf, nicht ein zu sinken. Tatsächlich trug der Schlamm ihr Gewicht, es war zwar eine reichlich wacklige Angelegenheit, doch sie kam mit trockenen Füßen am Eingang des Schlosses an. Sie drehte den Kopf, um über die Schulter nach Cedric zu sehen, damit er ihr weitere Anweisungen geben konnte. Doch die Gestalt des Prinzen war durch die Nebel des Sumpfes nur mehr als vager Schemen zu erkennen.
 
Die Tür war aus dunklem Holz und als Griff diente die Messingnachbildung eines Löwenkopfes mit aufgerissenem Maul. Sogar Zähne hatte es, ziemlich echt aussehende. Als Cynthia ihn betätigen wollte, schnappte das Maul nach ihr und rasch zog sie die Hand zurück.
 
„Dann eben nicht.“ Sie konzentrierte sich abermals und nach unendlich scheinenden Sekunden schwang die Tür knarrend von allein auf. Ohne zu zögern schlüpfte Cynthia hinein.
 
In der hohen Vorhalle saßen mindestens ein Dutzend Kinder und knüpften Teppiche. Bei ihrem erscheinen verharrten sie in ihrer Tätigkeit und starrten sie ehrfurchtsvoll an. „Celia!“ erklang es aus mehreren Kehlen und plötzlich jubelten die Kinder. Sie warfen ihre Werkzeuge achtlos zur Seite und umtanzten Cynthia lachend.
 
Nach wenigen Augenblicken erschien wie aus dem Nichts eine große dunkle Gestalt in der Halle. Der hagere Mann hatte ein knochiges, altersloses Gesicht mit tief in den Höhlen liegenden Augen. Sein langes Gewand schwang um ihn und anklagend streckte er eine dünne Hand nach Cynthia aus. „Wer wagt es?“
 
Cynthia hielt seinem Blick stand. „Ich bin Celia, die Retterin von Ulisien und ich werde diese Kinder jetzt mit mir nehmen. Und du wag es nie wieder einen Fuß in Prinz Cedrics Reich zu setzen oder gar eines der Kinder an zu rühren.“
 
Bei der Nennung des namens zuckte Druban zusammen und wirkte für einen winzigen Moment erschrocken. Dann streckte er auch die andere Hand in ihre Richtung. „Meine Macht ist größer als deine.“
 
Die Kinder hatten in ihrem Tanz inne gehalten, standen nun starr und schweigend um Cynthia herum. Sie spürte die in der Luft liegende Spannung, auch schien es plötzlich um etliche Grad kälter geworden zu sein. Sie schaltete alle anderen Gedanken weg und konzentrierte sich darauf, Druban zu vertreiben.
 
Die Luft zwischen ihnen begann zu flimmern und nach wenigen Sekunden schrie Druban plötzlich gellend auf. Er schleuderte mit einer Handbewegung einen Energieblitz in ihre Richtung und instinktiv duckte Cynthia sich.
 
Der Blitz schlug hinter ihr in die Wand ein, sprühte Funken, die aber rasch und ohne Spuren auf dem Boden oder der Wand zu hinterlassen verpufften.
 
Doch die Attacke hatte sie aus ihrer Konzentration gebracht und sie bemerkte erschrocken, daß Druban einen neuen Energieball zwischen seinen Händen formte. Bevor er aber dazu kam, den abzufeuern, schickte sie ihm ihre eigene Energie, nicht in Form eines Blitzes zwar, doch in einer bläulichen Welle, die stark genug war, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.
 
Der Energieblitz, der für Cynthia bestimmt war, glitt Druban aus den Händen und traf ihn beim Verpuffen selbst. Er fluchte laut und zornig in einer Cynthia unbekannten Sprache.
 
Bevor er sich erholt hatte, sandte sie ihm die nächste Welle, doch die brachte ihn nicht zum Schwanken.
 
„Deine Kräfte lassen nach, Celia“, lachte er. „Doch meine sind noch da und weit stärker. Gib auf, dann könnte ich mich überreden lassen, dir dein jämmerliches kleines Leben zu lassen.“
 
„Niemals“, keuchte Cynthia und hechtete zur Seite, um dem Energiestrahl aus zu weichen. Er streifte sie jedoch an der rechten Schulter und verursachte ein schmerzhaftes Brennen, das ihren ganzen Arm durchzog. Dann wurde ihre Hand taub, doch die linke war in bester Ordnung und damit schleuderte Cynthia nun ihrerseits Energie auf den Bösewicht.
 
Das sie getroffen hatte, sagte ihr sein ärgerlicher Aufschrei. „Du hast es nicht anders gewollt!“
 
Wieder schoß Energie in Form eines Strahles auf sie zu und diesmal war Cynthia nicht schnell genug. Der Blitz traf sie ein Stück unterhalb ihres Halses, ließ sie taumeln und verbissen kämpfte sie darum, auf den Beinen zu bleiben. Drubans Energie wurde schwächer, sonst hätte diese Attacke sie schlimm verletzen können. So aber spürte sie zwar ein Prickeln und kribbeln, doch es war noch nicht mal so stark wie eben, als der Blitz sie an der Schulter gestreift hatte.
 
