Torsten Houben

Unsterbliche Liebe

 
Verstört sah Tristan auf den blutigen Hals der Toten. Was war da über ihn gekommen? Hatte wirklich er das getan? Er hatte sie doch geliebt! Seine Marianne. Seine Geliebte. Sein Leben. Nun lag sie da, bleich, leblos, mit aufgerissener Kehle. Der junge Mann war fassungslos. Unfähig sich zu rühren lauschte er in die Stille der Nacht. Schritte näherten sich. Jemand kam, wahrscheinlich angelockt vom Schrei der Frau, die Treppe herauf. Tristan schüttelte die Starre von sich ab, sprang auf und kroch geschmeidig wie eine Katze unter das Bett, wo er den Atem anhielt. Er hörte, wie sich die Tür geöffnet wurde und das flackernde Licht eines Kerzenleuchters fiel in den Raum.
„Marianne? Ist alles in Ordnung?“, vernahm Tristan eine heisere Stimme. Dann waren wieder Schritte zu hören. Die Schuhspitzen des Mannes berührten beinahe Tristans Arm, als er an das Bett herantrat. Der Kerzenleuchter polterte zu Boden und das warme Licht erlosch. Gleichzeitig wurden Tristans Ohren das zweite Mal in dieser Nacht von einem Schrei gequält. Der Mann stürzte aus dem Zimmer und rief etwas von „Mord“ und „Hilfe“. Tristan wagte sich vorsichtig aus seinem Versteck. Sie würden ihn suchen. Die Pfarrerstochter hatte ihn ihrem Vater bereits einmal vorgestellt – vor einer Woche, als Tristan noch zu den Lebenden gehörte. Vermutlich dachte sich der Geistliche bereits, wer Marianne das Leben genommen hatte. Tristan hatte nicht gewusst, welche Mächte in ihm schlummerten sonst hätte er seine Geliebte nicht besucht. Nicht gerade in dieser Nacht, in der die Blutgier ausbrach. Der Kuß der Prostituierten hatte damals ungewohnt weh getan und blutete, aber wie konnte er auch nur ahnen, dass dieses blasse Mädchen eine Tochter der Nacht war? Als er noch Mensch war, hatte Tristan oft von den Legenden über die nächtlichen Besucher gehört. Doch er hielt sie für Fantasie. Nun wusste er es besser. Seine neuen Instinkte eröffneten ihm mehrere Möglichkeiten zur Flucht. Er entschied sich für das geöffnete Fenster. Die Gestaltwandlung vollzog sich wie von selbst und die Menschen, die sich um das Pfarrhaus herum versammelt hatten, schenkten der großen Fledermaus, die davonflog, keine Aufmerksamkeit.


Eine bleierne Müdigkeit überkam Tristan, als die ersten Sonnenstrahlen die Dunkelheit erhellten. Es tat seinen Augen weh, doch er wollte noch einmal einen Sonnenaufgang erblicken, bevor er endgültig zum Volk der Vampire gehörte. Die Wandlung vollzog sich langsamer, als er gedacht hatte. Noch waren viele menschliche Sorgen und Ängste in ihm. Doch das würde vergehen und er würde Menschen nur noch als Nahrungsquelle ansehen. So hatte Lola es ihm erklärt – seine Erzeugerin. Der junge Vampir hatte Angst davor. Angst die letzten Reste Menschlichkeit zu verlieren. Angst nie mehr lieben zu können, nie mehr zu weinen, nie mehr zu lachen. Panik überfiel ihn. So gerne wäre er geflohen. Doch ein Schritt ins Sonnenlicht wäre sein Untergang gewesen.
Ein Schatten fiel auf ihn, als die Wölfin im Eingang der uralten Friedhofskapelle erschien und sich außer Atem zu seinen Füßen legte.
„Das war knapp Lola. Wo warst du so lange?“
Die Wölfin nahm menschliche Gestalt an, erhob sich und suchte Schutz im Dunkel der Kapelle.
„Man hat mich verfolgt. Männer mit Mistgabeln und Sensen. Das halbe Dorf war hinter mir her und ich musste einige Umwege in Kauf nehmen.“
„Du solltest eine harmlosere Gestalt benutzen, als die eines Wolfes.“, meine Tristen besorgt.
