Reinhard Schanzer

Alaska 1 (Auf nach Alaska!)

 

Achtes Kapitel: Alaska I
1. (Auf nach Alaska!)

Bereits als Schuljunge hatte er immer schon von Alaska geschwärmt.
Damals hatte er ein Buch in die Finger bekommen, das von dem rauhen Leben (und Überleben) in der antarktischen Wildnis erzählte. Dieses Buch von Egerton R. Young trug den Titel: „Meine Hunde im Nordland."
Auch die Erzählungen des bekannten Schriftstellers Jack London zu diesem Thema hatte er förmlich verschlungen. Dabei ging es um die Zeit das Goldrausches am Klondike in Alaska so um die Jahrhundertwende. Dieser Schriftsteller hatte es ihm mit seinen Reiseerzählungen ganz besonders angetan, denn sie ließen ihn in eine rauhe Welt eintauchen, die er ganz faszinierend fand.
Kein Wunder also, daß ihm bereits in seiner Schulzeit der Spitzname „Alaska" verpaßt wurde. Dies hatte ihn jedoch nie sonderlich gestört.
Auch die Bücher von James A. Michener über Alaska hatte er gelesen und dabei vieles über die geschichtlichen Zusammenhänge erfahren.
Später hatte er sich für amerikanische Geschichte und indianische Kultur interessiert. Dabei hatte er auch einige Worte Algonkin, sowie aus der Lakota- Sprache gelernt, die zur großen Sprachfamilie der Siouan - Völker gehörte.
Er hatte sich für alte Vorderlader- Waffen interessiert und war Mitglied in einem Schwarzpulver- Schützenverein geworden. Etwa eine späte Hommage an seinen Großvater, der ihm bereits als kleiner Junge den Umgang mit Explosivstoffen gezeigt hatte? Noch bevor er richtig Lesen und Schreiben konnte, hatte er bereits mit Schwarzpulver, Zündschnur und Dynamit zu tun.
 
Sogar einen eigenen „Claim" in Alaska hatte er bereits vor einigen Jahren erworben. Die „Alaska Homestead Company" hatte diese Parzellen über eine Annonce zum Kauf angeboten und er hatte eine davon für lächerliche 50,- Dollar erworben. Eigentlich aber mehr aus einer Spaßlaune heraus, um seinen Freunden nun endlich seinen eigenen Claim in Alaska präsentieren zu können.
Dieses Stück Land lag zwar nicht am Yukon oder gar am Klondike, sondern in einem ehemaligen Kupfer- Abbaugebiet in den Wrangell- Mountains, das später weitgehend zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Trotzdem hatte er es gekauft.
Bisher war es ihm jedoch aus beruflichen Gründen nie möglich gewesen, dieses Stück Land, also seinen „Claim" persönlich zu besichtigen. Er wußte nur, daß es sich dabei um ein Stück Elchweide am Fuße der Wrangell- Mountains in der Nähe einer alten Kupfermine handelte.
Mittlerweile aber hatte er seinen Betrieb gut verpachtet und war nur noch gelegentlich als Berater für seinen Pächter tätig.