Sie sammelte all ihre noch verbleibenden Kräfte zusammen und schickte sie in konzentrierter Energie zu Druban. Er schrie in einem das Trommelfell malträtierendem Ton auf, während seine dunkle Gestalt sich in tiefgraue Nebelschwaden verwandelte und verrauchte.
 
„Du hast es geschafft!“ jubelte ein kleines Mädchen neben ihr und Cynthia erkannte in ihr Lavia. „Wir sind frei und endlich können alle Bewohner Ulisiens wieder ohne Angst leben.“
 
Die Tür schwang auf und Cedric lief auf Cynthia zu, hob sie hoch und wirbelte sie herum. „Ich wußte, daß du die Kraft hast, Druban zu besiegen. Meine Celia, ich werde dich nie mehr gehen lassen. Mein Herz gehört dir und mein Reich lege ich dir zu Füßen."
 
Solche Angebote allein zu hören verursachten ihr weiche Knie. Wo auch immer sie hier herein geraten war, sie hatte nicht vor, so schnell wieder zu gehen. Sie küßte Cedric und fühlte sich in seiner zärtlichen Umarmung einfach wunderbar.
 
Der Prinz nahm sie mit auf sein Schloß, sie lernte das Waldvolk näher kennen, streichelte Cedrics zahmen Drachen und ritt auf den Einhörnern mit ihm zusammen durch vom Mond erhellte Nächte. Ihr Zeitgefühl hatte sie völlig verloren und es war ihr egal geworden, was in ihrer gewohnten Welt passierte. Sie dachte gar nicht mehr daran, dazu war sie viel zu abgelenkt durch die Abenteuer und Erlebnisse. Und natürlich durch Cedric, dessen Liebe sie mit ganzem Herzen erwiderte.
 
Doch lange hielt dieses Glück nicht an, denn plötzlich, sie stand gerade mit Cedric im Schloßgarten und sah den Schmetterlingen zu, schien sie zu stürzen und glaubte zuerst Druban wäre zurück gekehrt. Doch da waren nur bunte Wirbel, die sie verschlungen und mit sich zogen.
 
„Nein!“ schrie Cynthia und wollte nach Cedric greifen. Doch er war nicht mehr da und die Wirbel machten sie so schwindelig, daß sie die Augen schloß.
 
Erst als das eigenartige zerren und ziehen an ihren Gliedmaßen nach ließ, blinzelte sie. Sie nahm helles Licht wahr, doch diesmal kam es nicht von der Sonne, sondern von einer Deckenbeleuchtung. Sie lag in einem Bett und um sie herum waren Geräte, die monoton piepsten und mit ihr verbunden schienen.
 
Eindeutig ein Krankenhausbett, aber wie war sie nur hierher gelangt? Da bemerkte sie neben sich auf einem Stuhl sitzend einen jungen Mann. Er war dunkelhaarig mit sanften braunen Augen und aristokratischen Zügen. Ihr Herz klopfte freudig schneller. „Cedric.“
 
Er lächelte. „Nein, ich heiße Conrad.“
 
„Aber...“ Cynthia fehlten die Worte. „Sie sehen aus wie Prinz Cedric von Ulisien.“
 
Nun glitt ein Lächeln über das attraktive Gesicht. „Dann haben Sie mich also gehört?“
 
„Gehört?“ Jetzt verstand sie gar nichts mehr.
 
Er nickte. „Sie haben drei Wochen im Koma gelegen und ich habe Ihnen in dieser Zeit immer Geschichten erzählt, von Ulisien, einem Land, das ich erfunden habe. Ich mache hier im Krankenhaus gerade meinen Zivildienst als Pfleger. Nächsten Monat ist der beendet und dann möchte ich studieren. Aber am liebsten denke ich mir Geschichten aus und als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß Sie die langersehnte Heldin von Ulisien sind.“
 
„Celia“, sagte Cynthia.
 
„Ja. Oh ich bin so froh, daß du endlich aufgewacht bist.“ Er schlug sich vor den Mund. „Entschuldigen Sie.“
 
„Bleiben wir doch beim du“, meinte Cynthia lächelnd. Ob nun Cedric oder Conrad, der Mann verursachte ihr Herzklopfen.
 
„Gern.“ Sein Lächeln ließ ihr Herz noch viel schneller schlagen. „Cynthia. Oder lieber Celia?“
 
Sie ergriff seine Hand und zog ihn dann zu einem Kuß zu sich heran. „Ist mir völlig egal, mein Prinz.“
 
 
 
 
 
ENDE
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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