Reinhard Schanzer

Alaska 2 (Der Duft rothaariger Frauen)

 

Achtes Kapitel: Alaska
2. Der Duft rothaariger Frauen.

Wider Erwarten hatte er also in dieser gottverlassenen Gegend ein größeres Vorkommen an Gold gefunden, obwohl er nicht wirklich ernsthaft danach gesucht hatte. Da er von Bergbau wirklich keine Ahnung hatte, hatte er über seinen Anwalt einer großen amerikanischen Minengesellschaft aus Seattle das Angebot unterbreitet, die Schürfrechte auf seinem Claim erwerben zu können. Allerdings wollte er nur die Schürfrechte darauf abtreten, das Grundstück selbst jedoch behalten. Allein schon wegen der beantragten Aufenthaltsgenehmigung.

Diese Gesellschaft hatte daraufhin zwei Ingenieure geschickt, um sowohl das gefundene Gestein, als auch das Umfeld zu untersuchen und einige weitere - diesmal professionelle - Probesprengungen durchzuführen. Auch ein Seismograph wurde dabei eingesetzt.
Diese Probesprengungen waren durchaus sehr vielversprechend verlaufen. Die beiden Ingenieure der Minengesellschaft, Mr. Robertson und Mr. Dixon waren mit den Ergebnissen der anschließenden Auswertung des Seismographen mehr als zufrieden.
Die anschließenden Verhandlungen waren ziemlich hart, aber bereits nach drei Wochen hatte er einen positiven Bescheid erhalten und der Deal wurde beim Notar in Anchorage besiegelt. Es ging dabei um mehrere Millionen US- Dollar, zahlbar in mehreren Raten auf ein Treuhänderkonto in Anchorage.
Wegen der unmittelbaren Nähe zum Naturschutzgebiet wurde allerdings der herkömmliche Abbau von Gold mittels hochgiftigem Zyanid von der Regierung untersagt, da dadurch natürlich auch die fischreichen Gewässer im gesamten Gebiet hoch belastet worden wären.
Diese Auflagen hatten zwar bei den Preisverhandlungen mit der Minengesellschaft den Preis gemindert, aber das war trotzdem in Ordnung so. Er hatte ohnehin nie die Absicht gehabt, sein neues Umfeld vergiften zu lassen, denn er hatte beschlossen, die nächste Zeit hier zu leben, falls sein Antrag auf eine Green Card erfolgreich sein sollte. Deshalb war diese Auflage sogar in seinem Interesse.
Allerdings würde es noch eine längere Zeit in Anspruch nehmen, bis die US- Gesellschaft die erforderlichen Geräte herangeschafft und aufgebaut hatten, um mit den Arbeiten beginnen zu können. Für dieses Jahr war also sicher nicht mehr damit zu rechnen, denn es war bereite Mitte Juli und der arktische Sommer in Alaska war nur von kurzer Dauer. Das Gelände der Fundstelle aber wurde vorerst schon mal abgesperrt und bewacht.

Die Kunde von seinem spektakulären Fund hatte sich natürlich in der Zwischenzeit herumgesprochen und er war in dem kleinen Ort und weit darüber hinaus bald jedermann bekannt. Alle Einwohner grüßten ihn freundlich und er war ein angesehener Mann.
Noch hatte er keinen einzigen Dollar von der Minengesellschaft erhalten, aber die Verträge waren bereits unter Dach und Fach.
Dies spielte auch keine Rolle, denn er verfügte über genügend finanzielle Mittel, um damit eine längere Zeit unbesorgt leben zu können.
Neben dem alten Schulgebäude - schräg gegenüber der kleinen Pension von Ma Johnson - hatte er das leerstehende, große Pfarrhaus gekauft und dieses nach seinen Vorstellungen renovieren und ausbauen lassen. Wie alle anderen Häuser war natürlich auch dieses ein Holzhaus, es hatte jedoch einen Grundstock, der aus Stein gemauert war, sowie eine steinerne Treppe mit vier Stufen. Der Wohnraum lag somit um einiges höher als bei den anderen Häusern ohne Steinsockel. Aus diesem Grunde war auch der obere Teil des Hauses noch gut erhalten gewesen.
Aus den Fenstern der ehemaligen Bibliothek im Obergeschoß hatte man einen herrlichen Rundblick über die ganze Umgebung. Nördlich konnte man die gewaltigen Wrangell Mountains mit ihren schneebedeckten Gipfeln sehen, südlich konnte man weit hinunter ins Tal bis Nizina blicken und die bewaldeten Hügel der Granite Range erkennen, die ebenfalls bereits zum Reservat gehörten. Dazwischen ergoß sich in mehreren Seitenarmen der fischreiche Chitina River.
Weit hinter der Granite Range jedoch konnte man bereits den pazifischen Ozean, bzw. den Golf von Alaska erahnen, jedoch nicht sehen. Es waren nämlich (Luftlinie) über hundert Meilen bis dorthin. Beinahe erinnerte dieser Blick sogar ein wenig an die schöne Gegend beim Hause seines Großvaters in dem kleinen Waldbauerndorf, in dem er als Kind aufgewachsen war. Nur alles eben eine Nummer größer.

Dort hatte er nun sein neues Domizil aufgeschlagen, ging aber oft hinüber zum Restaurant von Ma Johnson, um dort auf ihrer schönen Terrasse oder an seinem angestammten Fensterplatz an der Main Street seine täglichen Mahlzeiten einzunehmen, denn trotz all dem unerwarteten Reichtum hatte er nicht durchgedreht.
Ma Johnson hatte wirklich eine sehr gute Küche mit französischem Touch zu bieten und kein Tourist, der sich in diese abgelegene Gegend verirrte, kam an dieser Institution vorbei. Sie hatte selbst einige Gästezimmer zu vermieten, wußte aber auch, bei wem gerade sonst noch eine Unterkunft frei war. Außerdem war die Pension von Ma Johnson immer schon der Dreh- und Angelpunkt des Ortes, wenn man irgend etwas erfahren wollte.
Bei dieser Gelegenheit bemerkte er des öfteren eine hübsche, rothaarige Frau in der Uniform der US Mail, welche in sehr unregelmäßigen Abständen immer die Post brachte und sich anschließend oft längere Zeit in dem Souvenirladen von Mrs. O'Connor, also im ehemaligen alten Schulgebäude aufhielt.Diese quirlige, junge Frau mit der leuchtend roten Lockenpracht hatte zwar eine sehr schlanke Taille, aber durchaus auch weibliche Rundungen an den richtigen Stellen, dies konnte man sogar unter der Postuniform noch gut erkennen. Sie hatte einige kecke Sommersprossen auf ihrer hübschen Nase und mochte vielleicht so Mitte 30 sein?
Sie war ihm natürlich bereits bei seiner Ankunft in McCarthy sofort aufgefallen, aber ganz offensichtlich wohnte sie nicht hier?
Damals hatte sie ihn aus dem Auto heraus freundlich angelächelt und er hatte grüßend zurückgenickt.

