Carola Kickers

Montagmorgen


Das Wochenende war wieder einmal herrlich, aber viel zu kurz gewesen. Klaus Berger war Kaufmannslehrling im dritten Lehrjahr, der den anstrengenden Dienst mit derselben Freudigkeit erfüllte, wie er es auch nicht verschmähte, sich gelegentlich an einem Tanzvergnügen zu beteiligen. Und gestern Abend hatte er wieder einmal so etwas mitgemacht.
 
Klaus Berger sah noch kurz in den Spiegel und nickte seinem Spiegelbild zu. „Dann wollen wir mal wieder!“
 
Plötzlich horchte er auf. Von der nahen Kirchturmuhr waren drei dumpfe Schläge zu ihm herüber geklungen. Viertel vor sieben! Stimmte das? – Ja, zum Donnerwetter, dann ging ja seine Uhr nach! Dann hieß es sich aber sputen!
 
In zwei Minuten fuhr sein Zug. Den musste er erreichen, sonst…?
 
Schon lief er die Treppe hinunter, drei, vier Stufen auf einmal nehmend. Da! Schon rutschte er die letzte der frisch geputzten Treppe hinunter. Ja, Junge, das hättest du wohl nie gedacht, dass die Stufen so harte und scharfe Kanten haben! – Aber schnell aufgerafft und die Haustüre aufgerissen! –
 
Was ist das denn schon wieder?
 
Verschlossen? Na, du hast doch den Schlüssel in der rechten Hosentasche! Nein? Dann vielleicht in der linken? Auch nicht? – Dann aber bestimmt in der Aktentasche. Aber beeile dich; der Zug wartet nicht.
 
Ausgerechnet heute ist die Tasche so voll gepackt!
 
Nur nicht nervös werden!
 
Na, siehst du, da ist er ja!
 
So, nun schnell aufgeschlossen und hinaus.
 
Wer sagt denn, dass du zu stur zum Laufen seiest? Dein Abteilungsleiter? Der sollte dich jetzt mal laufen sehen!
 
Der Bahnhof steht schon da. „Hallo, ist der Zug 6:47 Uhr schon abgefahren?“ „Nein, der hat Verspätung!“ „Gott sei Dank!“
 
Klaus pustete vor sich hin. Selten war ihm ein Stationsvorsteher so sympathisch erschienen. Dem Mann am Fahrkartenschalter bot Klaus aus lauter Dankbarkeit eine Zigarette an. Dann spazierte er, mit sich und der Welt zufrieden, nur noch pustend vom Laufen, auf dem Bahnsteig auf und ab.
 
Das war noch einmal gut gegangen!
 
Klaus kalkulierte. Um 8 Uhr musste er im Werk sein. Eine Viertelstunde konnte der Zug ruhig Verspätung haben. Wenn er dann mit der Straßenbahn direkt Anschluss hatte, kam er immer noch früh genug. Mit dem beruhigten Gewissen fand er auch seine gute Laune wieder. Zudem gab´s heute Löhnung, eine praktische Einrichtung, besonders, wenn man so gut wie abgebrannt war.
 
Trotzdem! Der Zug könnte doch langsam eintrudeln.
 
Klaus stellte seine Armbanduhr genau auf die Minute. Eine Viertelstunde war bereits vergangen. Notfalls musste er sich die Verspätung bescheinigen lassen. Besser wär´s  ja, wenn er so zurechtkommen würde, besonders, wenn man, wie er, beim Vorgesetzten nicht gut angeschrieben war.
 
Mit seiner Ruhe war es schon wieder Essig. Wie wäre es sonst möglich gewesen, dass er von dem netten blonden Mädel, das, nur einige Schritte von ihm entfernt, ebenfalls auf den Zug wartete, keine Notiz nahm. Das wäre ihm normalerweise als Unterlassungssünde erschienen.
 
Aha! Endlich näherte sich der Zug. Ungefähr eine halbe Stunde Verspätung hatte die müde Diesel-Lok. Klaus warf dem Zugführer einen giftigen Blick zu und kletterte als erster in den nächst stehenden Wagen.
 
Er sah sich um. Da saß ein Fahrgast und las die Zeitung, ein anderer ließ den Kopf wie eine geknickte Lilie hängen und schnarchte sich etwas zurecht, andere wieder bemühten sich krampfhaft, ein Gespräch anzuknüpfen.
 
„Tja“, machte der eine nachdenklich, worauf der andere mit dem Kopf nickte. „Ja, so ist das!“ Das Thema war wahrscheinlich schon erschöpft, denn beide versanken wieder in tiefes Brüten.
 
Klaus ärgerte sich, dass diese Menschen alle so gleichgültig und ruhig waren. Kein Mensch sah auf die Uhr. Wenn wenigstens noch einer da gewesen wäre, der es eilig gehabt hätte.
 
Mit welcher Gleichmütigkeit der Dicke da drüben jetzt aufstand und sich anschickte, auszusteigen. Konnte der Falstaff sich nicht etwas beeilen? Der Zug stand schon. Rücksichtslos!
 
Nervös zog Klaus an seiner Zigarette und blies den Qualm seinem schlafenden Gegenüber wütend ins Gesicht. Der Mann zog die Nase kraus, als ob ihn jemand gekitzelt hätte – und schnarchte weiter.  Endlich setzte sich der Zug mit einem Ruck wieder in Bewegung. Ein weibliches Wesen wollte gerade Platz nehmen, wurde aber durch die Erschütterung daran gehindert. Klaus fühlte im nächsten Moment, wie sich ein spitzer Absatz, auf dem mindestens 1,5 Zentner ruhten, zwischen seine Zehen bohrte. Das spürte man selbst durch den besten Winterschuh.
 