„Sie wissen es. Sie wissen, dass ich kein Wolf bin. Man rief ‚Haltet den Mörder’ und ‚Rächt Marianne’.“
„Dann halten sie dich also für den Mörder?“
„Was weißt du darüber?“
Tristan erzählte ihr von seinem ersten Mal. Der erste Biß, sein erstes Töten.
„Ich habe die Frau die ich liebe gemordet.“
Lola spuckte verächtlich auf den Boden.
„Liebe gibt es für uns nicht. Wir lieben nicht und wir werden nicht geliebt.“
„Aber du bietest dich den Menschen zur körperlichen Liebe an.“
„Das ist nur ein Trick. Ich spiele die Dirne, um Freier die ich betört habe zu benutzen. So wie dich vor ein paar Tagen. Bevor die Herren aufdringlich werden können, lasse ich sie meine Fänge spüren.“ Sie leckte sich über die Lippen.
„Aber mich hast du nicht getötet. Warum?“
„Du bist was Besonderes. Ich...ich...“
„Du“, Tristan zögerte es auszusprechen, „magst mich?“
„Ich mag niemanden, verdammt! Ich bin ein Vampir, ein Dämon ohne Gefühle.“
„Du fühlst Haß und Wut.“
Lola antwortete nicht. Sie öffnete die Falltür im Boden und glitt hinunter in die Gruft um zu schlafen. Tristan blieb zurück und sah in die Sonne, bis seine Augen brannten und seine Haut juckte. Zeit für ihn, jetzt ebenfalls zu ruhen. Mit dem Kopf voller Gedanken zog er sich zurück.


Lola fühlte sich nicht erholt, als sie aus der Totenstarre erwachte. Die Ereignisse der vorhergehenden Nacht hatten die Erinnerungen an ihre Vergangenheit aus der Tiefe ihres Bewusstseins zurück an die Oberfläche geholt. Sie erhob sich aus ihrem Sarg uns trat herüber zu Tristans Ruhestätte. Der Neugeborene – ihr Sohn, wenn man so wollte – schlief noch tief. Die fahle Haut und die schmalen Gesichtszüge verliehen seinem Aussehen etwas aristokratisches, obwohl er als Mensch nur ein einfacher Schustergeselle gewesen war. Die Vampirin legte die Hand an seine Wange und strich ihm übers Haar.
„Glaub mir, es ist besser, wenn du nicht alles weißt. Ich verstehe dein Leid so gut. Liebe ist grausam. Du darfst nicht lieben. Nie mehr.“
Sie zog ihre Hand zurück. War sie nicht selbst dabei, sich zu verlieben? Geschmeidig wie eine Katze stieg sie aus der Gruft, trat ins Mondlicht und schwebte als Fledermaus davon, um sich durch das Blut anderer hübscher Männer Ablenkung zu verschaffen.


In seinem Sarg holte Tristan tief Luft und öffnete die Augen. Wie gut es gewesen war, sich schlafend zu stellen. Was mag Lola nur widerfahren sein, dass sie so über das schönste Gefühl der Welt spricht? Ihre kalte Hand auf seiner Haut fühlte sich so anders an, als die warmen, zärtlichen Berührungen Mariannes. Marianne. Es tat ihm einen Stich ins Herz, wenn er an sie dachte. Wie gern hätte er sich der Stadtwache gestellt, um seine Schuld zu sühnen. Doch war sein untotes Dasein nicht bereits Strafe genug?


Die beiden Vampire erwachten. Es war noch heller Tag, doch die Unruhe hatte sie aufgeweckt. Stimmengewirr drang vom Gottesacker zu ihnen herab. Tristan erkannte die tränenerstickte Stimme des Pfarrers, der die Grabrede für seine eigene Tochter halten musste. Wie es schien wurde Marianne in unmittelbarer Nähe beigesetzt. Nur ein kleiner Blick. Die Sonne war von Wolken verhangen und konnte ihm keinen großen Schaden zufügen. Er sah durch eines der bunten, mit Spinnweben überzogenen Fenster der Kapelle und beobachtete, wie Mariannes Sarg in die Erde versenkt wurde.
„Es bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Doch die Liebe ist das Größte von allen.“, hörte Tristan den Pfarrer sagen.