Bei Ma Johnson erfuhr er, daß es sich dabei um die jüngste Tochter von Mrs. O'Connor handelte, die bei dieser Gelegenheit immer ihre Mutter besuchte. Sie hieß Sarah und war bei der US Mail in Glennallen beschäftigt, der nächstgrößeren Stadt, wo sie auch wohnte.
Daß er darauf nicht gleich gekommen war! Die Ähnlichkeit zwischen der weißhaarigen Mrs. O'Connor und ihrer hübschen, rothaarigen Tochter war ja eigentlich trotz des großen Altersunterschiedes wirklich nicht zu übersehen. Beide hatten fein geschnittene Gesichtszüge, einen lebhaften, wachen Blick, eine ähnliche Statur und einen aufrechten, geraden Gang.
Diese attraktive, junge Frau mußte er Unbedingt einmal näher kennenlernen!

Diese Gelegenheit ergab sich wenige Tage später, als er Post von seinem Notar aus Anchorage erhielt. Die Schürfrechte, die er an eine US- Gesellschaft verkauft hatte, waren mittlerweile notariell verbrieft worden und die erste Teilzahlung von 2,5 Millionen US- Dollar war auf dem Treuhänderkonto eingegangen.
Natürlich wurde auch dieser Brief von Sarah O'Connor zugestellt. Es handelte sich dabei um ein „registered letter", also ein Einschreiben, das er persönlich gegenzeichnen mußte.Sie lächelte ihn freundlich an, dabei hatte er erstmals die Gelegenheit, aus unmittelbarer Nähe einen tiefen Blick in ihre blaugrünen Augen zu werfen, die an die Tiefen des pazifischen Ozeans erinnerten.
Er war völlig gebannt. Wahnsinn! .... Einfach eine faszinierende Frau!!
Sie bemerkte seine momentane Verlegenheit und überbrückte die Situation mit der freundlichen Nachfrage nach seinem Befinden. Diese Frage war in den USA durchaus nichts Ungewöhnliches.
Er jedoch nahm diese Steilvorlage bereitwillig auf und meinte in seinem holprigen Englisch, daß sein Befinden gleich noch viel besser wäre, wenn sie seine Einladung zum Fest der Sommersonnenwende am nächsten Wochenende annehmen würde.
Bei Ma Johnson hatte er erfahren, daß dieses traditionelle Fest immer ganz groß gefeiert würde und alle Bewohner des Dorfes und ihre Angehörigen daran teilnehmen würden. Er hatte sich nicht nur angeboten, dabei tatkräftig mitzuhelfen, sondern sogar noch das Angebot gemacht, alle anfallenden Kosten zu übernehmen. Der Methodistenprediger aus dem nahegelegenen Glennallen würde in der alten Kapelle wieder die Messe halten und anschließend würde ein großes Barbecue abgehalten.
Jetzt war es an ihr, etwas verlegen zu werden und ganz leicht zu erröten. Zwar hatte sie durchaus vorgehabt, dieses Fest - so wie jedes Jahr - in McCarthy bei Ihrer Mutter zu feiern, mit dieser Frage hatte sie jedoch nicht gerechnet.
Mit einem freundlichen: "we a' see" (Wir werden sehen), zog sie sich aus der Affäre und setzte mit einem Lächeln und beschwingtem Gang ihre Tour fort.


Das Wochenende kam näher und er war bereits ziemlich aufgeregt wie damals, als er noch ein Teenager war. Diese attraktive junge Frau hatte ihm überaus gut gefallen.
Aber... Würde sie sich überhaupt noch an seine Einladung erinnern?
Oft sah er aus dem Fenster, um sie vielleicht bei der Zustellung der Post einmal zu erblicken, aber offensichtlich erhielt in den letzten Tagen hier niemand Post?

Am Tag vor dem großen Fest jedoch sah er ihren Wagen vor dem alten Schulgebäude vorfahren, in dem ihre Mutter, Mrs. O'Connor lebte. Gerade eben war er von einer Unterredung mit einigen Leuten vom Festkomitee bei Ma Johnson zurückgekommen und hatte sein Haus noch nicht betreten. Ohnehin aber hatte er bereits täglich darauf gewartet, sie endlich wiederzusehen.
Sarah stieg aus und winkte ihm freundlich zu, so als ob sie bereits gute Bekannte wären. Diesmal war sie nicht in der Uniform der US Mail, sondern sie trug hochhackige weiße Schuhe und ein hellgrünes Sommerkleid, das ihre schlanke Figur angenehm betonte.
Die langen, kupferroten Locken hatte sie auf einer Seite hochgesteckt und sie trug eine Hibiskusblüte im Haar, sowie eine rote Wollschärpe um ihre Taille, die man auch als Schal oder als Schultertuch benutzen konnte. Damit sah sie einfach hinreißend aus!
"Just a Moment, please!", rief sie ihm mit einem fröhlichen Lächeln zu und verschwand mit einer Tüte unter dem Arm im alten Schulgebäude, um dort zuerst ihre Mutter zu begrüßen.

Dieser "just Moment" dauerte für ihn beinahe eine Ewigkeit und er stieg bereits ungeduldig von einem Bein auf das andere, während er immer wieder aus dem Fenster sah. Warum dauerte es denn nur so lange?
Ob er vielleicht einfach mal hinübergehen und an ihrer Tür klopfen sollte?
Aber nein! Das gehörte sich einfach nicht, auch nicht hier in der Wildnis. In diesem Falle hatte er zu warten - auch wenn es ihm ziemlich schwerfiel.
Durch die Fensterscheibe seiner Bibliothek konnte er beobachten, wie sich die beiden Frauen in der Küche zu schaffen machten und eifrig miteinander diskutierten. Dabei erkannte er aus der Gestik und Mimik, daß sich die Gespräche wohl auch um ihn drehen mußten? Zumindest wanderten die Blicke der beiden des öfteren in die Richtung seines Hauses.

Sarah hatte unterdessen im Eßzimmer den kleinen Tisch gedeckt und Geschirr aufgelegt. Ihre Mutter, Mrs. O'Connor winkte ihn kurz darauf hinüber, um ihn ebenfalls zu Tee und selbstgebackenen Muffins mit Ahornsirup einzuladen, die einfach köstlich schmeckten.
Bei dieser Gelegenheit wurde er nun erstmalig mit der persönlichen Geschichte von Mrs. O'Connor und ihrer Familie - natürlich auch der hübschen Sarah - vertraut gemacht. Da sie inzwischen Nachbarn waren, kannten sie sich natürlich bereits.
Mrs. O'Connor, die ehemalige Lehrerin und er hatten sich immer freundlich gegrüßt und stets einige nette Worte gewechselt, jedoch noch nie miteinander über ganz persönliche Dinge gesprochen.