Vor nicht allzu langer Zeit war auch seine letzte, längere Beziehung mit Maria - einer Sozialpädagogin - in die Brüche gegangen.
Schon seit jeher liebte er es, seine Meinung immer so zu sagen, wie er die jeweilige Situation empfand. Er machte Komplimente, wenn sie ehrlich waren und er übte Kritik, wenn sie berechtigt war. Das hatte er schon immer so gehalten, sowohl im Berufsleben, als auch privat. Gegen Bevormundung jeglicher Art hatte er sich immer erfolgreich zur Wehr gesetzt.
„Soziale Unverträglichkeit" oder ganz einfach nur Dummheit hätte man diesen Wesenszug auch nennen können, - was sie auch des Öfteren tat.
In letzter Zeit hatten sie sich im Grunde nur noch wegen Kleinigkeiten gezankt, sie hatten sich einfach nicht mehr vertragen.
Auch mehrere intensive Aussprachen zur Klärung der Situation waren leider erfolglos geblieben, deshalb war es besser, endlich einen klaren Schnitt zu machen, der sowieso längst überfällig war.
Sie hatten sich ohne Haß und böse Worte getrennt, und jeder ging seinen eigenen Weg. Er hatte ihr noch bei der Beschaffung einer eigenen Wohnung und der Einrichtung geholfen und sie hatten sogar noch gemeinsam zum Abschluß ein Gala- Konzert besucht.
Kein Außenstehender hätte dabei bemerkt, daß es ihr letztes war.
Er war also seit mehreren Monaten wieder Solo.
Besonders Traurig war er darüber nicht, denn er hatte sich und seinen Haushalt schon immer gut selbst versorgen können und das Thema Familie und Kinder war für ihn bereits seit geraumer Zeit abgeschlossen. Längere Zeit anhaltenden Beziehungsstreß liebte er auch nicht so besonders, deshalb verspürte er jetzt sogar eine gewisse Erleichterung, daß es endlich vorbei war.
Natürlich hatte es auch eine lange Zeit gegeben, in der er sie wirklich geliebt hatte, aber es kam ihm mittlerweile so vor, als wäre dies wohl bereits in einem früheren Leben gewesen?
Im Grunde war er ohnehin immer der einsame Wolf geblieben, der er schon immer war.
 
Er hatte sein schweres Motorrad wieder hervorgeholt und mit einigen Freunden, aber auch alleine mehrere größere Touren damit gemacht, was ihn sehr an frühere, schöne Zeiten erinnert hatte, als er noch frei und ungebunden war.
Nun aber wollte er endlich einmal in die USA, bzw. nach Alaska reisen, um sich endlich diesen lang gehegten Jugendtraum zu erfüllen und dabei auch diese Sache mit seinem Claim einmal persönlich in Augenschein zu nehmen.Er hatte sich vorher gründlich über alle Formalitäten und Einreisebedingungen informiert.
Das Touristenvisum war auf drei Monate begrenzt und er mußte bei der Einreise ein gültiges Rückflugticket nach Deutschland, sowie genügend finanzielle Mittel für den Lebensunterhalt aufweisen können. Dies war kein Problem, denn er hatte ein sehr gutes finanzielles Polster, sowie regelmäßige Einkünfte aus seinem Pachtvertrag. Zwar hatte er in der Schule nie Englisch gelernt, es sich später aber aus Büchern und Trainingscassetten selbst soweit beigebracht, daß er sich so leidlich verständigen konnte.
Überhaupt waren Bücher immer eine große Hilfe in seinem Leben gewesen. Mit deren Hilfe hatte er sich selbst so vieles beigebracht, was er sonst niemals erfahren hätte.

Nach seiner Ankunft in Anchorage mietete er ein kleines Flugzeug, dessen Pilot ihn nach Chitina flog, dem letzten Ort vor dem Naturschutzgebiet mit einer befestigten Straße und einer kleinen Tankstelle mit Autoverleih. Von dort aus ging es in einem Mietwagen weiter nach McCarthy, einem fast verlassenen Nest am Fuße der Wrangell Mountains, in dessen Nähe sich auch mehrere verlassene Kupferminen und sein Claim befand.
Dieser kleine Ort trug zwar den Namen eines ehemaligen US- Politikers, der vor ca. einem halben Jahrhundert das Ansehen der USA in der Welt nicht gerade gehoben hatte, der Name hatte aber trotzdem nichts mit ihm zu tun. (Die McCarthy- Ära dürfte noch so manchem älteren US- Bürger gut bekannt sein?)
 