„Liebe ist das Größte von allen.“, wiederholte der Vampir.
„Liebe ist etwas für große Schwachköpfe!“
Lola zog Tristan grob in die Dunkelheit der Kapelle zurück.
„Bist du wahnsinnig? Es ist heller Tag!“, schimpfte sie.
„Die Sonne hat sich verdunkelt. Sogar der Himmel trauert heute.“
„Komm, legen wir uns wieder schlafen.“
Lola kletterte in die Gruft und hielt die Falltüre für Tristan offen.
„Komm jetzt!“, rief sie im Befehlston.
Am Abend beugte sich die Vampirfrau sanft lächelnd über Tristan, der sich erneut schlafend stellte. Wie verführerisch seine Lippen lockten. Sie strich ihm über das Haar und als habe sie etwas Entsetzliches getan, zog sie die Hand plötzlich zurück.
„Ich will dich nicht lieben, aber ich kann nicht anders.“, flüsterte sie.
„Ich war nicht immer so. Als Mensch war ich die Tochter eines Grafen und hatte viele Freier. Doch nur einen liebte ich wirklich. Er war gebildet, hübsch und liebevoll. Aber er musste sterben. Er küsste meine Magd. Ich habe es beobachtet. Es tat so weh – so weh.“
Diesmal war es die Gestalt des zähnefletschenden Wolfes, in der Lola auf die Jagd ging. Tristan, immer noch mit geschlossenen Augen, konnte nicht glauben, was er da soeben gehört hatte. Lola liebte ihn. Ihn aber gruselte es, wenn sie ihn mit der kalten, bleichen Hand berührte und mit ihrer monotonen, dumpfen Stimme sprach. Sie war seine Führerin im Reich der Untoten und nur aus diesem Grunde, war er noch nicht geflohen. Tristan wich in dieser Nacht nicht von Mariannes Grab. Den Nachtwächter, der ihn beobachtete und dann aufgeregt ins Dorf zurücklief, bemerkte er nicht.


„Geliebter, zwanzig Jahre ist es nun her, dass ich meinem Joseph den Dolch ins Herz stieß. Meine Familie verstieß mich, verriet meine Tat aber nicht und ich konnte in die Fremde gehen. Dort schlug ich mich als Dirne durch. Ich sah keine andere Möglichkeit zu Überleben. Dann lernte ich Maximilian kennen. Er wurde ein Stammfreier. Sein Körper strahlte nie die Wärme meiner anderen Freier aus. Ich wunderte mich nie darüber. Dann kam der Tag, an dem er mich fragte, ob ich seine Braut werden wolle. Er war ein Edelmann und ich sah meine Chance aus dem Elend zu entkommen. Ich willigte ein. Statt mir einen Ring an den Finger zu stecken, grub er zwei spitze Zähne in meinen Hals. So wurde ich die, die ich bis heute bin. Im Jahr darauf kehrte Maximilian von einer Jagd nicht zurück. Ich sah ihn nie wieder.“
Lola erzählte all dies dem jungen Vampir in seinem Sarg. Tristan fiel es schwer, das ruhige Atmen eines Ruhenden zu imitieren. Die Gefühle tobten in ihm. Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, bis seine Seele zerbricht? Wie an jedem der letzten Sonnenuntergänge, ließ Lola ihn allein zurück.