Trotz ihres roten Haares und des irischen Namens war Sarah keine echte Irin. Ihr Urgroßvater väterlicherseits, Patrick O'Connor war Ire. Er war zur Zeit des Goldrausches nach Alaska gekommen und hatte in Sitka, bzw. dem früheren Petersburg seine zukünftige Frau kennengelernt, die aus der alten russischen Adelsfamilie Baranov aus dem sibirischen Irkutsk stammte und von denen viele nach dem Kauf von Alaska durch die USA nicht mehr in das damalige Zarenreich zurückgekehrt waren. Sie waren Amerikaner geworden.
Ihr verstorbener Vater hatte als Ingenieur in der alten Kupfermine von Kennicott gearbeitet und seine Frau, - also ihre Mutter - war früher Lehrerin in dem kleinen Bergarbeiterort McCarthy, als es hier noch eine Schule gab. Eine ältere Schwester war ebenfalls Lehrerin und in Glennallen verheiratet, der älteste Bruder jedoch war Angestellter einer Bank in Seattle, wo er mit seiner Familie lebte.
Sarah O'Connor aber war weder verlobt, noch verheiratet. Sie hatte an der Uni in Anchorage Busineß- Management, also Betriebswirtschaft studiert, bevor sie ihren damaligen Verlobten Mike kennenlernte, der Postflieger bei der US Mail war. Dieser war vor mehreren Jahren mit seinem Sportflugzeug abgestürzt und dabei ums Leben gekommen.
Den Pilotenschein für Sportflugzeuge hatte sie natürlich auch gemacht, als sie später den Job bei der US Mail bekam.

Er wußte bereits, daß Alaska schon lange vor der Zeit des Goldrausches so um die Jahrhundertwende ein Schmelztiegel von verschiedenen Rassen, Kulturen und Religionen war. Zunächst gab es neben der indianischen Urbevölkerung der Innuit, also der Aleuten- Eskimo, der Tlingit und der Athapasken die ersten russischen Kolonisten, die Alaska für den Zaren in Besitz nahmen.
Später dann - nach dem Kauf von Alaska durch die USA - kamen Engländer, Schotten, Iren, Norweger, Franzosen, Ungarn, Deutsche, Polen und Amerikaner ins Land, aber auch Indianer aus Kanada, Neger und Chinesen.Man durfte also getrost die Behauptung aufstellen, daß es mittlerweile keinen einzigen reinrassigen Alaskaner mehr gab, falls es ihn überhaupt je einmal gegeben hatte.
Auch eine allumfassende "Staatsreligion" gab es hier nicht, nur Menschen. Bereits die indianischen Bezeichnungen "Inuit" oder "Lakota" bedeuteten ja nichts anderes als eben nur "Mensch".

Auch er erzählte etwas aus seinem bisherigen Leben, aus seiner alten Heimat in Europa, seinen Interessen, seinen Wünschen und seinen Zielen. Sowohl Mrs. O'Connor, als auch die hübsche Sarah hörten ihm dabei sehr aufmerksam zu und ihre Blicke trafen sich des öfteren ganz kurz dabei.
Dieser interessante, fremde Mann hatte trotz des relativ großen Altersunterschiedes eine durchaus faszinierende Ausstrahlung auf Sarah. Irgendwie war er völlig anders als ihre Kollegen und die Männer, die sie in ihrem bisherigen Leben kennengelernt hatte.
Dieser Mann hatte ganz sanfte, warme, braune Augen und trotz seines holprigen Englisch eine sehr angenehm klingende, ruhige Stimme, die eine Woge des Wohlgefühles und der Geborgenheit tief in ihrer Seele auslöste.
Ihr wurde richtig warm ums Herz und diese Wärme stieg bis zu ihrem Halsansatz empor.Ganz flüchtig mußte sie dabei an den Teddybären denken, den sie als kleines Kind einmal von ihrem Vater bekommen hatte und sie mußte innerlich über diese plötzliche Assoziation schmunzeln. Es schien ihr jedenfalls, als ob sie ihn bereits seit langer Zeit gut kennen würde und ein leichtes Kribbeln lief ihr dabei über ihren Rücken.
Trotz des tadelnden Blickes ihrer Mutter hatte sie ganz undamenhaft den Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt und ihr Kinn auf ihre Hand aufgelegt. Dabei fuhr sie sich des öfteren mit den Fingern der anderen Hand durch ihre feuerroten Locken, während sie ganz gebannt seinen Erzählungen lauschte und dabei mit der Zunge manchmal ihre Lippen befeuchtete.
Er hingegen hatte bei jedem kurzen Blickkontakt in ihre strahlenden blaugrünen Augen das Gefühl, sofort darin versinken zu müssen.
In solchen Momenten stockte sein Redefluß immer etwas und er mußte in seinem Gedächtnis erst wieder nach den richtigen Worten auf Englisch suchen. Sarah schmunzelte dabei etwas verschmitzt, wobei ihre strahlend weißen Zähne leicht sichtbar wurden und auch ihre Mutter lächelte etwas verhalten über die Verwirrung dieses reiferen Mannes aus dem fernen Europa.
Er aber merkte ganz deutlich, daß diese junge Frau eine ganz eigenartige Faszination in ihm auslöste, wie er sie nur selten in seinem Leben gespürt hatte.
Über Körpersprache hatte er bereits genügend Erfahrungen gesammelt, um die Haltung, das Mienenspiel und die Bewegungen von Sarah richtig deuten zu können. Was hier vor seinen Augen ablief, war weibliches Balzgebaren per Excellence und auch der Begriff "Zuneigung" war hierbei durchaus sehr wörtlich zu verstehen. Immerhin war sie unbewußt mit ihrem Kopf und ihrem Oberkörper immer weiter in seine Richtung geraten, während sie sich ihm zugewandt hatte, um seinen Erzählungen zu lauschen.
Die Zeit verging wie im Fluge und bevor sie sich versahen, war es Abend geworden.
Um sich für die nette Einladung zu revanchieren, hatte er die beiden Damen zum Dinner bei Ma Johnson eingeladen, aber Mrs. O'Connor fand einen guten Grund, die beiden heute Abend nicht dorthin zu begleiten. Sie war eine sehr kluge Frau und ihr war natürlich die knisternde Atmosphäre zwischen ihrer attraktiven Tochter und diesem Mann aus dem fernen Europa nicht entgangen.
So bedankte er sich bei Mrs. O'Connor sehr herzlich für die nette Einladung zum Tee und führte wenig später an diesem Abend nur die hübsche Sarah zum Dinner aus.