Es war herrliches Wetter. Zu linker Hand konnte man den gewaltigen Mount McKinley mit seiner schneebedeckten Spitze sehen, der jedoch in der Eingeborenensprache Denali hieß.Er hatte ja früher bereits einmal einige Worte Algonkin, bzw. Sioux gelernt, aber das nützte ihm in dieser Gegend sehr wenig, denn die Landessprache der Eingeborenen in Alaska war Aleutisch, bzw. Athapaskisch oder Tlingit. Allerdings sprach natürlich fast jeder hier auch amerikanisches Englisch.
Die beiden Schriftsteller Jack London und James A. Michener hatten dieses herrliche, weite Land so treffend beschrieben wie kein anderer vor oder nach ihnen.
Abgesehen von einigen wenigen Ballungszentren wie z.B. Anchorage, Fairbanks, Juneau oder Sitka war dies ein dünnbesiedeltes, oft völlig menschenleeres herrlich weites Land, das ja bereits in der Eingeborenensprache genau diese Bedeutung hatte.
Alaska = weites Land.
 
Das kleine Nest McCarthy entpuppte sich als eine Art Geisterstadt aus der Zeit des letzten Goldrausches vor über 100 Jahren. Aber auch das blühende Dawson City war ja damals innerhalb weniger Wochen zu einer Geisterstadt geworden, nachdem sich wie ein Lauffeuer die Kunde von neuen Goldfunden in Nóme verbreitet hatte.
Der Abbau an Kupfererz wurde hier größtenteils bereits in den 30er und 40er Jahren eingestellt und die - ehemals lebhafte - Bergarbeitersiedlung wurde daraufhin von den meisten Bewohnern wieder verlassen. Die meisten der alten Häuser waren also bereits verfallen und wurden nur noch als Attraktion für die wenigen Touristen verwendet, die erst in den letzten Jahren wieder diese herrliche Gegend entdeckt hatten. Nur wenige der alten Holzhäuser waren noch bewohnt.
Es gab auch noch eine Kapelle mit einem Pfarrhaus in dem früher ein Methodistenprediger gelebt hatte, eine verlassene Dorfschule, in der jetzt ein Souvenirladen untergebracht war, eine Lebensmittelgeschäft mit Eisenwarenhandlung und eine kleine Pension.
 
„Bed and Breakfast by Ma Johnson" stand in großen Lettern darüber.
 
Weitere Läden gab es hier nicht, bzw. nicht mehr.Aber eine Eisenbahn mußte es früher einmal gegeben haben, denn die alten Holzbrücken standen z.T. noch, allerdings in einem desolaten Zustand. Man konnte gut erkennen, daß sie seit über 60 oder 70 Jahren nicht mehr benutzt worden waren. Das alte Bahngebäude war ebenfalls bereits verfallen.
Logie hatte er in der alten Pension von Ma Johnson bezogen, die übrigens für ihre gute Küche bekannt war, wie man ihm sagte. Er hatte noch nie einen aufwendigen Lebensstil gepflegt, obwohl er es sich durchaus hätte leisten können. Deshalb war er mit dieser einfachen, aber sauberen Unterkunft recht zufrieden.
Der Souvenirladen schräg gegenüber wurde von Mrs. O Connor betrieben, eine hagere, weißhaarige Frau mit - immer noch - schönen Gesichtszügen und aufrechtem Gang. Sie war die ehemalige Lehrerin des kleinen Ortes, als hier noch Kupfer abgebaut wurde und somit auch die Dorfschule noch gut besucht wurde.
 