Dem Selbsterhaltungstrieb folgend, zog Klaus den Fuß zurück, wodurch das labil ruhende Gewicht ins Wanken kam, einknickte und gleichmäßig auf seinen Schoß zu liegen kam. „Oh, entschuldigen Sie vielmals“, flötete die Schöne und rutschte auf die gegenüberstehende Bank. „Bitte“, sagte Klaus mit süß-saurem Gesicht. „Blödes Weib!“, dachte er dabei im Stillen.
 
Allmählich fuhr der Zug langsamer. Der Zug stand noch nicht ganz, als er schon auf dem Bahnsteig sprang. Er schlängelte sich durch die Menschen und war im Nu am Ausgang. Von weitem sah er schon eine Straßenbahn an der Haltestelle stehen. Klaus lief wie ein Osterhase. „Herr Schaffner! Haben Sie Anschluss an die Linie 12.“ „Jawohl, junger Mann! Kommen Sie man rin!“
 
Klaus schob sich an den Wagenführer heran. „Ach, verzeihen Sie, ich muss in die Linie 12 umsteigen. Bekomme ich direkt Anschluss?“ Der Fahrschaffner zog umständlich seine Uhr heraus: „Möglich!“ „Besten Dank“.
 
Der Wagen zog an. Klaus starrte auf die Schienen, dem Wagen weit vorauseilend. Da hinten standen schon wieder Menschen. Der Straßenbahnführer drehte die Kurbel strichweise zurück. Der Wagen kam wieder zum Stehen. Klaus verfolgte nervös das Ein- und Aussteigen der Fahrgäste. Wie unvernünftig die Leute waren! Sie versperrten sich gegenseitig den Eingang. Endlich drückt der Schaffner auf den Fahrtknopf. Kaum war der Wagen auf volle Fahrt gekommen, als die Kurbel schon wieder Zentimeter um Zentimeter zurückgedreht wurde.
 
Die Missstände beim Ein- und Aussteigen wiederholten sich. Verkehrsparasiten! – Abfahren.
 
Ja, war denn da vorne schon wieder eine Haltestelle? Die Straßenbahn hielt ja vor jedem Kellerloch. Scheußlich! Klaus hielt die Strecke fest im Auge. Vorne ging eine dicke Frau und schwenkte ihre linke Hand durch die Luft. Ach nee, wollte die vielleicht auch noch mit?
 
Schon war der Wagen mit ihr auf gleicher Höhe. „Halt! Halt!“ schrie die Frau hinterher. Die Haltestelle war erreicht. Klaus lehnte sich aus der Türe. Pustend kam die Frau an. Anstatt in den Anhänger zu klettern, musste sie ausgerechnet ganz vorne einsteigen! Klaus half ihr, damit möglichst wenig zeit verloren wurde. „Au, Ihr knippt mech jo!“ Die Umstehenden lachten, Klaus grinste.
 
„Die Bahn fährt doch nach d´r Zoo?“, erkundigte sich die Frau. „Nein, da müssen Sie mit der Linie 8 fahren“, gab einer der Fahrgäste Auskunft. Inzwischen war der Wagen schon wieder angefahren. „Halt! Ech moß doch widder eraus!“
 
Die Bremsen knirschten. In Klaus kochte es.
 
Weiter ging die Fahrt. Der Wagenführer wandte sich an Klaus: „Da vorne fährt die 12. Wenn Sie sich jetzt beeilen, können Sie sie noch erwischen!“
 
Klaus stand schon auf dem Trittbrett. Langsam kam der Wagen näher. Klaus sprang raus und rannte dem Vorderwagen nach. Es gelang ihm, in letzter Minute hineinzuspringen. In seinen Lungen pfiff es. Er fühlte an sich herunter. Ihm fehlte doch etwas?
 
Richtig, die Aktentasche. Er hatte sie in der anderen Bahn gelassen. Ein kräftiger Fluch kam über seine Lippen. Wütend starrte er vor sich hin. Das war eine nette Schweinerei! Und ausgerechnet fiel sein Blick auch noch auf ein Plakat, auf welchem unten fettgedruckt die Worte standen: Ruhe bewahren!
 
Klaus murmelte einen zweiten Fluch.
 
Dann döste er vor sich hin. Jetzt fehlte nur noch, dass er trotzdem zu spät kommen würde. Inzwischen ging die Fahrt weiter. Eine Haltestelle kam nach der anderen. „Endstation! Alles aussteigen!“ Klaus war schon längst ausgestiegen und eilte seinem Arbeitsplatz zu. Jetzt war er an der Straßenkreuzung. Noch 2 Minuten!
 
An der Ecke stieß er mit einem Mädel zusammen. War das nicht…? Ja, sicher, das war sie! So lange hatte er sie schon nicht mehr gesehen und jetzt, wo er es eilig hatte, traf er mit ihr zusammen. So ein Pech! Ein Königreich für 10 Minuten! Aber weiter!
 
Gerade hörte Klaus die Uhr schlagen, als er mit Riesenschritten die Treppe hinaufstürmte. Dann stand er vor dem Pförtner und wischte sich den Schweiß von der Stirne. „Mensch, was ist denn los?“ Klaus wollte gerade weitergehen, als der Pförtner ihm zurief: „Warum bist du denn so gelaufen? Dein Dienst beginnt doch heute erst um 12 Uhr – wegen der Handwerkerarbeiten!“
 
Mit einem Sprung war Klaus bei dem Sprecher. Tatsächlich! Er schlug sich die Hand vor die Stirne. „Ich Hornochse!“
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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