Ma Johnson, die Wirtin aber war ebenfalls eine kluge Frau. Sie hatte diesmal nicht seinen üblichen Fensterplatz an der Main Street für ihn reserviert, sondern einen Tisch im hinteren Teil des Restaurants für die beiden gedeckt, der durch einen Raumteiler etwas vom großen Gastzimmer abgetrennt war. Dort konnten sich die beiden beim Dinner völlig ungestört unterhalten, während im vorderen Teil einige Einheimische und einige Angestellte der Minengesellschaft saßen und sich über das bevorstehende Projekt unterhielten. Zwar wurde er von den anderen Gästen freundlich begrüßt, aber - da er in weiblicher Begleitung war - doch sehr diskret in Ruhe gelassen.
Sarah aber hatte durch ihr Outfit die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich gezogen. Ganz offensichtlich kannten sie die meisten Bewohner von McCarthy nur in der Postuniform der US Mail?

Er hatte sich - mit ihrer Einwilligung - für das Menü "Karibubraten mit Gemüse und Kartoffeln" entschieden und als Vorspeise die Zwiebelsuppe mit geröstetem Weißbrot bestellt. Karibu´s waren eine Wildart in Alaska, in etwa vergleichbar mit europäischem Rotwild.
Zu dem vorzüglichen Dinner bestellte er noch eine Flasche würzigen Cabernet Sauvignon, also guten kalifornischen Rotwein aus dem Napa Valley, um mit Sarah auf den netten Abend anzustoßen.
Ma Johnson hatte an diesem Abend alle Hände voll zu tun, deshalb dekantierte er den Wein selbst, damit sich zunächst erst einmal dessen Aroma voll entfalten konnte. Dabei berührte er zufällig ihre Hand, wobei er so etwas wie einen heftigen Stromschlag erhielt, den er bis in die Haarspitzen und in die letzten Nervenenden zu verspüren glaubte. Beinahe hätte er dabei den Wein verschüttet.
Die spannungsgeladene Atmosphäre, die sich bereits den ganzen Nachmittag zwischen den beiden aufgeschaukelt hatte, hatte sich also ganz plötzlich mit einem heftigen Schlag entladen.Der berühmte "Funke" war übergesprungen!

Sarah hatte natürlich ebenfalls diesen starken Stromschlag gespürt und war dabei ganz erschrocken zusammengezuckt. Sie hatte sich jedoch bald wieder unter Kontrolle. Sie blickte ihn neckisch an, brachte einen dazu passenden Trinkspruch aus und beide lachten ausgelassen über dieses eigenartige Phänomen, das viele Menschen, die so etwas noch nie selbst erlebt hatten, nur für ein romantisches Wortspiel hielten.
In Wirklichkeit aber war es eben ein physikalisches Phänomen, bei dem sich zwischen zwei Menschen - ähnlich wie bei einer Zündspule - eine Spannung von bis zu mehreren tausend Volt aufbauen konnte, allerdings im Bereich von nur wenigen Milliampére, also - bis auf den Schrecken - eigentlich völlig ungefährlich.

Hier, in ungezwungener Atmosphäre war es leicht, sich gut mit ihr zu Unterhalten, er merkte dabei, daß sie sehr viele gleichartige Ansichten, Lebenseinstellungen, Interessen und Wertvorstellungen hatten. Eine gewisse Seelenverwandtschaft war also durchaus vorhanden.
Auch sie fühlte sich sehr wohl in seiner Gegenwart und ließ es gerne zu, daß er über den Tisch hinweg ihre beiden Hände ergriff. Diese Berührung löste ein sehr angenehmes Prickeln auf ihrer Haut aus, das sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Seit dem tragischen Tode ihres Verlobten Mike hatte sie keinerlei engeren Kontakte mehr mit Männern gehabt, obwohl es an Möglichkeiten und Avancen nie gefehlt hatte.

Es war schon sehr spät, als er Sarah zum Hause ihrer Mutter begleitete, um sich dort von ihr zu verabschieden.
Allerdings war es um diese Jahreszeit hier in Alaska, nahe am Polarkreis nicht stockfinstere Nacht, sondern eher eine Dämmerstimmung. Am nördlichen Horizont konnte man gut die Polarlichter tanzen sehen. Wie feurige Nebelschwaden zogen sie über den Horizont, während es zwischendrin - fast wie bei einem Gewitter - manchmal hell aufblitzte. Es war ein herrliches Naturschauspiel, das die beiden noch eine Weile schweigsam bewunderten. Dabei hatte sie ihren Schal um ihre Schultern gelegt, sich mit dem Rücken an seine Brust gelehnt und ihren Kopf an seine Schulter gelegt, während sie tief durchatmete, um die Atmosphäre dieser - relativ warmen - Polarnacht förmlich in sich aufzusaugen. Sie schien sich dabei sehr, sehr wohl und geborgen zu fühlen.
Er hingegen hatte von hinten beide Arme um ihre Taille verschlungen, sie dabei zärtlich an sich gedrückt und seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt. Einige ihrer vorwitzigen roten Locken kitzelten ihn dabei so an der Nase, so daß er nur mit Mühe einen plötzlichen Niesreiz unterdrücken konnte.
Ganz langsam und genußvoll sog er ihren angenehmen Duft tief in sich auf, der nicht nur aus ihrem Parfüm bestand.
Es war eben ganz einfach dieser unbeschreibliche Duft rothaariger Frauen...