Gleich am übernächsten Tag wollte er sich ganz früh auf den Weg machen, um seinen Claim zum ersten Male zu besichtigen. Das üppige Frühstück von Ma Johnson mit Weißbrot, Eiern, Zwiebeln und Speck ließ er sich gut schmecken. Besonders von dem würzigen Geruch und Geschmack des Brotes war er sehr überrascht. Es handelte sich dabei nicht um die sonst übliche, helle, schwammartige und geruchslose Masse, die man im Allgemeinen in den USA als Brot bekommt, sondern um eine Art französisches Landbrot, hergestellt mit echtem Natursauerteig. Einfach köstlich!
Er wußte bereits, daß viele der ersten Goldsucher vor über 100 Jahren bereits ihren eigenen Sauerteig im Reisegepäck mitgebracht hatten. Dies hatte ihnen den Spitznamen „Old Sourdough" eingebracht, was jedoch eher als ein Kompliment zu verstehen war.
Seitdem aber durfte Alaska mit Fug und Recht den Ruf in Anspruch nehmen, die wohl schmackhaftesten und vielfältigsten Brotsorten in den ganzen USA aufweisen zu können. Sogar die Ortschaft Sourdough 30 Meilen nördlich von Glennallen war nach diesen ersten „Sauerteiglern" benannt worden.
Sicher erübrigt sich die Erwähnung, daß die Vorfahren von Ma Johnson dereinst aus Frankreich eingewandert waren? Deshalb also auch die gute Küche!
 
Draußen war trotz des Seeklimas ein herrlicher Frühsommertag. Im General Store von R.L.H. Marshall „Groceries, Meat and Hardware" hatte er sich bereits die nötige Ausrüstung und eine gebrauchte Goldwäscherpfanne besorgt. Dies war ein typischer Gemischtwarenladen, wie er ihn noch aus seiner Kindheit kannte aus dem kleinen Dorf, wo er aufgewachsen war. Hier gab es einfach alles, angefangen von Fleisch und Lebensmittel, Zeitungen, Nägel, Schnürsenkel, Toilettenartikel, Kochgeschirr, Flickzeug, Konserven, Draht, Werkzeuge, Medikamente, Campingausrüstung und Bekleidung. So etwas gab es in seiner Heimat schon lange nicht mehr.
Damit machte er sich nun auf den Weg zu seinem Claim.
 
Der alte Indianer, der bei Mr. Marshall hinter der Ladentheke stand, brummte beim Verlassen des Ladens irgend etwas von „Crazy Dutchmen" oder so. Er hatte wohl schon an so einige Touristen eine ähnliche Ausrüstung verkauft?
Aber zum Goldwaschen war es eben mindestens hundert Jahre zu spät, außerdem war hier der absolut falsche Ort. Zwar hatte es früher auch in dieser Gegend ganz geringe Goldvorkommen gegeben, aber diese lohnten die Ausbeute nicht. Dieser Umstand war hinreichend bekannt.
Dieser Indianer hatte übrigens nicht die - ansonsten in dieser Gegend übliche - gedrungene Statur mit der platten Nase der Athapasken, Tlingit oder Aleuten- Eskimos, sondern war ein relativ großer, hagerer Mann mit einer Geiernase, wie sie eigentlich eher bei den - viele tausend Meilen weiter südlich lebenden - Präriestämmen üblich war. Er war also sicher kein Eingeborener?
Auch einen jungen, zahmen Luchs hatte er dort gesehen, der wahrscheinlich diesem Indianer gehörte. Er lag hoch oben auf einem Regal und beobachtete aufmerksam alles, was sich in dem Laden bewegte. Ein wunderschönes Tier!
 
Natürlich hatte er nie beabsichtigt, in dem kleinen Bachlauf des Kennycott Rivers wirklich ernsthaft nach Gold zu waschen, aber er wollte dies eben auch wenigstens einmal in seinem Leben versucht haben, wenn er schon mal hier war. Vielleicht würde er ja sogar für zwei oder drei Dollar etwas Goldstaub finden, das er dann seinen Freunden zuhause präsentieren konnte?
 
Die erste Hürde war die Überquerung des Kennycott Rivers, der im Sommer nur ein so dahinplätschernder Bach war, sich zur Zeit der Schneeschmelze jedoch in einen reißenden Strom verwandelte. Die große Schneeschmelze aber war heuer noch nicht ganz abgeschlossen. Eine Brücke gab es nicht, aber es waren zwei Drahtseile von einem Ufer bis zum anderen gespannt, an denen mit Laufrädern so eine Art zweisitzige Gondel befestigt war, mit dessen Hilfe man mit eigener Muskelkraft an das andere Ufer gelangen konnte. Mit einem zusätzlichen Fangseil konnte man diese Konstruktion vom anderen Ufer herüberholen.
Ihm war schon etwas mulmig zumute, als er sich mit seiner Ausrüstung auf dieser abenteuerlichen Konstruktion in der Mitte des reißenden Flusses befand. Hoffentlich würden jetzt die beiden Stahlseile halten?
 
