Debabrata Mukherjee

Bloß wenn das Lendentuch nicht da gewesen wäre!

Eigentlich wollte er nicht mehr zu Hause bleiben. Weder wollte er eine Familie gründen, noch wollte er später viele Kinder haben. Ja, er hatte etwas Besonderes vor. Er wollte Mönch werden und wie ein Asket leben. Irgendwo in den Bergen. Ein Mönch ohne jegliche religiöse Bindung. Er zog sein Hemd und seine Hose aus und verließ barfuss das Haus, ohne sich von den Eltern und den Freunden verabschiedet zu haben, weil er Angst hatte, jemand hätte ihn doch zum Bleiben überreden können.  
 
Er verließ also sein Elternhaus und marschierte zu Fuß in Richtung Norden. Er ernährte sich vom Obst von den Bäumen, die seinen Weg säumten. Eines Tages erreichte er den Wald am Fuß des Himalaya-Gebirges. Der Wald gefiel ihm sehr gut. Ganz ungestört und weit weg von dem Rummel und Getümmel der Zivilisation wollte er an einem einsamen Ort meditieren, um die Erlösung zu finden. Aber zuerst wollte er sich von den Strapazen der Wanderung erholen, die er auf sich genommen hatte. Er ging zu einem Wasserfall und reinigte sich und sein Lendentuch, das er danach an einem Baum zum Trocknen spannte. Dann legte er sich nackt zum Schlafen hin.  
 
Er erwachte, weil es angefangen hatte zu gießen. Er suchte im Wald breite Palmenblätter und flocht damit ein Schutzdach. Um das Dach zu decken brauchte er vier Stützpfeiler, die er aus Bambus anfertigte. Erst dann merkte er, dass Mäuse ein Viertel seines Lendentuches gefressen hatten. Am nächsten Tag ging er in das nahegelegene Dorf und brachte eine Katze mit, die das Lendentuch vor Mäusen schützen sollte. Er wusste leider nicht, dass die Katzen, die nicht jeden Tag eine richtige Mahlzeit kriegen, wenig Lust haben, Mäuse zu fangen. Er holte vom Wald verschiedene Obstsorten. Aber die Katzen fressen kein Obst. Auch notgedrungen nicht. Er war deswegen gezwungen, Milch für die Katze zu besorgen. Es gab leider im Wald keine Molkerei, wo er jeden Tag frische Milch hätte kaufen können. Um der Katze willen, sah er sich genötigt, die tägliche Milchversorgung abzusichern. Ihm blieb nichts anderes übrig, als eine ganze Kuh zu kaufen. Er brachte einen Korb voll mit Obst, das er im Wald gesammelt hatte zum Wochenmarkt und tauschte ihn gegen eine Kuh.  
 
Mühselig baute er für die Kuh einen Stall. Tagsüber ließ er die Kuh im Wald grasen. Er dachte: <Es wäre nicht schlecht, wenn ich doch noch jemanden hätte, der auf die Kuh und die Katze aufpassen könnte. Dann hätte ich mehr Zeit zu meditieren.> Gedacht, getan! Der Junge, den er mit der Aufgabe betraut hatte, war die Stille des Waldes nicht gewöhnt. Am nächsten Morgen sagte er zu seinem Herrn: “Ich habe sehr viel Angst, ganz alleine hier zu sein. Wenn es hier doch einen Wachhund geben würde!”  
 
Im Laufe der Zeit rodete er mit Hilfe des Jungen ein schönes Stück Wald und baute Weizen und verschiedenes Gemüse an. Da die Katze ab und zu auch Appetit auf Fisch hatte, wurde in der Nähe der Hütte ein kleiner Teich angelegt. Eines Tages merkte er, dass sein Viehbestand bald Nachwuchs bekommen würde. Der Bulle, den er hauptsächlich zur Nutzung bei der Landwirtschaft geholt hatte, wollte in seiner Freizeit die Kuh nicht lange im Stich lassen. Der Junge freute sich sehr, das Kalb pflegen zu dürfen. Der Herr dachte rechtzeitig an den anrückenden Winter. Er dachte: <Alle brauchen warme Kleider und warme Unterkunft. > Er ging in die Stadt und besorgte alles. Und weil er alles auf einmal nicht tragen konnte, schaffte er gleich einen Karren an. Eines Tages ging ein Rad des Karrens kaputt und er konnte die Herbsternte nicht zur Scheune bringen. So schnell wie möglich musste das Rad repariert werden. Dafür hätte er passende Werkzeuge gebraucht. Es wäre keine schlechte Idee gewesen, gleich ein paar Ersatzräder zu kaufen. Als er im Begriff war, sich auf den Weg zu machen, kam der Junge auf ihn zugerannt. Er fragte ihn, ob er sich nicht geniere, so gekleidet in die Stadt zu gehen. Warum er kein richtiges Kleid anziehe? Ohne auf seine Frage geantwortet zu haben, ging er sprachlos fort.  
 
Gegen Abend kam der Herr wieder zurück, mit Werkzeugen und Kleidern. Da es im Wald in der Nacht sehr dunkel war, brachte er ein paar Öllampen mit. Diesmal kam er von der Stadt nicht alleine zurück. Eine Frau begleitete ihn. Der Haushalt müsste auf jeden Fall reibungslos weiterlaufen. Und eine Frau gehört dazu.  
 
Bald bekam er Besuch von den Landvermessern, die genau wissen wollten, auf wessen Landbesitz er sich niedergelassen hatte. Der Wald gehörte niemandem. Er sagte denen, wenn dieser Wald Privatbesitz wäre, würde er sich hier nicht niederlassen. Das geht aber keinesfalls, meinten die Landvermesser. Er muss etwas besitzen, um sich überhaupt irgendwo niederlassen zu dürfen. So ist halt das Gesetz des Landes. Also, seine Ruhe war hin. Aus Platzmangel wollten die Städter schon lange irgendwohin. Er hat denen einen großen Gefallen getan, indem er den Wald in eine Wohnsiedlung umgewandelt hatte.  
 
Eigentlich wollte er Mönch werden. Aber die Mäuse haben seinen Plan total vermasselt.
 
 

Einer suchte Ruhe und ergriff die Flucht von der heutigen Gesellschaft. Aber in der Einsamkeit verlor er dennoch die Ruhe.Debabrata Mukherjee, Anmerkung zur Geschichte

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