Es war Vollmond in jener Nacht und der Friedhof war in kühles Licht getaucht. Tristan ging hinüber zu Mariannes Grab und mit dem Zeigefinger zeichnete er die Furchen ihres Namens auf dem schlichten Grabstein nach. Der Steinmetz hatte den Granit mit einem kleinen Engel, der die Hände zum Gebet gefaltet hatte, verziert. Ja das war sie, dachte Tristan, ein Engel.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Noch immer waren die Dorfbewohner auf der Suche nach dem Mörder. Doch es waren keine Schritte die er hörte. Ein Scharren und das Kratzen von Fingernägeln über Holz war zu vernehmen und er bildete sich ein, dass auch eine Art Stöhnen dazukam. Die Augen des Vampirs waren sehr gut und dennoch traute er seinen Sinnen nicht, als die Erde auf dem Grab sich bewegte. Störten Wühlmäuse oder ein Maulwurf Mariannes letzte Ruhe? Tristan trat die aufgeworfene Erde wieder fest, da brach sie an der anderen Seite auf und als wüchse eine skurrile Pflanze aus dem Grab, brach ein Arm aus dem Boden und die Faust daran öffnete sich wie die Blüte einer Blume. Der Vampir erkannt den Ring am Finger der Hand. Marianne! Sie lebte! Sie war dabei sich mit übermenschlicher Anstrengung zu befreien. Tristan grub mit bloßen Händen, um seiner Geliebten zu helfen. Der zweite Arm kam zum Vorschein, Tristan ergriff beide Hände und zog. Doch welch grausamer Anblick bot sich seinen Augen. In Mariannes Haar hingen Erdklumpen, das Totenhemd, welches sie trug, war zerrissen und ihr früher einmal so hübsches Gesicht war entstellt. Die Augen waren eingesunken, ihre Wangen waren hohl und ihr Mund zu einem Grinsen verzogen, das den Blick auf lange Eckzähne freigab.
„Ich bin erwacht.“, sagte sie und streckte die Arme aus. „Komm zu mir. Komm zu deiner Marianne.“
Sie trat auf ihn zu.
„Bleib wo du bist! Du bist nicht meine Liebste. Du bist die Braut des Satans!“, rief Tristan in Panik, doch die Schrecken sollten noch kein Ende nehmen.
„Beruhige dich.“ Lola tauchte wie aus dem Nichts auf. Sie war nicht allein. In ihren Armen hielt sie ein etwa dreijähriges Kind.
„Auch du warst einmal in diesem Zustand zwischen dem Dasein als Kind der Nacht und dem Tode. Sie muß trinken, dann erholt sie sich schnell.“
„Du willst ihr doch nicht das Kind geben? Warum hast du es hergebracht? Woher wusstest du...?“
Lola lächelte und mit ihrem schwebenden Gang kam sie näher.
„Ich wollte dir den Jungen schenken, aber deine Freundin braucht sein Blut dringender, so wie es aussieht.“
„Du bist grausam!“
„Ich bin ein Vampir! Tristan vergiß endlich das menschliche in dir! Tristan den Schuster gibt es nicht mehr. Du bist jetzt Tristan der Dämon. Du gehörst zu mir! Ich kann ohne dich nicht leben.“
„Leben nennst du das hier? Wir müssen uns verstecken, man fürchtet uns, wir müssen morden um unser jämmerliches Dasein aufrecht zu erhalten. Und das nennst du leben?“
„Gemeinsam können wir alles schaffen. Tristan, ich habe es unterdrückt. Ich habe es dir nie gesagt, aber...“
„Doch das hast du. Die letzten Nächte hast du mir deinen Geschichte und deine Gefühle gebeichtet. Ich habe nicht geschlafen, Lola.“
Die Vampirin legte das noch immer ohnmächtige Kind vorsichtig auf den Boden und warf sich Tristan in die Arme.
„Dann weißt du wie sehr ich dich liebe! Ich flehe dich an. Werde mein Gefährte. Die da,“, sagte sie mit einem Nicken in Mariannes Richtung, „kann unsere Dienerin sein. Noch ist sie kein richtiger Vampir. Wir könnten sie auch als einfache Untote zur Sklavin machen und wir beide, Tristan, du und ich, wir...“
Eine schallende Ohrfeige brachte sie zum Schweigen.
„Lola halt den Mund! Ich liebe dich nicht und du kannst mich nicht zu einem Gefühl zwingen, dass nicht zu mir gehört. Du hast mich belogen. Du hast gesagt wir hätten keine Gefühle. Dabei wirst du selbst gerade von ihnen überwältigt. Ich gehöre zu Marianne und das wird sich nicht ändern.“
„Sieh sie dir an, deine Marianne.“, rief Lola zornig.
Die dürre, schmierige Gestalt des Wesens, dass einmal Marianne war, hatte sich während des Streits neben dem Kleinkind auf den Boden gehockt und nun hörte man ein Schmatzen, Schlürfen und das grausige Geräusch von brechenden Knochen. Tristan wurde übel und er wandte sich von dem schrecklichen Bild ab. Marianne trank nicht nur das Blut des Jungen. Sie fraß sich regelrecht in seinen Körper hinein.