Einige Stunden später hatte er bereits seinen Claim erreicht, genau wie er auf der Karte eingezeichnet war. Sogar die Begrenzungspfosten waren noch recht gut erkennbar. Das höhergelegene Ende seines Claims grenzte bereits unmittelbar an den neu geschaffenen St. Elias National Park. In der Nähe konnte man gut die alte Kennicott Copper Mine, also die alte Kupfermine erkennen, in der jedoch schon seit mehreren Jahrzehnten nichts mehr gefördert wurde. Mit ihrem roten Anstrich leuchtete sie weithin sichtbar im Sonnenlicht. Heute war sie nur noch eine Touristenattraktion. Trotzdem eine sehr imposante Erscheinung!
Immerhin war sie das höchste, noch bestehende Holzbauwerk von ganz Alaska, vielleicht sogar von ganz Amerika.

Sein Grundstück bestand wirklich nur aus einer riesigen Elchweide, durch die der kleine Bach Kennicott floß, der sich unten in McCarthy bereits zu einem reißenden Flußlauf entwickelt hatte und dort in den Chitina River mündete. Dieser wiederum mündete bei Chitina in den Copper River, welcher seinerseits nach Süden in den Pazifik, bzw. in den Golf von Alaska floß.
Obwohl er körperlich eigentlich in guter Kondition war, hatte ihn der beschwerliche Aufstieg mit dem ganzen Gepäck doch sehr mitgenommen. Hier am Bach schlug er sein Lager auf, packte seine Ausrüstung aus und sah sich erst einmal um. Hunger hatte er nach dem langen Aufstieg auch bekommen.
 
Nachdem er eine Kleinigkeit gegessen hatte, versuchte er, aus dem Bett des Baches eine Pfanne Kies zu waschen, so wie er es in einer Westernstadt zuhause einmal gelernt hatte. Die Ausbeute war natürlich nicht der Rede wert.
Eines kam ihm jedoch seltsam vor: Das Wasser war ungewöhnlich trübe und schmutzig für einen Gebirgsbach aus der Gletscherzone, der ja eigentlich glasklar sein müßte? Ob vielleicht etwas weiter oben ebenfalls jemand auf die unsinnige Idee gekommen war, hier Gold zu waschen?
Er folgte dem kleinen Bach stromaufwärts und sah, daß sich durch einen Erdrutsch ein Teil des Berghanges gelöst hatte, aus dem eine der Quellen des kleinen Baches sprudelte. Aha!, deshalb also das trübe Wasser weiter unten.
Aber wenn er schon einmal hier heroben war, so konnte er sein Glück ebenfalls auch gleich hier versuchen? Er glaubte sogar, etwas metallisch Glänzendes in der kleinen Quelle gesehen zu haben, allerdings sah dies eher nach Kupfer als nach Gold aus. Aber das wäre eigentlich nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend gewesen.
Er grub mit dem Spaten etwas weiter nach, füllte seine Pfanne neu und wusch sie so lange, bis nur noch wenige ganz kleine Körnchen und zwei etwas größere - ungefähr in der Größe von kleinen Kirschkernen - in der Pfanne liegenblieben. Anscheinend handelte es sich dabei wirklich um Kupfer, allerdings etwas heller und viel schwerer als es eigentlich sein dürfte.
Seltsam! ?!?!?
 
Oder sollte es sich dabei etwa gar um....???
Er wagte gar nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken.
 
ROTGOLD??? HIER??? UNMÖGLICH!!!
 