Gerade gab er ihr von hinten einen zärtlichen Kuß auf ihren Haaransatz im Nacken, als sie dabei - wie fröstelnd - erschauerte und sich in seinen Armen plötzlich zu ihm umdrehte. Mit ihren wunderschönen blaugrünen Augen strahlte sie ihn neckisch an und wieder hatte er das Gefühl, darin versinken zu müssen.
Daraufhin stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schlang ihre Arme um seinen Hals, um ihm einen zärtlichen Kuß auf den Mund zu geben.
Ganz so, als ob sie dies ebenso plötzlich wieder bereuen würde, hatte sie sich flink aus seinen Armen gelöst und war mit einem: "Good night, we a´ see tomorrow" hinter der Tür des alten Schulhauses verschwunden.
Ziemlich verdattert stand er da, während die schwere Tür hinter ihr ins Schloß fiel. Trotz seiner reifen Lebenserfahrung fühlte er sich in diesem Moment wie ein dummer, großer Junge, der sich von dieser quirligen jungen Frau hatte überraschen lassen.
Trotzdem ging er sehr glücklich und zufrieden kurz darauf zu seinem Haus, um nach einer heißen Dusche - so wie jeden Abend - alleine zu Bett zu gehen.
Schlafen konnte er allerdings noch lange nicht, zu sehr waren seine Gedanken noch mit der hübschen Sarah O'Connor mit den blaugrünen Augen und den vielen Sommersprossen auf ihrer Nase beschäftigt. Aber auch mit dem heftigen Stromschlag von vorhin und ihrem unbeschreiblichen Duft: Süßlich und doch herb, warm und doch frisch, bitter und doch mild.
Die Schmetterlinge in seinem Bauch flatterten ganz aufgeregt herum. Wann hatte er diese zum letzten Mal gespürt? Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Er hatte schon gedacht, sie wären bereits seit langem tot.
Ob sie wohl...???... vielleicht ... am Ende ebenfalls...??? ...
Diese Frage aber hatte sich im Grunde bereits erübrigt, wenn er ihre Körpersprache richtig gedeutet hatte. Diese war völlig eindeutig gewesen und hatte eigentlich keine Zweifel offengelassen.
 
Früh am nächsten Tage waren weitere Angehörige der restlichen Bewohner von McCarthy in dem kleinen Ort eingetroffen und wie jedes Jahr wurden bereits die Vorbereitungen für das große Barbecue getroffen. Mary McNally, Sarah´s ältere Schwester aus Glennallen war ebenfalls mit ihrem Mann und den beiden Kindern gekommen, der älteste Bruder aus Seattle jedoch hatte abgesagt. Er war beruflich verhindert und konnte dieses Jahr leider nicht daran teilnehmen.
Sarah hatte kurz darauf an seiner Tür geklopft, war zu ihm ins Haus gekommen und hatte ihn mit einem Kuß und einer herzlichen Umarmung begrüßt. Sie hatte ihn daraufhin zum Tee ins Haus ihrer Mutter gebeten, um ihm bei dieser Gelegenheit auch den vorläufigen Rest ihrer Familie vorzustellen und sie miteinander bekanntzumachen.
Viel lieber wäre er jetzt mit der attraktiven Sarah alleine gewesen, trotzdem kam er dieser Einladung gerne nach, - zeigte sie ihm damit doch sehr deutlich, daß er ihr alles andere als Gleichgültig war.

Mary hatte ebenfalls rötliches Haar, allerdings wirkte sie wesentlich älter und gesetzter, obwohl sie nur drei Jahre älter war als ihre Schwester Sarah. Vielleicht lag es aber auch nur an ihrer strengen Frisur und ihrer altmodischen Brille. Sie hatte nach dem Studium - wie vordem ihre Mutter - eine Anstellung als Lehrerin an einer staatlichen Schule erhalten.
Randy McNally, ihr Mann dagegen war bei der Forstverwaltung in Glennallen beschäftigt. Er war als Wildhüter für einen Teil des neuen Naturschutzgebietes, des St. Elias National Park zuständig. Seine Familie stammte ursprünglich aus Schottland und hatte sich zusammen mit dem Hallwag- Verlag erfolgreich mit der Kartographie von Alaska befaßt.

Nachdem sie sich begrüßt und einander bekanntgemacht hatten, machten sich am frühen Vormittag alle zusammen auf den Weg, um beim Aufbau des Festes mitzuhelfen.
Auch Mr. Cooper, der Methodistenprediger aus Glennallen hatte sich für eine Nacht bei Ma Johnson einquartiert, um am nächsten Tag in der kleinen Kapelle die heilige Messe zu halten. Ein hagerer Mann mit einem grauen Kinnbart und markanten Gesichtszügen, die beinahe ein wenig an Präsident Abraham Lincoln erinnerten.
Dessen Vorfahren waren noch im letzten Jahrhundert aus England nach Amerika ausgewandert, da sie in ihrer alten Heimat wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.Dies hatte er beim Dinner bei Ma Johnson von ihm erfahren, als dieser ihn fragte, ob er wohl ebenfalls an seinem Tisch Platz nehmen dürfe.
Er hatte durchaus nichts dagegen einzuwenden gehabt, ganz im Gegenteil! Dieser Mr. Cooper hatte eine durchaus charismatische Ausstrahlung und gute Manieren. Er schien also zumindest ein sehr interessanter Gesprächspartner zu sein?

Daß er nun das ehemalige Haus seines Amtsbruders bewohnte, wußte Mr. Cooper bereits. Schließlich waren er und Mrs. O'Connor - die ehemalige Lehrerin - seit mehreren Jahren gute Bekannte, so wie er auch ihre beiden Töchter Mary und Sarah gut kannte.
Ebenfalls hatte Mr. Cooper natürlich von dem spektakulären Fund des Fremden und seiner - äußerst großzügigen - Spende an das Waisenhaus in Glennallen erfahren, wo er als Priester natürlich im Verwaltungsrat, also dem Komitee einen Sitz innehatte. Aus einem Teil des Verkaufserlöses der Schürfrechte auf seinem Claims hatte er nämlich einen privaten Sozialfond für die verbliebenen Bürger von McCarthy, sowie eine Brücke über den Kennycott River gestiftet. Zudem eine größere, jährliche Zuwendung an das Waisenhaus in Glennallen, womit ausschließlich Stipendien, Lehrmittel und Taschengelder für begabte Schüler finanziert werden sollten.
Diese Mittel waren also strikt Zweckgebunden, darauf hatte er bestanden.
Außerdem hatte er natürlich die gesamten Kosten des Sonnwendfestes in diesem Jahr übernommen, sozusagen als Einstand in seiner neuen Lebensgemeinschaft.
Niemand hatte dies alles von ihm erwartet, aber er hatte einfach das Gefühl, diesen netten Menschen hier am Ende der Welt etwas schuldig zu sein dafür, daß sie ihn so bereitwillig in ihrer Mitte aufgenommen hatten. Sein plötzlicher Reichtum stammte von hier, also sollte ein Teil davon auch den Menschen hier zugute kommen. Und wer weiß, vielleicht brachte ja die neue Minengesellschaft wieder Arbeit und somit neuen wirtschaftlichen Aufschwung in diese verlassene Region?