„Da siehst du, was du geschaffen hast.“, fauchte Lola. „Werde glücklich mit ihr.“
„Jetzt geht es mir besser.“, hörte Tristan Marianne sagen. Und diesmal war es die gewohnte sanfte Stimme seiner Geliebten. Durch das Blut des Kindes war das Rot ihrer Lippen und der Glanz ihrer Augen zurückgekehrt. Fast schien es Tristan, als sei sie schöner als jemals zuvor.
„Bitte verzeih mir, aber ich musste es tun. Für uns. Du magst mich doch auch lieber so und nicht als Gestalt aus dem Grab oder?“
„Marianne!“, Tristan nahm sie in die Arme und sie verschmolzen in einem leidenschaftlichen Kuß.


„Da! Seht! Diese Monster! Sie haben Benjamin zerrissen! Tötet sie! Fangt sie! Rächten wir uns!“, rief die Schar der Männer aus dem Dorf durcheinander. Sie waren überall. Die Vampire waren eingekreist.
„Was machen wir jetzt? Es sind zu viele. Wir haben keine Chance.“, Marianne klammerte sich Schutz suchend an ihren Verlobten.
„Gewehre, Forken und Messer können uns zwar verletzen, aber nicht vernichten. Hab keine Angst.“, tröstete er.
„Das sind Vampire! Seht ihre lange Zähne!“, rief ein kleiner, dicker Mann mit grauen Haaren den anderen zu. Tristan erkannte in ihm den Apotheker des Ortes. „Wir müssen die Untoten pfählen. Hebt auch eure Kruzifixe zum Schutz!“
Tristan taumelte. Nun war alles aus. Die Horde der aufgebrachten Dorfbewohner setzte sich zwar vorsichtig, aber entschlossen in Bewegung und zog den Kreis enger. Das Metall der Messer und Sensen blinkte im Schein ihrer Fackeln. Wer keine Waffen zu Hause gehabt hatte, der trug eine Schaufel, Forke oder sonst ein Gerät bei sich, mit dem man erhebliche Verletzungen beibringen konnte. Nun drehten die Männer die Werkzeuge um und richteten die Holzstiele auf die Vampire. Wer eines bei sich trug hob ein Kruzifix hoch und hielt es sich in Halshöhe vor den Körper. Die wenigen Frauen, die unter ihnen waren, baten die Mutter Gottes um Hilfe.
„Ich lasse nicht zu, dass sie dir etwas antun. Auf mein Zeichen flieht ihr!“, sagte Lola leise.
„Was hast du vor?“
„Laß mich nur machen.“
„Lola, ich will nicht, dass du dich meinetwegen in Gefahr bringst.“
„Und ich will nicht, dass dir etwas zustößt. Tristan, ich weiß du gehörst zu Marianne, aber ich liebe dich. Es hätte so schön werden können mit uns beiden. Vergiß nie, dass Lola dich geliebt hat!“
Mit diesen Worten drückte sie Tristan einen flüchtigen Kuß auf die Wange, fuhr ihm durch das Haar, wie sie es häufig getan hatte, bevor er aufwachte, und rief dann: „Jetzt!“
Blitzschnell verwandelte sie sich in die Wölfin und sprang mitten unter die Schar der Dorfbewohner, die sich sofort auf sie stürzten. Tristan war unfähig sich zu rühren. Er starrte auf den Tierkörper, der unter den schweren Stiefeln der Männer zertrampelt wurde. Jemand hob eine Axt, doch Tristan konnte inmitten des tobenden Mobs nicht mehr sehen, wie sie niedersank und ihr brutales Werk verrichtete. Marianne fasste ihn an den Schultern und rüttelte ihn auf.
„Wir müssen fort von hier. Bitte! Gib die Hoffnung nicht auf. Tristan! Bitte! Ich glaube daran, daß alles gut wird.“
Hoffnung? Glaube? Was blieb waren Glaube, Liebe und Hoffnung.
„Doch die Liebe ist das Größte von allen.“, flüstere Tristan.
Er nahm die Gestalt einer Fledermaus an und Marianne tat es ihm gleich. Seite an Seite segelten sie über den Köpfen der Dorfbewohner hinweg einem ungewissen untoten Dasein entgegen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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