Er spürte ganz deutlich, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief und sich alle Haare am Körper sträubten. Warum, - zum Teufel - hatte bisher sonst noch niemand danach gesucht?
Obwohl... Das gesamte Gebiet südlich der Wrangell Mountains war ja von jeher als ein sehr ergiebiges Kupfer- Abbaugebiet bekannt.
Es kamen zwar gelegentlich auch ganz geringe Mengen Gold zutage, aber danach wurde in dieser Gegend nie gesucht, denn die reichen Goldminen lagen viel weiter nördlich der Dawson Range am Klondike, James River, Stuart River, Beaver Creek und am Yukon.
Auch er hatte ja eigentlich nur zum Spaß hier gebuddelt ohne die Erwartung, wirklich etwas Bedeutsames zu finden.
 
Diese Nacht kampierte er am Ufer des kleinen Baches, um sich am nächsten Tag mit seinem Fund wieder auf den Weg zurück nach McCarthy zu machen. Dieser Sache wollte er schon noch etwas genauer auf den Grund gehen. Einen großen Teil seiner Ausrüstung hatte er - gut versteckt in einem Gebüsch - oben gelassen, um sich nicht nochmals damit abzuplagen.
Dynamit zu beschaffen, war in Alaska kein Problem, den Umgang damit hatte er ja bereits als Kind von seinem Großvater gelernt.
Er suchte also wieder den Laden von R.L.H. Marshall auf, in dem er schon vorgestern die Ausrüstung und die Waschpfanne gekauft hatte und begrüßte den alten Indianer diesmal nicht auf Englisch, sondern auf Sioux, also seiner wahrscheinlichen Muttersprache:
 
„Háu thibló lákhota, Ómakiya ná."
Was Übersetzt ungefähr heißen soll: „Ich grüße Dich, älterer Bruder, hilf mir bitte."
Er war ziemlich gespannt, wie dieser darauf reagieren würde.
 
Der alte Indianer hinter der Ladentheke schaute ganz erstaunt auf, denn dies hatte er hier in Alaska wirklich nicht erwartet, noch dazu von einem Touristen aus Europa, dessen Englisch ja schon nicht sehr gut war und deshalb ziemlich holprig klang.
Auch der zahme Luchs auf dem Hochregal spitzte dabei die Ohren, richtete sich etwas auf und schaute ganz aufmerksam zu den beiden hinunter.
Seit der alte Mann sich erinnern konnte, hatte er noch niemals ein Bleichgesicht kennengelernt, der sich die Mühe gemacht hätte, seine Muttersprache zu erlernen oder gar zu sprechen. Außerdem... woher konnte dieser wissen, daß er kein Athapaske, sondern ein Teton war?
Etwas verstört grüßte er zurück, ebenfalls auf Sioux, sprach dann aber auf Englisch weiter und erkundigte sich nach den Wünschen dieses seltsamen Touristen.
Seine Augen weiteten sich, als er hörte, was das Bleichgesicht heute für Wünsche hatte. Er schüttelte wieder verständnislos den Kopf, als er das Dynamit und die Zündschnur einpackte.
Was wollte dieser verrückte Dutchmen nur damit? Etwa eine neue Kupferader suchen?
Der alte Indianer wußte zwar aus alten Erzählungen, daß die Bleichgesichter schon früher in dieser Gegend Probesprengungen gemacht hatten, um neue Kupfervorkommen zu erschließen. Auch sein eigener Vater hatte noch in einer dieser Kupferminen gearbeitet.
Aber das war über 70 Jahre her, die Kupferminen waren heute alle weitgehend ausgebeutet und verlassen.
Was also hatte dies zu bedeuten? Dieses Bleichgesicht machte eigentlich gar keinen so verrückten Eindruck wie die meisten anderen Touristen, die sich manchmal in dieses kleine Nest verirrten. Und er konnte einige Worte Siouan sprechen, obwohl er kein Amerikaner oder Kanadier war, sondern offensichtlich aus dem fernen Europa kam. Sogar die schwierigen Kehllaute seiner Muttersprache hatte dieser richtig ausgesprochen.
Es blieb vorerst ein Rätsel.

