Claudia Lichtenwald

Generationen

Hör mir zu, ich muß dich erinnern.
Ich muß dich erinnern, denn ich habe dich beobachtet: Ich befürchte, du hast sie vergessen.

Ich sah den Glanz in deinen Augen während ich dir zugesehen habe. Du warst so hingebungsvoll in dein Spiel vertieft, dass ich es nicht übers Herz brachte, dich zu stören.
Du warst so glücklich wenn dir etwas gelang. Du hast gelacht und ich habe mich mit dir gefreut - jedes meiner Wort hätte dein Lachen Verstummen lassen.
Deshalb habe ich geschwiegen.
Ich sah dich aber auch weinen. Ich habe dich dann getröstet, und dachte: Es ist nicht der richtige Moment dich zu erinnern, wenn du so traurig bist.
Immer sah ich dich geschäftig das ein oder andere Ziel verfolgen. Ich wollte dich in deinem Tun nicht unterbrechen, denn ich wollte dir die Gelegenheit geben, dein Werk zu vollenden.

Ich habe dir lange zugesehen. Nun bin ich mir sicher: Du hast sie ganz einfach vergessen. Es muß so sein, es ist die einzige Erklärung.
Doch sie sind dicht hinter dir und es sind viele.
Sie folgen dir so unvermeidlich wie die Nacht dem Tag folgt und mit jedem Tag wird der Abstand zwischen euch geringer, du kannst es nicht vermeiden, denn je schneller du gehst, desto näher kommen sie.
Glaub mir wenn ich dir sage: Du kannst sie nicht abhängen, so sehr du dich auch bemühen wirst.
Sie durchschwimmen mit dir den wildesten Ozean und überqueren gemeinsam mit dir das felsigste Gebirge.
Und wenn du durchs Feuer gehst, werden sie dir auch dort hinein folgen.
Dennoch wirst du sie nie kennenlernen können, denn Sie kommen um deinen Platz einzunehmen.
Sie haben keine Wahl.
Sie folgen dem Ruf, dem auch du gefolgt bist, er ist lauter als dein Geschrei, so durchdringend es auch sein mag.
Das ist der Lauf der Dinge.
Sie kennen deinen Weg genau, denn sie lesen deine Spuren.

5.5.05

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