Sie unterhielten sich noch eine Weile sehr angenehm, bis Mr. Cooper sich verabschiedete, um sich nach oben auf sein Zimmer zurückzuziehen. Er wollte dort noch einige Details für seine morgige Predigt ausarbeiten.
Seltsamerweise hatte Mr. Cooper nicht einmal den leisesten Versuch unternommen, ihn anzupumpen, ihn jedoch eingeladen, morgen Vormittag ebenfalls an der heiligen Messe teilzunehmen.
Obwohl er überzeugter Atheist war, hatte er damit kein Problem. Immerhin hatte er ja früher auch schon Kirchen und Synagogen, diverse Tempel und einige Male eine Moschee besucht. Also hatte er sich bei dem Prediger sehr herzlich bedankt und seine Einladung angenommen. Im Grunde aber ging es ihm in erster Linie darum, dabei in der Öffentlichkeit der gesamten Gemeinde die hübsche Sarah an seiner Seite zu wissen.

Am nächsten Tag hatte er Sarah und ihre Mutter an ihrer Tür abgeholt und die beiden Damen auf dem kurzen Weg zur Kapelle begleitet. Mary war mit ihrem Mann Randy und den beiden Kindern bereits vorausgegangen, um mit den anderen Leuten vom Festkomitee noch einige Details zu besprechen.
Die Kapelle war bereits festlich geschmückt und die Tische und Bänke für das anschließende Festmahl auf der Main Street waren auch bereits aufgestellt. Er selbst hatte mit Sarah und den anderen Bürgern des Ortes am Tag zuvor noch tatkräftig dabei mitgeholfen. Auch Mr. Cooper war bereits vor Ort und bereitete sich auf die hl. Messe vor.

Als die gesamte Gemeinde in und vor der Kapelle versammelt war, begann dieser mit dem Gottesdienst. Dies war jedoch keine monotone Liturgie, wie man es von katholischen oder evangelischen Gottesdiensten in Europa kennt, sondern eine sehr lebhafte Gemeinschaftsfeier, dessen Hauptbestandteile das gemeinsame Singen von Kirchenliedern und seine Predigt war.
In seiner Predigt hatte er bereits das außergewöhnliche soziale Engagement dieses neuen Mitbürgers mit eingearbeitet und entsprechend gewürdigt, obwohl er inzwischen wußte, daß es nicht von einem Glaubensbruder kam, sondern von einem ungläubigen Atheisten. Dieser Umstand wurde jedoch mit keinem Wort erwähnt, er bemühte in seiner Predigt vielmehr das Gleichnis von dem verlorenen Sohn. (vgl. Lukas, Kapitel 15, 11-32) Aus seiner gestrigen Unterredung mit dem Fremden wußte Mr. Cooper natürlich, daß dieser seltsame Atheist bibelfest genug war, um diesen Wink zu verstehen.
Natürlich kannte auch dieser Fremde das Gleichnis aus der Bibel sehr gut, in dem der Vater für seinen verloren geglaubten Sohn - bei dessen Rückkehr - das beste Kalb für das Festmahl geschlachtet hatte. Allerdings war er über die unerwartete Dreistigkeit des Predigers doch ziemlich überrascht. Immerhin war ER es ja gewesen, der in diesem Jahr - zumindest symbolisch - das gemästete Kalb für das Festmahl geschlachtet hatte. Nicht die Kirche und nicht der Prediger.
Mr. Cooper hatte also versucht, sich Indirekt mit fremden Federn zu schmücken. Eine angedeutete Rückkehr in den Schoß der Kirche würde es für ihn ohnehin niemals geben.Trotzdem ließ er sich bei der anschließenden Kollekte nicht lumpen und spendete einen beträchtlichen Betrag für den Erhalt der Kapelle von McCarthy.
Da es in den USA noch zu keiner Zeit jemals Kirchensteuern gegeben hatte, war natürlich jede Glaubensgemeinschaft sehr auf diese - mehr oder weniger - freiwilligen Kollekten angewiesen. Zumindest hatte er dabei den Trost, daß dieses Geld nicht die Reise nach Rom antrat, sondern hier, in seiner neuen Gemeinschaft verwendet wurde. Das war in Ordnung so.

Es wurde also zwei Tage lang gefeiert, getanzt, gegessen und getrunken und am Ende des Festes hatte er in Sarah eine neue Partnerin gefunden, die von nun an vielleicht den Rest seines Lebens mit ihm gemeinsam verbringen würde.Leicht wie eine Feder hatte sie beim Tanz in seinen Armen gelegen, als sie zusammen wirbelnd über das Parkett fegten.
Dieses „Parkett" war natürlich nichts anderes als einige rohe Holzdielen, die auf ein Balkenlager genagelt waren.
Sie reagierte sofort auf den leisesten Händedruck von ihm und es war, als hätten sie nie etwas anderes gemacht, als zusammen getanzt. Obwohl er eigentlich ein sehr guter Tänzer war, hatte er so manches Mal Schwierigkeiten, sich wieder auf den Takt der Musik zu konzentrieren, wenn er zuvor in ihre tiefgründigen, blaugrünen Augen geschaut hatte, die ihn zärtlich anblickten.
Sarah war durchaus sehr angetan von diesem stattlichen, gebildeten und vielseitigen Mann, der sie vergötterte und so aufmerksam und zärtlich - beinahe wie eine Prinzessin - behandelte. Das war eine völlig neue Erfahrung für sie. Obwohl er doch um viele Jahre älter war als sie, hatte dieser Umstand für sie keine Rolle gespielt. Sie hatte mit ihm die Liebe wiedergefunden.
Er dagegen war sehr glücklich, hier eine so attraktive und zugleich kluge Frau gefunden zu haben. Er hatte sich ebenfalls in sie verliebt.
Ein herzliches Wesen, lebhaftes Temperament, schlanke, aber doch weibliche Figur, feuerrotes Haar mit genügend Hirn darunter, heller Hauttyp und Sommersprossen ohne Ende. Davon hatte er schon immer geträumt!
Und ... Nichtraucherin war sie obendrein auch noch.

Bereits früher einmal hatte er sich mit Verhaltenspsychologie und der durchaus plausiblen These der Geschwisterkonstellationen befaßt. Der bekannte amerikanische Psychoanalytiker und Paartherapeut Dr. Kevin Léman aus Tucson / Arizona hatte zu diesem Thema ein interessantes Buch geschrieben mit dem Titel: "Were you born for each other", oder zu Deutsch: "Füreinander geboren". Demnach paßt in einer Paarbeziehung oder Ehe immer der jeweils Erstgeborene am besten zu einem letztgeborenen Partner und zwar völlig Unabhängig davon, ob es sich dabei um den Mann oder um die Frau handelt. Noch besser harmoniere es angeblich, wenn z.B. ein erstgeborener Mann mit jüngeren Schwestern aufgewachsen war und eine letztgeborene Frau einen älteren Bruder hatte.
Und genau dies war hier der Fall.
Auch die astrologische Konstellation der beiden zueinander war durchaus günstig zu bewerten. Er als Erdzeichen (Stier, Asz. Zwillinge) und Sarah als Wasserzeichen (Fische, Asz. Waage) würden sich voraussichtlich in vielen Dingen des Lebens - nicht nur in der Liebe - sehr gut ergänzen. Denn auch mit dieser Wissenschaft hatte er sich bereits seit vielen Jahren durchaus kritisch auseinandergesetzt und sogar einmal ein - über 300seitiges - Buch darüber geschrieben.
Alles, was er sich jemals erträumt hatte, war hier in Alaska in Erfüllung gegangen.