Bei Ma Johnson hatte er sich noch ein großes Lunchpaket abgeholt und mit seiner hochexplosiven Ausrüstung machte er sich wieder auf den Weg zu seinem Claim.Von Bergbau hatte er zwar keine Ahnung, aber aus den Büchern von Jack London wußte er, daß dort, wo am Unterlauf eines Baches oder Flusses Gold gefunden wurde, sich die Mutterader sich nicht allzu weit Flußaufwärts befinden mußte.
Und genau danach wollte er jetzt suchen, das Goldfieber hatte ihn gepackt!
Diesmal ging er wieder ganz hinauf bis zu der Quelle, die der Erdrutsch etwas zugeschüttet hatte und an der er bereits die beiden kleinen Nuggets gefunden hatte - sofern diese überhaupt echt waren. Zwar hatte er keine Gerätschaften dabei, um damit tiefe Sprenglöcher bohren zu können, aber er bereitete eine aufgelegte Plattensprengung vor, die er anschließend gut mit frischen Ästen abdeckte.
So gegen die Mittagszeit ließ er bereits die erste Probesprengung an der kleinen Quelle hochgehen und er mußte eigentlich gar nicht mehr weiterbuddeln. Diese erste Sprengung war bereits so erfolgreich, daß er die Ausbeute der anschließenden Wäsche mit der Waschpfanne kaum tragen konnte.
Er hatte also die Mutterader gefunden! Der Erdrutsch hatte diese bereits weitgehend freigelegt, den Rest besorgte das Dynamit.
 
Um wirklich ganz sicherzugehen, suchte er am übernächsten Tag in der Bezirkshauptstadt Anchorage eine Mineralogisches Labor auf, um dort die Reinheit und den Wert des gefundenen Goldes überprüfen zu lassen, - falls es überhaupt welches war. Immerhin könnte es sich dabei ja auch um eine Art Pyrit, also wertloses Katzengold handeln? Viele Goldsucher waren bereits lange vor ihm auf dieses - nahezu völlig wertlose Material - hereingefallen.
Natürlich hatte er dorthin wieder einen Flug mit der kleinen Chartermaschine gebucht, denn mit dem Mietwagen wäre es beinahe eine Tagesreise gewesen. In dem kleinen Nest McCarthy wollte er seinen Fund vorerst noch geheimhalten, um die Leute dort nicht völlig Verrückt zu machen. Die Stelle der Probesprengung jedoch hatte er wieder gut mit Erdreich abgedeckt, um keine verräterischen Spuren zu hinterlassen. Man konnte die Stelle somit von dem natürlichen Erdrutsch kaum noch unterscheiden.

Bei der Überprüfung seines Fundes in Anchorage wurde festgestellt, daß es sich dabei wirklich um Rotgold handelte, wenn auch noch in einer relativ schlechten Reinheitsstufe. Trotzdem hatte allein die Ausbeute des ersten Tages bereits einen Wert von mehreren tausend Dollar!
Daraufhin hatte er auch noch einen Notar aufgesucht, um die besitzrechtliche Seite der Angelegenheit überprüfen zu lassen.
Die Grundbücher befanden sich zwar nicht in Anchorage, sondern in der Landeshauptstadt Juneau, aber der Claim mit den Schürfrechten war von der Alaska Homestead Company ganz rechtmäßig auf seinen Namen eingetragen und registriert worden.
Alles, was darauf geschürft oder geerntet wurde, war somit sein rechtmäßiges Eigentum, auch als Ausländer ohne eine gültige Green Card. Diese Verordnung begründete sich auf einem Kongreßbeschluß nach dem amerikanischen Heimstättengesetz aus dem Jahre 1848, als die neuen Gebiete westlich des Mississippi zur Besiedelung freigegeben wurden und Tausende von Siedlern ins Land strömten.
Er war somit ein reicher Mann.

