Silvia Pree

Eine Liebeserklärung der anderen Art

Wie lange kenn ich dich jetzt?
Genau genommen sind es noch nicht einmal zwei Jahre.
Als ich in diese Firma kam, in dieses schwindlige Call Center, in das ich gar nicht wollte.
Am zweiten Tag haben sie mich in deine Abteilung versetzt.
Und du warst mehr oder weniger mein Vorgesetzter.
Ich hab dich angesehen.
Unendlich lang und dünn warst du.
Mit einer großen Vorliebe für Fast Food…
Noch ziemlich jung bist du mir vorgekommen.
Aber du warst noch jünger als ich dachte.
Irgendwann hast du mir einmal verraten, dass ich dir anfangs ein wenig suspekt war.
Kein Wunder, ich fühlte mich nicht wohl.
Und ich war ja mehr oder weniger  zwangsweise da.
Aber ich musste auch über dich lachen.
Du warst dir die erste Zeit nie sicher, ob du mich duzen oder siezen sollst.
Es stimmt ja auch, ich bin einiges älter als du.
Wer weiß schon, wie eine vielleicht reagiert, wenn du sie so einfach duzt.
Aber du warst nett.
Das hab ich schnell gemerkt.
Obwohl ich nicht mehr sagen kann, wann genau der Funke übergesprungen ist.
Was heißt schon Funke…
Ich bin nicht in dich verliebt.
Was mich mit dir verbindet ist ganz was anderes…
Nämlich viel mehr…
Was haben wir gelacht.
„Gehustet“.
Geblödelt.
Und wenn ich zu keck war, hast du mir wieder die Telefonauskunft raufgeschaltet.
Aber nur für eine Minute.
Oder nicht viel mehr.
Denkwürdig war diese Zeit.
Und unsagbar schön.
Die Arbeit war hart.
Die Bezahlung war mies.
Wir hatten es alle nicht leicht.
Du kämpftest mit den Problemen einer ungewollten Liebesgeschichte.
Ich kämpfte mit den Folgen einer unglücklichen Liebesgeschichte.
Du hast mich aufgezogen deswegen.
Und trotzdem gleichzeitig auch getröstet.
Als du in eine andere Abteilung versetzt worden bist, war das im Grunde nicht so schlimm.
Du warst ja trotzdem immer da.
Schlimm jener Tag im Jänner, als du von mir erfahren musstest, dass du gekündigt wirst.
Ich dachte, du wusstest es schon.
Ich fühlte mich so schuldig.
Und dann warst du auf einmal weg aus meinem Leben.
Auf SMS oder Emails hast du nicht reagiert.
Dir ging es nicht gut, hast du mir später erzählt.
Das Lachen verschwand jedenfalls aus meinem Alltag.
Denn du warst das Lachen gewesen.
Oder zumindest ein wichtiger Teil davon.
Bist du wieder da warst.
So plötzlich, als wärst du nie weg gewesen.
Anruf genügt…
Wir gingen ins Kino.
Wir schrieben viele Emails, die ich teilweise an meinen Wänden verewigte.
Du warst da für mich.
Und vielleicht war ich auch ein wenig da für dich.
Soll einer noch gegen die modernen elektronischen Medien schimpfen!
Sie geben uns alle Möglichkeiten, miteinander zu lachen und zu scherzen.
Oft stundenlang.
Wem verzeih ich es sonst, wenn er mir nach 23:00 Uhr eine SMS schickt!
Und wie oft hast du angerufen und mein Handy war wieder irgendwo.
Aber meistens sind wir doch irgendwie zusammengekommen.
Blöde Geschichte im Dezember.
Da hab ich mal den Mund zu voll genommen.
Asche über mein Haupt.
Du warst ziemlich sauer auf mich…
Aber wer war das damals nicht…
Schlechte Phase.
Aber von meiner Astrologie hast du nie was gehalten.
Gott sei Dank warst du nicht lange böse.
Und du bist halt auch besonnener als ich.
Obwohl du so jung bist.
Was täte ich ohne dich…!
Aber witzigerweise sagst du von mir auch immer dasselbe.
Wir schenken uns gegenseitig die größte Wertschätzung.
Umschmeicheln uns mit Kosewörtern.
Und dabei lieben wir uns gar nicht.
Nicht im herkömmlichen Sinn.
Im Grunde grasen wir im selben Revier.
Und fast, glaub ich, wollen wir in gewisser Weise gar nicht ohne einander sein.
Mein lieber, „kleiner“ Bruder.
Ich bin so froh, dass es dich gibt…
Für C. A.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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