Der kurze, arktische Sommer neigte sich seinem Ende zu. Die Minengesellschaft hatte bereits mit dem Holzeinschlag begonnen und Bohrgeräte, Dynamit und Pumpen herangeschafft, um im nächsten Frühling dann sofort mit der Ausbeute der Mine beginnen zu können. Auch mit der Sanierung der alten Bahnstrecke wurde begonnen, allerdings nur für den Güterverkehr, um damit später das Erz transportieren zu können. Vorerst aber wurde damit das geschlagene Holz zu Tale gebracht und in McCarthy zwischen dem alten Bahngebäude und dem neu renovierten Pfarrhaus gelagert.
Inzwischen war auch der Bescheid vom Generalkonsulat aus Washington eingetroffen, daß vom "Bureau of Immigration" - also von der US- Einwanderungsbehörde - sein Antrag auf eine Green Card vorzeitig bewilligt worden sei. Er brauchte also somit das Land zwischenzeitlich nicht zu verlassen.
Sarah hatte ihre kleine Wohnung in Glennallen aufgegeben und war zu ihm in das neu renovierte, geräumige Pfarrhaus nach McCarthy gezogen, das groß genug für eine ganze Familie gewesen wäre. Die Pfaffen jeder Konfession hatten es anscheinend immer schon verstanden, gut zu leben. Auch hier in der Wildnis.
Mit weiblicher Intuition und geschickter Hand hatte sie alles sehr liebevoll und wohnlich ausgestaltet, nur das Herrenzimmer und die große Bibliothek im Obergeschoß waren sein alleiniges Refugium geblieben. Dafür hatte er sich extra aus Europa den größten Teil seiner Bücher nachsenden lassen.
War es nicht Verrückt? Ausgerechnet er - ein überzeugter Atheist - bewohnte nun mit seiner jungen, hübschen Geliebten das große, ehemalige Pfarrhaus des kleinen Ortes.Die Bibel hatte er oft genug gelesen, wahrscheinlich sogar öfter als die meisten Katholiken, hatte sie jedoch immer mit anderen Augen gesehen als die sogenannte "Heilige Kirche".
Mit derselben, kritischen Distanz aber hatte er auch andere Schriften studiert wie z.B. ägyptische, griechische und indianische Mythologie, buddhistische Schriften, die jüdische Tora, das Gilgamesch- Epos, den Koran und das Mahabarata.
Alle hatten eines gemeinsam: Sie waren die ältesten Geschichtsbücher der Menschheit. Nicht mehr und nicht weniger.
Obwohl Sarah und ihre Mutter bekennende Mitglieder der Methodistischen Kirche waren, hatte sie nie versucht, bei ihm irgendwelche „Bekehrungsversuche" zu starten. Sie hatte sich aber klar ausbedungen, auch von ihm in der Ausübung ihres Glaubens nicht beeinflußt zu werden.
Mit dieser Vereinbarung konnte er gut leben, er hatte ohnehin noch nie ein Problem damit gehabt, eine andere Glaubensrichtung oder Konfession zu respektieren. Dieselbe liberale Gesinnung, die er immer schon in politischer Hinsicht gehabt hatte, traf natürlich auch auf Glaubensfragen zu.

Das gesamte Brennholz für den großen Kamin stammte noch aus seinem Claim, denn die Minengesellschaft hatte keine Verwendung dafür gehabt. Das ganze Holzlager zwischen dem alten Bahngebäude und seinem Haus gehörte also ihm. Dies würde sicher für viele, lange und kalte Winter ausreichen.
Falls die Minengesellschaft hier in McCarthy Bedarf an einer Fachkraft im Management haben sollte, würde Sarah ihren Job bei der US Mail eventuell wieder aufgeben. Beworben hatte sie sich bereits, denn alleine nur Hausfrau wollte sie nie sein.

Tom, der alte Indianer aus dem Hardware- Store von Mr. Marshall war oft zu Besuch bei den beiden, um mit ihm zusammen sowohl seine Englischkenntnisse, als auch seinen Sioux- Sprachschatz weiter auszubauen. Zudem führten sie oft lange Gespräche über indianische Mythologie. Tom war die ganzen Jahre über nie zum Christentum konvertiert.
Von ihm hatte er als Haustier den zahmen Luchs erworben, der ihm bereits bei seiner Ankunft im Laden von Mr. Marshall aufgefallen war. Tom hatte ihn im letzten Sommer völlig zerzaust und abgemagert als kleines Welpen gefunden und ihn zuhause großgezogen, er hatte somit nie in der Wildnis gelebt.
Die beiden, doch so unterschiedlichen Männer aus völlig verschiedenen Kulturen waren inzwischen gute Freunde geworden, die Anrede "Thibló" (älterer Bruder) aber hatte er - Tom gegenüber - beibehalten. Es schien ihm angebracht zu sein, obwohl dieser ihn zumeist mit "Kholáyaye" oder "Khoschkálaka", (also mit junger Freund) ansprach. Immerhin war Tom bereits weit über 70 Jahre alt, dies hatte er auf seine Frage: "Wanì yetu nitòna hé?" (wie viele Winter zählst du?) von ihm erfahren.
Tom war übrigens ein Lakota- Sioux vom Stamme der Teton, dessen Eltern bereits in der Zeit der großen Depression in den 20er Jahren von Pine Ridge in South Dakota nach Alaska übergesiedelt waren, denn hier gab es Arbeit und Brot in den Kupferminen. Er selbst hatte sich - noch beim alten Mr. Marshall - bereits als kleiner Junge als Laufbursche verdingt und sich bis zum stellvertretenden Geschäftsführer hochgearbeitet. Seine spätere Frau - eine einheimische Tlingit - war bereits lange verstorben, sein einziger Sohn verunglückt.
Sein wirklicher Name war auch nicht Tom, aber bereits der alte Mr. Marshall hatte ihn immer Tommy genannt, weil er seinen indianischen Namen "Ikthomi" (Langbein) nie aussprechen konnte oder wollte. Und so war es eben dabei geblieben.