Bei dieser Gelegenheit hatte er auch gleich bei der US- Einwanderungsbehörde, dem „Bureau of Immigration" vorgesprochen.
Den Antrag auf eine amerikanische Aufenthaltsgenehmigung auf unbegrenzte Dauer, die sogenannte „Green-Card" wollte er dort stellen. Er hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, nach den USA, speziell nach Alaska auszuwandern, diesen Jugendtraum aber immer wieder verworfen, da er seine wirtschaftliche Existenz ja in Deutschland aufgebaut hatte. Zudem hatten die USA schon immer äußerst strenge Einwanderungsbestimmungen.
Nun aber hatte sich die Situation ganz grundlegend geändert.Er hatte eine abgeschlossene Berufsausbildung und das Abitur vorzuweisen, was in Amerika in etwa dem Abschluß an der High School entspricht, er war finanziell unabhängig, jetzt sogar reich, er beherrschte nicht nur die Landessprache, sondern sogar die Sprache der indianischen Ureinwohner und er war nicht vorbestraft.
Dem Antrag stand somit nichts im Wege, allerdings wurde ihm gesagt, daß sich der Bescheid bis zu einem Jahr hinziehen könne.
Die Entscheidung darüber würde schließlich nicht in Anchorage oder Juneau gefällt, sondern beim Generalkonsulat im fernen Washington. Da er derzeit nur im Besitz eines Touristenvisums war, müsse er das Land natürlich nach Ablauf von drei Monaten wieder verlassen.
Der Beamte gab ihm aber zu verstehen, daß in diesem Falle jedoch mit einer schnelleren Entscheidung über eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung gerechnet werden könne. Dadurch, daß er bereits Grundbesitz in einem Bundesstaat der USA, nämlich in Alaska aufweisen konnte, würde dieses - für Ausländer doch sehr schwierige - Verfahren natürlich wesentlich vereinfacht.
 
Aus dem kleinen Jungen aus dem Waldbauerndorf war ein Kosmopolit geworden.
 

Bei dieser Geschichte handelt es sich um den achten Teil aus einer Autobiographie eines kleinen Jungen, der ohne Vater aufgewachsen war und ihn deshalb nie gekannt hatte.
Diese ganze Geschichte ist natürlich viel zu lang für dieses Forum, das ja eigentlich eher für Kurzgeschichten gedacht ist.
Deshalb habe ich die Geschichte in mehrere Kapitel unterteilt, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht mit einer Endlosgeschichte zu ermüden.
Selbstverständlich wurden auch diese Kapitel nochmals drastisch gekürzt, um sie auf ein - für den Leser - erträgliches Maß zu reduzieren.
Ich hoffe aber, damit die gesamte Geschichte nicht allzu sehr „zerstückelt" zu haben und die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden einigermaßen „lesegerecht" ausgeglichen zu haben?

Die Titel der einzelnen Kapitel sind wie folgt:

1. Die Wurst
2. Das kleine Häschen
3. Verlust der Heimat
4. Die neue Schule und das Leben in der Stadt
5. Lehrzeit und erste Liebe
6. „Medi"
7. Der Vater
8. Alaska I (Auf nach Alaska!)
9. Alaska II (Der Duft rothaariger Frauen)

Den interessierten Leser bitte ich, diese Geschichten auf meiner Seite einfach anzuklicken.

Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!
Schließlich möchte man ja auch wissen, ob und wie die Geschichten beim Leser überhaupt ankommen?

Eigentlich schreibe ich ja viel lieber zynische, bissige und satirische Artikel.
Diese Geschichte ist deshalb sozusagen „Neuland" für mich.

Also, - keine falsche Zurückhaltung bitte!
Reinhard Schanzer, Anmerkung zur Geschichte

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Der Beitrag wurde von Reinhard Schanzer auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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