Das einfache Leben, das er bereits als kleiner Junge geführt hatte, erlaubte es ihm, sich mit Sarah, seiner neuen Partnerin hier in Alaska, fernab der Zivilisation sehr wohl zu fühlen. Er war überaus glücklich, diese faszinierende Frau gefunden zu haben.
Sogar eine Lieblingskatze hatte er nun wieder, allerdings in einer wesentlich größeren Ausführung. In Anlehnung an den Namen seines ehemaligen Besitzers hatte er den jungen Luchs ganz einfach "Tomcat" genannt, was im Grunde nur "Kater" hieß.
Natürlich wußte er, daß er Tomcat möglicherweise wieder verlieren würde, wenn ihn der Ruf der Wildnis einmal erreichen würde.
Er würde ihn gehen lassen, aber mit der Hoffnung, daß dieser sich vielleicht später wieder an sein Heim bei den Menschen erinnern würde.

Somit hatte sich der Kreis für ihn geschlossen. Er war im Grunde wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt.
Sein Großvater hatte den Grundstein dafür gelegt, daß er überhaupt in der Lage war, das Gold zu finden, sein Stiefvater dagegen hatte ihn (indirekt) vor allen Suchten nach Alkohol und Nikotin bewahrt.
Seine frühen negativen Erfahrungen mit Vertretern der "Heiligen Kirche" hatten ihn dazu bewogen, sich rechtzeitig von allen Religionen freizumachen, sich aber trotzdem kritisch damit auseinanderzusetzen und sie alle weitgehend zu respektieren.
Sein leiblicher Vater hatte (ebenfalls indirekt) dazu beigetragen, daß er relativ früh auf eigenen Beinen stehen und sein Leben selbst in die Hand nehmen mußte.
Seine Herkunft aus ärmlichsten Verhältnissen aber hatte ihm den Antrieb gegeben, nach Oben zu kommen und ihm dabei geholfen, auf diesem Wege nichts zu verschwenden, sondern das Wenige zu achten. Sie hatte ihn auch dazu bewogen, einen großen Teil seines plötzlichen Reichtums den Kindern zugute kommen zu lassen, die in einer ähnlichen Lage waren wie er selbst, sich jedoch weiterentwickeln wollten.
Der Umstand, ein unehelicher "Bastard" zu sein, hatte sein soziales Empfinden geschärft und ihn gelehrt, einen Menschen niemals nach seiner Rasse, Herkunft oder Religion zu beurteilen.
Die Bücher hatten ihm dabei geholfen, umfangreiches Wissen anzuhäufen und daraus einen großen Teil seiner eigenen Persönlichkeit zu entwickeln.
Seine Schulfreundin "Medi" aber hatte ihm die Richtung vorgegeben, in die er sich später in der Liebe orientieren sollte.

Erst hier in Alaska, am anderen Ende der Welt hatte er endlich gefunden, wonach er so lange gesucht hatte und das war ganz sicher nicht nur das Gold. Er kehrte nur noch einmal in seine alte Heimat zurück, um alles zu verkaufen, was er sich dort geschaffen hatte und danach alle Brücken hinter sich abzureißen. Den alten Regulator und das Hochzeitsbild seiner Großeltern aber hatte er mitgenommen.


ENDE
 

Bei dieser Geschichte handelt es sich um den Ausschnitt aus einer Autobiographie eines kleinen Jungen, der ohne Vater aufgewachsen war und ihn deshalb nie gekannt hatte.
Diese ganze Geschichte trägt den Titel „Der Bastard" und ist natürlich viel zu lang für dieses Forum, das ja eigentlich eher für Kurzgeschichten gedacht ist.
Deshalb habe ich die Geschichte in mehrere Kapitel unterteilt, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht mit einer Endlosgeschichte a´ la „Lindenstraße" zu ermüden.

Selbstverständlich wurden auch diese Kapitel nochmals drastisch gekürzt, um sie auf ein - für den Leser - erträgliches Maß zu reduzieren.
Ich hoffe aber, damit die gesamte Geschichte nicht allzu sehr „zerstückelt" zu haben und die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden einigermaßen „lesegerecht" ausgeglichen zu haben?

Die Titel der einzelnen Kapitel sind wie folgt:

1. Die Wurst
2. Das kleine Häschen
3. Verlust der Heimat
4. Die neue Schule und das Leben in der Stadt
5. Lehrzeit und erste Liebe
6. „Medi"
7. Der Vater
8. Alaska I (Auf nach Alaska!)
9. Alaska II (Der Duft rothaariger Frauen)

Den interessierten Leser bitte ich, diese Geschichten auf meiner Seite einfach anzuklicken.

Die ersten sieben Kapitel sind autobiografisch und entsprechen somit auch tatsächlichen Begebenheiten. Die Namen wurden allerdings leicht abgewandelt.
Die letzten beiden Kapitel dieser Geschichte „Alaska I + II " dagegen sind reine Fiktion, die allerdings durchaus reale Hintergründe hat (wie z.B. der Jugendtraum von Alaska und der Erwerb eines Claims an besagtem Ort bei Kennycott, bzw. McCarthy).
Auch die kleine Pension von Ma Johnson und der Laden von R.L.H. Marshall existieren wirklich, ebenso wie der Andenkenladen von Mrs. O Connor, die alte Kupfermine von Kennicott und die sonstigen beschriebenen Örtlichkeiten.
Kenner dieser herrlichen Gegend werden dies sicher bestätigen können.

Gold oder Rotgold allerdings hatte es dort nie gegeben, auch keine Sarah O Connor.

Ich habe mir alle Mühe gegeben, meine Leser in meine Geschichten „mitzunehmen" und damit vielleicht auch einige Bilder vor Ihrem geistigen Auge entstehen zu lassen.
Allerdings war ich nie ein Science Fiction - Autor, deshalb habe ich auch diese beiden letzten Kapitel auf realen Hintergründen aufgebaut.

Der Leser möge also entschuldigen, wenn sich Realität und Fiktion am Ende der Geschichte so vermischen, daß sich deren Grenzen nicht mehr klar erkennen lassen.
Dies ist jedoch durchaus so gewollt, denn die Geschichte sollte ja auch einen gewissen Unterhaltungswert, eine Moral, vor allem aber einen stimmigen Abschluß haben.
(Ein Abschluß ist bei einer Autobiographie immer etwas schwierig, da ja der Autor in den meisten Fällen noch lebt)

Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!
Schließlich möchte man ja auch wissen, ob und wie die Geschichten beim Leser überhaupt ankommen?

Eigentlich schreibe ich ja viel lieber zynische, bissige und satirische Artikel.
Diese Geschichte ist deshalb sozusagen „Neuland" für mich.

Also, - keine falsche Zurückhaltung bitte!
Reinhard Schanzer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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